Schuldenkrise und Kreditklemme kosten Wirtschaftswachstum
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: Dezember 2011/Jänner 2012 | Ressort: eco.geld | Datum: 7.12.11

Das gegenwärtige Marktumfeld schürt Angst vor Hyperinflation und Währungsreformen. Doch die Gefahr lauert ganz woanders. Aktuelle makroökonomische Trends signalisieren nämlich die steigende Gefahr einer deflationären Kontraktion infolge einer sich abzeichnenden Kreditklemme und staatlicher Sparpakete.
Ein stärkerer US-Dollar und der Sonderfaktor Umsatzsteuererhöhungen in Italien und Griechenland führten dazu, dass die Inflationsrate des Euroraums im September ein Jahreshoch von 3 Prozent erreichte. Gegen eine nachhaltige Inflation sprechen aber eine konjunkturelle Abkühlung, eine restriktivere Kreditvergabe der Banken und massive staatliche Sparprogramme.
Kreditkontraktion droht
Bereits Basel III galt mit einer schrittweisen Anhebung des harten Kernkapitals (Core Tier 1) von 2 auf 7 Prozent der risikogewichteten Aktiva bis 2019 (inkl. Kapitalerhaltungspuffer) als eine große Herausforderung. Diverse Auswirkungsstudien warnten in diesem Zusammenhang vor einer Schrumpfung der aus Krediten und Schuldverschreibungen bestehenden risikogewichteten Aktiva und somit konkret vor einer Kreditklemme, die vor allem Österreich und auch die Tiroler Hotellerie und Gastronomie hart treffen würde. Alleine ein Core Tier 1 von 4 Prozent, ein Kernkapital von 6 Prozent und eine Eigenmittelquote von 8 Prozent würden laut einer Untersuchung des IHS in Österreich zu einer Schrumpfung der Kreditvolumina um bis zu 20 Prozent führen, was auf 10 Jahre betrachtet die Wirtschaftsleistung (BIP) um 5,6 Prozent beeinträchtigen würde.
Seit dem 27.10.2011 ist die Wirklichkeit noch viel krasser. Der freiwillige 50-Prozent-Schuldennachlass für Griechenland kann den großen Finanzinstitutionen insgesamt – unter Berücksichtigung der Folgen aktueller Verwerfungen an den europäischen Bondmärkten (Übergreifen der Griechenland-Panik auf italienische Staatsanleihen, deren Renditen bei Laufzeiten von 10 Jahren auf über 7 Prozent stiegen) – mehrere hundert Milliarden Euro kosten. Vorbeugend wurde deshalb von der EBA (Europäische Bankenaufsicht) bis Ende Juni 2012 eine harte Kernkapitalquote (Core Tier 1 Ratio) von mindestens 9 Prozent der risikogewichteten Aktiva eingeführt. Bei einer ersten Vorerhebung im Oktober wurde von der EBA bei 70 Großbanken im EU-Raum ein Kapitalbedarf von 106,4 Milliarden Euro ermittelt. Davon entfallen 2,9 Milliarden auf Österreich.
Für österreichische Banken ist diese Summe nicht ausreichend, denn alleine der zusätzliche Kapitalbedarf der RZB ist von 1,9 auf 2,5 Milliarden Euro gestiegen. Der Grund: Die EBA ging bei ihrer letzten Einschätzung der Kapitalerfordernisse von den Halbjahresergebnissen der Banken aus. Doch in der Zwischenzeit haben die meisten europäischen Staatsanleihen weiter an Wert verloren, woraus ein zusätzlicher Abschreibungs- und Kapitalbedarf resultiert. Vorgeschrieben ist nämlich noch ein zusätzlicher Puffer für Marktwertverluste bei Anleihen von EWR-Staaten. Um diesen zu quantifizieren, erfolgt per Stichtag 30.09.2011 ein Vergleich der Buchwerte der EWR-Staatspapiere mit deren aktuellen Marktwerten. Die Differenz zwischen Buch- und Marktwerten ist dann in hartem Kernkapital (einbezahltes Kapital, offene Reserven und Gewinnvorträge) zu halten, woraus eine Core Tier 1 Ratio von weit über 9 Prozent resultiert.
Die Folgen sind fatal: Obwohl gewisse Spielräume bestehen, durch Änderungen der internen Risikobewertungssysteme die risikogewichteten Aktiva zu schmälern und somit das erforderliche Kernkapital „herbeizurechnen“, ist eine stärkere Kreditklemme, als sie Basel III zur Folge gehabt hätte, vorprogrammiert, denn die Aufnahmefähigkeit der Kapitalmärkte für Bankaktien ist derzeit sehr schwach ausgeprägt und die staatlichen Handlungsspielräume in der Rekapitalisierung von Banken werden immer geringer.
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Autor: Michael Kordovksy













