Der Mann mit den Lizenzen zum Optimieren
Publikation: Bauen und Wohnen | Ausgabe: SPEZIAL 2011 | Ressort: bauen.wohnen | Datum: 6.10.11
Wilfried Ebster reicht Patente ein und räumt Preise ab wie kein Zweiter in seiner Branche. Das spricht für die Intelligenz des Mannes und seinen Instinkt zum Optimieren – ihn interessieren nur Lösungen. Neben dem wachen Geist schlägt ein großes Herz, denn seine Geniestreiche dienen den Menschen, sparen Energie, senken Kosten sowie CO2, schützen die Gesundheit. Eine kleine Geschichte über den Magier der Fernwärme-Nutzung, an dessen Erfindungen kein vernünftiger Planer oder Bauherr vorbeikommt, denn sie setzen schon heute die Standards von morgen.
Zillertal traf Metropolis und Wilfried Ebster stockte der Atem. Das war vor vierzig Jahren, als er zum ersten Mal die riesigen Rohre rund um die ehemalige Dachauer Papierfabrik sah. Es war um ihn und seine Zukunft in Tirol geschehen: „Ich war so fasziniert von den Dimensionen, das wirkte wie eine Inspiration, ich konnte danach einige Nächte lang nicht schlafen – dort wollte ich unbedingt hin.“ Zu der Zeit zog es viele Menschen nach München, doch weder die Olympiade machte großen Eindruck auf den jungen Heizungstechniker noch die bayrischen Hippies in Schwabing – aber die Fernwärme-Anlagen der Stadt weckten sein berufliches Interesse. Ihnen wollte er nahe sein. Doch Tiroler bleibe Tiroler oder Zillertaler bleibe eben Zillertaler, wie er sagt, und so pendelt der Erfinder seit besagten vier Jahrzehnten zwischen seiner geliebten Heimat mit Familie und der geliebten Arbeit mit den drängenden Aufgaben.
Ebster muss es geahnt haben, dass es mit der munteren Energieverschwendung nicht ewig so weitergehen konnte, als er seinen Koffer packte und auf Jobsuche ging. Der „Club of Rome“ hatte gerade seine Sicht auf die Grenzen des Wachstums publiziert, da angelte sich der ambitionierte Geselle schon seinen Traumjob bei einem Heizungsanlagen-Hersteller in München. Ein paar Jahre später absolvierte er die Meisterprüfung. Als Ebster im Betrieb von der Montage in die Planung wechselte, zeichnete sich bereits ab, dass er einfach immer etwas größer dachte: Erzeugte ein kalorisches Kraftwerk seinen Strom auf fossiler Basis, so wollte Ebster das eigentliche Abfallprodukt namens Wärme weiter optimal nutzen für öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser oder Wohnanlagen. Letztere befanden sich historisch meist im Besitz von Genossenschaften und so eine große Kooperative namens Gewofag nahm allmählich Notiz von dem Novizen im heimischen Geschäft mit der Wärme.
Freund der Fernwärme
Gewofag steht für die Gemeinnützige Wohnungsfürsorge AG aus München, der Name stammt noch aus dem Gründungsjahr 1928. Damals erlebte der soziale Wohnungsbau seine erste Blüte. Aufgeweckte Architekten und Ingenieure schufen neben Wohnanlagen mit Gemeinschaftsräumen, Spielplätzen sowie Parks auch eine Symbiose mit der Industrie in der Form von Fernwärme. „Die großen Elektrizitätswerke verbrannten Kohle für die Stromgewinnung, der erzeugte Dampf trieb wie heute Turbinen an und musste anschließend in riesigen Kühltürmen aufwendig kondensiert werden – dadurch wurde viel Energie vernichtet“, erzählt Ebster von den Anfängen der Fernwärme. Der als Abwärme der Industrie eine große Zukunft bevorstand. Das dauerte allerdings noch ein wenig, bis die Öfen in den Wohnungen aus waren und Zentralheizungen das Wärmen übernehmen. Das funktioniert so:
Im Fernwärmenetz strömt aus dem Heizkraftwerk bis zu 180 Grad heißes Wasser hinein in ein geschlossenes Rohrsystem – das ist der Vorlauf. Dicke und gegen Wärmeverlust isolierte Röhren liegen frostsicher im Erdreich vergraben und schicken das Wasser auf einen ewigen Kreislauf. Hat die abgegebene Wärme ihre Mission erfüllt, Zimmer erwärmt und Warmwasser aufgeheizt, fließt sie mit einem geringeren Druck wieder zum Kraftwerk – das ist der Rücklauf. Der die Kraftwerksbetreiber bis vor kurzem zu energetisch unsinnigen Lösungen nötigte: den Einsatz von Kühltürmen oder Kühlwasser zum Kondensieren von Dampf der Niederdruckturbinen auf eine passende Temperatur von rund 80 Grad. Auch diesen Dinos des Industriezeitalters sollte Ebster später den Kampf ansagen, als die Gewofag ihn als neuen technischen Leiter präsentierte. Abends erschien der versierte Anlagenbauer zum Vorstellungsgespräch, am nächsten Morgen stand er einem Team von 70 Mitarbeitern vor, das sich mit der Instandhaltung und Modernisierung der Heizungsanlagen von 25.000 Wohnungen beschäftigt. Anno 1992. Heute betreut die Gewofag als städtische GmbH um die 35.000 Wohnungen und besitzt damit eine Monopolstellung in der bayrischen Landeshauptstadt.
Mehr zu Wilfried Ebster und zum Thema Fernwärme lesen Sie in der Printausgabe.
Autor: Stefan Becker
Foto: Stefan Becker













