Krisengeschüttelter Arbeitsmarkt.
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: Februar 2010 | Ressort: eco.titel | Datum: 5.2.10

Mit 6,3 % Arbeitslosenquote im Jahr 2009 liegt Tirol zwar deutlich unter dem Österreich-Durchschnitt von 7,2 %, dennoch war der Anstieg in den letzten Jahrzehnten noch nie so rasant wie im letzten Jahr. Warum sich die Arbeitsmarktsituation auch 2010 trotz eines prognostizierten leichten Wirtschaftswachstums nicht entspannen wird und welche neuen Trends auf dem Arbeitsmarkt zu erwarten sind.
Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise zog den stärksten weltweiten Einbruch der Realwirtschaft seit 50 Jahren nach sich. Der Arbeitsmarkt reagiert auf diese Krise mit einem Beschäftigungsrückgang und einer markanten Zunahme der Arbeitslosigkeit, die voraussichtlich auch im Jahr 2010 anhalten wird.
„Das Jahr 2009 war aus Sicht des Arbeitsmarktes auf jeden Fall außergewöhnlich“, beschreibt AMS-Tirol-Geschäftsführer Anton Kern die Situation in Tirol. „Höhere Arbeitslosenquoten gab es nur in den Jahren 1953/54 und 1997/98 mit ebenfalls 6,3 %, jedoch war der Anstieg noch nie so stark. Das rasante Tempo des Arbeitslosenanstiegs ist einmalig in den letzen Jahrzehnten“, betont Anton Kern. Im Durchschnitt waren im Jahr 2009 20.198 Personen
arbeitslos gemeldet, das sind um 3.801 Personen mehr als im Vorjahr. Trotzdem kann man sagen, dass Tirol im Vergleich zu Österreich mit 7,2 % noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen ist. Einzig in Oberösterreich und Salzburg fiel die Arbeitslosenquote niedriger aus als in Tirol.
„Diese Zahlen sind kein Grund zur Freude. Die gute Zusammenarbeit sowohl mit der heimischen Wirtschaft als auch mit dem Land Tirol, den Sozialpartnern und zahlreichen weiteren Institutionen hat aber dazu beigetragen, Schlimmeres zu verhindern“, so Kern weiter.
Die stärksten Einbrüche waren in der exportorientierten Industrie zu vermelden, den geringsten Rückgang gab es im Handel zu verzeichnen. Auch der Tourismus zeigt sich nach einem leichten Schwächeln im Sommer seit Dezember wieder recht stabil. „Ein starker Anstieg der Arbeitslosenquote bei gleichzeitig sehr hoher Beschäftigungsquote“, erläutert auch Mag. Evelyn Geiger, Direktorin der Wirtschaftskammer Tirol, die Situation am Arbeitsmarkt. „Im Dezember 2009 verzeichnete Tirol die zweithöchste jemals erzielte Beschäftigung. Lediglich im Juli 2008 gab es mit 310.589 Menschen eine höhere Zahl an Beschäftigten. Das Jahr 2009 war wirtschaftlich gesehen jedenfalls das schwierigste Jahr seit 1945“, so Geiger weiter. Die deutlichen Initiativen in der Arbeitsmarktpolitik wie die Reform der Kurzarbeit im Februar 2009 und die Bildungskarenz tragen wesentlich zur Dämpfung des Anstiegs der Arbeitslosigkeit bei.
Wer ist arbeitslos?
Den weitaus größten Anteil mit 90 % aller Arbeitslosen in Tirol bilden Personen ohne höhere Ausbildung – 42 % haben nur die Pflichtschulbildung, 41,3 % eine Lehrausbildung und 7,3 % eine mittlere Schulausbildung. Geschlechtsspezifisch gesehen stieg die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 2009 bei den Frauen um rund 15 %, bei den Männern um rund 30 %.
Die Zahl der sogenannten Hilfsjobs wird abgesehen vom Tourismus auch nach der Krise weiterhin rückläufig sein. „Der Trend geht eindeutig zu höheren Qualifikationsabschlüssen“, so Anton Kern. „Wo noch vor 10 Jahren Stellen mit abgeschlossener Handelsschule oder Lehrabschluss besetzt wurden, wird heute meist Maturaniveau vorausgesetzt, wo früher ein HAK-Absolvent zum Zuge kam, wird heute ein Akademiker eingestellt.“ Durch die Krise werden dieser schon vorher bemerkbare Strukturwandel und die damit einhergehenden Veränderungen der Anforderungen an die Arbeitskräfte noch mehr beschleunigt. Der schon im Jahr 2008 herrschende Fachkräftemangel in Tirol wird also auch nach der Krise ein großes Thema in Tirol sein.
Betroffene Branchen
Mit einer Zunahme der Arbeitslosigkeit um 60,8 % schlägt die Industrie, allen voran die exportorientierte Industrie aus den Bereichen Metallverarbeitung und Maschinenbau, mit dem größten Anstieg an Freistellungen zu Buche, gefolgt von den Branchen Verkehr (+29,7 %), Bau (+27 %) und Tourismus (+12 %). Somit ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Tiroler Industriebetrieben deutlich höher als in anderen Bereichen. Der Handel konnte auf Grund der hohen Kaufkraft und einer guten wirtschaftlichen Situation den geringsten Anstieg an Arbeitslosen verbuchen. Dr. Reinhard Schretter, Präsident der Industriellenvereinigung Tirol, sieht auch 2010 noch den einen oder anderen Arbeitsplatz vor allem im Autozulieferbereich, Maschinenbau und in der Bauindustrie mit Unsicherheit behaftet, betont aber auch, dass in den letzten Jahren bis 2008 einige tausend neue Arbeitsplätze in der Tiroler Industrie geschaffen wurden. Beim Neujahrsempfang 2010 der Industriellenvereinigung Tirol spricht er sich auch deutlich für die Arbeitszeitflexibilisierung und ein Zusammenrücken mit den Sozialpartnern aus.
Arbeitsstiftung ausgeschöpft
Mit 496 Neueintritten 2009 sind die 500 Plätze der offenen Arbeitsstiftung Tirol mittlerweile ausgeschöpft, allein 260 davon kommen von Swarovski. Das Stiftungsarbeitslosengeld wird dabei vom AMS geleistet, bei den zusätzlichen 7.000 Euro Stiftungsgeld für Umschulungsmaßnahmen werden 5.000 Euro vom Betrieb, 1.000 Euro vom Land Tirol und weitere 1.000 Euro vom AMS Tirol berappt. Ab dem 26. freigestellten Mitarbeiter leistet das Unternehmen sogar 6.000 Euro wie im Falle von Swarovski. In der Pflegestiftung des Landes Tirol werden derzeit 131 Personen betreut, was insgesamt für das Jahr 2009 eine Summe 701 freigestellten Mitarbeitern in Stiftungen in Tirol ergibt.
Lesen Sie die gesamte Titelstory inkl. einem Interview mit KSV-Niederlassungsleiter Walter Hintringer zur aktuellen Konkurssituation in der Printausgabe.
Autor: Doris Penna













