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Krisenvergleich früher und heute

Publikation: Finanzmagazin |  Ausgabe: SPEZIAL Dezember 2008 | Datum: 10.12.08

Die Ausmaße der aktuellen Kapitalvernichtung erreichen 2008 neue Dimensionen und ein Vergleich mit früheren Krisen signalisiert den Eintritt in einen völlig unbekannten Abschnitt der Geschichte.

Die Bilanz der aktuellen Kapitalvernichtung ist enorm. In der Folge ein Überblick:

Das US-Immobilienvermögen lag im Jahr 2006 bei 202 Prozent des BIPs. Die Immobilienpreise, gemessen am S&P/Case-Shiller Home Price Index für 20 Metropolen sind seit ihrem Höchststand im August 2006 um 20,3 Prozent gefallen, was einer geschätzten Vermögensvernichtung im Ausmaß von 41 Prozent der US-Wirtschaftsleistung gemessen am BIP entspricht.

Der IWF rechnet im globalen Finanzsystem infolge der Immobilienkrise mit Verlusten von knapp 1.400 Milliarden US-Dollar. Bis dato haben amerikanische und europäische Banken Verluste in der Größenordnung zwischen 640 und 735 Milliarden US-Dollar erlitten. Haymon Advisors beziffert alleine die tatsächlichen Hypothekenverluste in den USA mit 1,1 Billionen US-Dollar.

Die Welt-Aktienmarktkapitalisierung schrumpfte in der gegenwärtigen Baisse um 32 auf 30 Billionen US-Dollar. YTD büßte der Welt-Aktienindex bis Ende Oktober auf Dollarbasis knapp 44 Prozent ein. Alleine der S&P 500 Index verlor im laufenden Jahr ca. 42 Prozent (Stichtag: 12.11.2008). Bis Ende Oktober brachen die Aktienmärkte Chinas und Russlands auf Dollarbasis um jeweils 65,1 bzw. 56,0 Prozent ein. Die Aktien der Schwellenländer haben per 12. November gemessen am MSCI Emerging Markets Index in den vergangenen 52 Wochen über 49 Prozent an Wert verloren. Aufgrund dieser Dimension sprechen Statistiker bereits von einem „black swan“, einem negativen Ereignis, das nur mit einer marginalen Wahrscheinlichkeit eintritt. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932. Laut Volatilitätsstudien von Bloomberg lag die Wahrscheinlichkeit eines Crashs im Ausmaß von 40 Prozent im MSCI Emerging Markets Index bei lediglich 0,3 %. Doch es kam noch schlimmer.

Besonders hart traf es die Realwirtschaft. Im dritten Quartal 2008 schlitterte die US-Wirtschaft mit einem Negativwachstum von 0,3 Prozent in eine Rezession und für das laufende Quartal prognostiziert die OECD bereits eine Kontraktion im Ausmaß von 2,7 Prozent. Ein klarer Krisenindikator sind auch die Entwicklungen in der Automobilindustrie: In den USA brach im laufenden Jahr bis Ende Oktober der Autoabsatz (PKWs plus Kleinlaster) gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14,6 Prozent ein, wobei sich der Rückgang im Monat Oktober auf 31,9 Prozent beschleunigte.

Die Seefrachtraten, gemessen am Baltic Dry Index, fielen seit dem Jahreshoch am 20. Mai um ca. 92 %. Das ist ein Indikator für eine nachlassende Rohstoffnachfrage im asiatischen Raum. Die Commodity-Preise purzeln: Der Preis für die Ölsorte Brent verlor seit seinem Jahreshoch bis 12. 11. bereits 63,4 Prozent (Kurs von 53,94 US-Dollar), da nicht einmal eine Produktionsdrosselung der OPEC dem weiteren Verfall Einhalt gebieten konnte. Das chinesische Wirtschaftswunder wird deshalb immer mehr in Frage gestellt. Ein von der chinesischen Regierung am 9. 11. bekanntgegebenes Konjunkturpaket von 586 Milliarden US-Dollar bzw. 15 Prozent des BIPs war leider kein verfrühter Faschingsscherz, weshalb sich laut kritischen Volkswirten der Verdacht einer Beschönigung des China-Booms erhärtet.

Während die Japan-Krise (18 Jahre kontinuierlich fallende Aktienkurse) „lediglich“ eine Fehlspekulationskrise im Zuge einer Aktien- und Immobilien-Bubble war, so herrscht heute die einzigartige Kombination aus Asset-Bubble und der größten Schulden(Kredit)-Krise der Menschheitsgeschichte. Dies geschieht unter den Rahmenbedingungen einer ursprünglich inflationären Grundtendenz (Ölschock Sommer 2007) und der größten Vernetzung der Weltwirtschaft, die es je gegeben hat. Waren vergangene Finanzkrisen entweder Schuldenkrisen oder das Ergebnis von spekulativen Blasen an den Aktien- und/oder Immobilienmärkten, so sind heute beide Krisenarten vereint. Alleine ein reines Platzen von Spekulationsblasen an den Immobilienmärkten hatte schon in der Vergangenheit verheerende Langzeitwirkungen auf die Volkswirtschaft. Das kann anhand klarer Zahlen und Fakten belegt werden.

Weiter in der Printausgabe.

Autor: Michael Kordovsky

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