Die Krise ist noch nicht überwunden.
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: Februar 2010 | Ressort: eco.wirtschaft | Datum: 5.2.10
Die österreichische Wirtschaft überraschte zum Jahresauftakt mit positiven Wirtschaftsdaten. So verzeichnete das BIP in den letzten beiden Quartalen im Vergleich zum Vorquartal einen Anstieg von jeweils 0,5 Prozent und auch die Staatsverschuldung erreichte nicht das befürchtete Rekordniveau. Last, but not least steigt auch die Zuversicht sowohl bei den Konsumenten als auch den Unternehmern wieder an. Doch noch ist die Krise nicht überwunden. Einige Nachwehen der Krise werden erst im Laufe des Jahres spürbar und können den Aufschwung dämpfen.
Laut OeNB-Konjunkturindikator wird das reale BIP auch im 1. Quartal 2010 wieder um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal steigen und damit den Wachstumstrend aus den beiden Vorquartalen fortsetzen. „Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass das derzeitige Wachstum wesentlich auf temporären Faktoren beruht. Für die folgenden Quartale muss deshalb möglicherweise wieder mit einem tendenziell schwächeren Wachstum gerechnet werden“, so OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny zu den Risiken der aktuellen Konjunkturentwicklung. Nichtsdestotrotz scheint die Krise aber überwunden. So rechnet auch das WIFO (Wirtschaftsförderungsinstitut Österreich)
mit einem realen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um durchschnittlich 1,8 Prozent in den nächsten fünf Jahren (2010 bis 2014). Damit wird das Wachstum nach der schwersten Rezession seit den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts jährlich um knapp 0,75 Prozentpunkte geringer ausfallen als im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Auch der Vorsprung Österreichs gegenüber dem Durchschnitt des Euroraumes verringert sich deutlich, weil auch die Dynamik der Exporte nach Ostmitteleuropa schwach bleiben dürfte und der Finanzsektor weiterhin fragil ist, so die Wifo-Experten. Durchaus gemischt sind auch die Erwartungen von RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek für die Region. Nach dem signifikanten Tiefpunkt, den die Konjunkturentwicklung Osteuropas 2009 markiert hat, rechnet er in den EU-Ländern Mitteleuropas mit einer mäßigen Erholung der Wirtschaft mit Wachstumsraten zwischen ein und zwei Prozent, während die Balkanländer höchstens eine magere Stabilisierung sehen werden. Die vom Absturz am stärksten betroffenen Länder Russland und die Ukraine sollten mit Wachstumsraten von 3,5 Prozent zumindest einen Teil der Einbußen wieder aufholen. Für 2011 erwartet Brezinschek für die CEE-Länder dann wieder Wachstumsraten von 2,5 bis vier Prozent.
Langsame Erholung oder rasanter Aufschwung?
Ähnlich wie die österreichischen Wirtschaftsforscher sehen auch die meisten europäischen und internationalen Konjunkturexperten 2010 als erstes Jahr einer länger anhaltenden Erholung, die aber langsam und in Wellen vonstatten gehen wird und erst mit der Zeit an Dynamik gewinnen wird. Nach Vorhersagen der OECD wird etwa das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2010 1,4 Prozent und 2011 1,9 Prozent betragen, das weltwirtschaftliche Institut in Kiel sieht die Zunahme des realen Bruttoinlandsproduktes 2010 bei 1,2 und 2011 bei zwei Prozent.
Auf den ersten Blick erscheint ein solches Verlaufsmuster des Aufschwungs plausibel. Es entspricht dem Bild des konjunkturellen „W“. Danach geht es 2010 noch nicht so richtig aufwärts – es gibt die kleinen „Aufs“ und „Abs“ zwischen den beiden großen Strichen des „W“. Erst 2011 folgt der befreiende Aufstrich nach oben. Auch der deutsche Makroökonom Dr. Martin Hüfner war lange Zeit ein Verfechter dieser Formation des Aufschwungs. Inzwischen kommen ihm aber Zweifel, wie er in seinem aktuellen Marktkommentar schreibt. Es gibt nämlich auch gute Gründe, warum das Wachstum vor allem in Deutschland (aber auch in anderen Staaten) besser ausfallen wird als bisher angenommen. Das sei aber nicht viel mehr als ein Strohfeuer – 2011 werde deshalb entsprechend schlechter ausfallen, so Hüfner. Hüfner begründet seine These unter anderem mit drei Faktoren, die das Wachstum in diesem Jahr treiben könnten. Da ist einmal der statistische Überhang. Derzeit liegt das reale Bruttoinlandsprodukt (in Deutschland) bereits um fast ein Prozent über dem Durchschnitt des vergangenen Jahres. Das bedeutet: Selbst wenn es in diesem Jahr keine weitere Aufwärtsentwicklung mehr geben würde, hätten wir rein statistisch gesehen bereits ein Wachstum in der Größenordnung von ein Prozent „im Kasten“. Vor allem mit Blick auf die Exporte und den anziehenden Welthandel ist es aber sehr unwahrscheinlich, dass sich in diesem Jahr nichts mehr bewegt. In den letzten sechs Monaten hat sich die deutsche Ausfuhr mit einer Jahresrate von knapp 20 Prozent erhöht und auch in Österreich zogen die Exporte nach dem rapiden Fall in den ersten sechs Monaten 2009 im zweiten Halbjahr in einer ähnlichen Größenordnung an. Selbst wenn man annimmt, dass sich dieses Tempo wieder deutlich abschwächen wird, bleibt immer noch ein erkleckliches Plus. Und das wirkt sich in Staaten mit einer derart hohen Exportquote (in Deutschland knapp 50 Prozent, in Österreich noch deutlich darüber) natürlich stark auf deren Wirtschaftswachstum aus. Hinzu kommen auch noch Impulse von den öffentlichen Finanzen und Konjunkturprogrammen sowie konjunkturbedingte Steuerausfälle und Ausgabenzuwächse. All das wird nämlich rein saldenmechanisch in der Staatsbilanz ebenfalls zu Wachstum.
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Autor: Michael Posselt













