Rette sich, wer kann!
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: April 2010 | Ressort: eco.wirtschaft | Datum: 26.3.10
Tatütata und Tätäräta. Die Spannung steigt. Die Kür der oder des Siegers steht kurz bevor. Bald betritt Landesrat Bernhard Tilg die Bühne: Er wird in die Geschichte eingehen als der Mann, der den gordischen Knoten des Tiroler Rettungswesens mit einer als Ausschreibung getarnten Klinge zerschlug. Und schlagartig entledigt sich Tilg gleich mehrerer Probleme. Er bricht das Rettermonopol des Roten Kreuzes. Er befreit die Gemeinden vom Vertragsgefeilsche mit den Helfern. Er hievt die ungeliebte Leitstelle des Landes per Gesetz an die Spitze der neuen Organisation. Er verhandelt mit den Bietern und wundert sich wahrscheinlich schon ein wenig, was die bodengebundene Rettung zukünftig kosten wird.
Diese Aktion, von Kritikern auch als Aktionismus tituliert, demonstriert dem Kontinent eindrucksvoll Tirols Liebe zu Europa. Sollte dem Land jemals der Ruf angehaftet haben, zu den eher euroskeptischen Regionen des Kontinents zu zählen, so darf die internationale Ausschreibung als klares Statement der Regierung interpretiert werden – wir können auch mit der EU. Bloß zu welchem Preis, fragt die Opposition? Und bildet dabei interessante Koalitionen, wobei die Grünen und die Liste Fritz sich als Retter des Roten Kreuzes positionieren. Denn dessen Rolle im öffentlichen Leben steht nun zur Disposition, die Hilfsorganisation mit der langen Tradition und dem internationalen Charakter bangt im Land um die Dominanz mit Ablaufdatum.
Die Bieter und das Gebot der Stunde
Ursprünglich beteiligten sich fünf Bieter an der Ausschreibung und zwei stiegen auch ganz schnell wieder aus: das Grüne Kreuz aus Wien und die Firma Promedica aus Deutschland. Das sei zwar ein Hammerauftrag, sagt deren Geschäftsführer Ingo Lender, das ganze Thema für seinen Geschmack aber viel zu politisch – und da waren es nur noch drei. Bis heute. Weiter mit von der Partie sind die Bietergemeinschaft aus Tirol, der Verbund bestehend aus den Hilfsorganisationen Rotes Kreuz, Samariterbund, Malteser und Johanniter. Eine Bietergemeinschaft aus Deutschland mit den Firmen Gard, Hamburg, und MKT, München, schaffte es ebenfalls in die zweite Runde. Genauso wie das dänische Unternehmen Falck. Das gerne zum Feindbild stilisiert wird: Ein gewinnorientiertes Unternehmen, welches einem skandinavischen Dämon huldigt – dem Dumping.
„Dumpinglöhne, Dumpingpreise, wir kennen die Unterstellungen, aber wir müssten doch verrückt sein, würden wir auf so einer Basis unsere Dienstleistungen anbieten – das wäre auch wirtschaftlich völlig unsinnig“, sagt Christoph Lippay vom dänischen Rettungskonzern Falck. Die Wikinger sind auf Expansionskurs, mittlerweile in 11 europäischen Ländern aktiv und planen nun die Offensive auf dem deutschsprachigen Markt. Denn ähnlich wie in Österreich fußt auch in Deutschland der Rettungsdienst primär auf dem ehemaligen Monopol des Roten Kreuzes und jedes Bundesland organisiert seinen Rettungsdienst selbst. Das treibe zum Teil ganz originelle Blüten, sagt Ingo Lender, Geschäftsführer des privaten Rettungsdienstes Promedica.
„Aktuell gibt es in einigen Landkreisen im Osten Deutschlands sogar die Tendenz, den Rettungsdienst de facto wieder zu verstaatlichen – und das bei hohen Budgetdefiziten“, so Lender. Seine Firma engagierte sich in Tirol in der deutschen Bietergemeinschaft, doch von dem ursprünglichen Trio blieb nur noch ein Duo: Alle drei Unternehmen verbinde eine strategische Allianz, so Lender, die beispielsweise zusammen einkaufe und so am Markt ganz andere Preise erziele als ein Einzelner. „Wir hatten 50 Rettungswagen ausgeschrieben und beim Kauf pro Wagen rund 10.000 Euro Rabatt erhalten – in Summe haben wir eine halbe Million Euro gespart und das macht sich in der Kalkulation bemerkbar.“
Egal ob rasantes Blaulicht oder einfache Kanüle, die Einkaufsgemeinschaft agiert im Verbund und erwirbt die Verbände eben im Dutzend billiger. Doch gilt die Praxis nicht für jeden Verband: In Tirol, so heißt es, kümmere sich jede der 41 Ortsstellen um den eigenen Bedarf des täglichen Bürolebens. Und auch für die Beschaffung anderer Güter gebe es kein kollektives Konzept. Bis heute. Oder besser bis gestern, denn heute befindet sich das Rote Kreuz ja erstmals friedlich vereint in einer Bietergemeinschaft mit Samariterbund, Maltesern und Johannitern. Tirols Kreuzträger mobilisieren die Kräfte und hoffen für sich auf einen guten Ausgang der Ausschreibung. Allein diese Allianz ist ein Novum, denn bisher kam niemand dem Roten Kreuz ernsthaft in die Quere, weder auf der Straße noch in der Politik.
Johanniter und Malteser verzichteten brav auf das Blaulicht, ließen lieber die Finger vom lukrativen Rettungsmarkt und begnügten sich in Demut mit dem Transport von Kranken oder Behinderten. Dann probte der Samariterbund den Aufstand, bot tatsächlich mit in dem von der Gemeinde Wildschönau ausgeschriebenen Wettbewerb zur Bestellung des Rettungsdienstes – und gewann diesen auch noch. Die Reaktion der fairen Verlierer? Klagen wegen möglicher Formfehler in der Ausschreibung. Der Samariterbund aber behauptete sich und verteidigte tapfer sein kleines Territorium in bester Asterix-Manier. Und heute sitzen alle Tiroler Retter vereint in einem Boot. Kann das gut gehen?
Niemand sagt etwas zur Verteilung der möglichen Aufgaben, wer zukünftig was macht und welchen Anteil an der Arbeit haben soll. Die drei Kleinen wären auf den Deal bestimmt nicht eingestiegen, würden sie weiter wie bisher am langen Arm des großen Bruders schön kurz gehalten. „Bis zur Teilnahme an der Ausschreibung hatte ja wieder keiner vom anderen gewusst, wer was vorhat, wer eventuell mit wem kooperiert“, sagt Tirols Samariterbund-Geschäftsführer Gerhard Czappek. Das sei nun anders und weil die Ausschreibung den Bietern ganz schön viel abverlange, sei diese Konstellation für die heimischen Anbieter die einzig vernünftige. „Die letzte Frage wird sein, ob es denn reicht“, so Czappek, und eine Antwort darauf sollte theoretisch schon Ende März von Landesrat Bernhard Tilg an die verbliebenen Bieter ergehen. Doch wahrscheinlich wird’s ein wenig später, denn der potenzielle ärztliche Leiter des Rettungsdienstes lässt ja auch noch auf sich warten. Oder zumindest seine offizielle Bestellung.
Das Verfahren sei noch im Gange, heißt es aus dem Landhaus. Wie viele Damen und Herren sich beworben haben oder ob sich überhaupt jemand für den Job zwischen allen Stühlen interessierte, dazu später mehr. Denn die Position hat es in sich. Anders als beim Rettungsdienst sind die Aufgaben und Befugnisse des ärztlichen Leiters bereits im Gesetz deutlich definiert. Kleine Kostprobe gefällig zum despotischen Potenzial des Jobs? Kommt gleich. Vorerst zurück zu den zukünftigen Weisungsempfängern. Drei Bieter dürften aktuell mit der Kommission verhandeln, die Bieter aus Tirol, die Bieter aus Deutschland und Falck. Denn Falck trete allein an, sagt dessen Sprecher Lippay. Wobei das Unternehmen grundsätzlich an Kooperationen interessiert sei, wie Ole Qvist dem deutschen Magazin „Rettungsdienst“ erzählte. Qvist ist Falcks Mann für die neuen Märkte und er sagte weiter, seine Firma komme als Freund und wolle gerne mit den heimischen Anbietern kooperieren – allerdings keine Konzessionen machen, wenn es um die Qualität der Arbeit gehe.
An der Frage scheiden sich aktuell die politischen Geister: Wie viel Qualität braucht das Rettungswesen und können Freiwillige dem geforderten Standard gerecht werden? Bernhard Ernst von der Liste Fritz votiert dabei ganz klar für den Erhalt und den weiteren Einsatz der ehrenamtlichen Helfer. „Bisher hat es noch nie Anzeigen gegen Sanitäter oder Notärzte gegeben, das belegt doch ein Funktionieren des bewährten Systems“, sagt Ernst, einst selbst ehrenamtlicher Sani. Der Clubobmann der Liste Fritz engagiert sich stark für den Ausstieg aus der Ausschreibung, deren Existenz er für einen großen Fehler hält.
Auch die Grünen fordern die Absage des Verfahrens. Gebi Mair und Georg Willi plädieren stattdessen für Reformen und eine Fortsetzung des Rettungsdienstes mit freiwilligen Helfern. Sie deuten die in der Ausschreibung verlangten Qualifizierungen des Personals primär als politisches Druckmittel. Denn in dem Dokument werde gefordert, dass binnen drei Jahren der Rettungsassistent den Rettungssanitäter ablöst. Die neue Ausbildung aber dauert 2 Jahre, da müssten selbst Zivis mit ihrer 9-monatigen Dienstzeit passen und die Wahrscheinlichkeit wird gering sein, dass die ehrenamtlichen Retter die Fortbildung im großen Stile mitmachen. Damit sie in ihrer Freizeit nachts oder am Wochenende, an Feiertagen oder in den Ferien helfen dürfen.
Aktuell seien in Tirol über 4000 Ehrenamtliche beim Roten Kreuz aktiv, sagt Landesprecher Fritz Eller. Diese hätten 2008 im Rettungsdienst 782.445 Stunden freiwillige Arbeit geleistet und bei einem theoretischen Stundenlohn von 20 Euro die Steuerzahler um 15.648.900 Euro entlastet. Das macht für jeden Retter durchschnittlich 183 Stunden und diese dividiert durch einen 12-Stunden-Dienst ergibt 15 Tage pro Jahr. Addieren sich noch die anderen sozialen Dienste dazu, kommt jeder Helfer durchschnittlich sogar auf 18 Tage.
Den gesamten Artikel sowie die Situation der Tiroler Flugrettung finden Sie in der Printausgabe.
Autor: Stefan Becker
Foto: Stefan Becker













