„Ich will erzählen, was das Stück erzählen will“
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: Feber 2012 | Ressort: eco.art | Datum: 2.2.12

Der neue Intendant am Tiroler Landestheater heißt Johannes Reitmeier. Der gebürtige Bayer will mit personellen Veränderungen und Theaterpädagogik dem Haus am Rennweg seine Handschrift verleihen.
Ein Gespräch über konservative Tendenzen und wie man am Theater auch Herzensbildung vermitteln kann.
eco.nova: Was hat Sie an Innsbruck gereizt?
Johannes Reitmeier: Die Tiroler Gegend ist für einen Bayern wie mich eine sehr reizvolle. Und natürlich ist die Wahrnehmung des Tiroler Landestheaters eine überregionale. Ich war immer schon von der Qualität des Hauses und auch von der Stadt begeistert. Insofern ein schöner Schritt ... Ich werde auch voll und ganz hierherziehen, weil ich es wichtig finde, dass ein Intendant auch dort lebt, wo sein Publikum ist.
Sie ließen bei der ersten Pressekonferenz verlauten, den erfolgreichen Weg der Intendantin fortsetzen zu wollen. Wie wird Ihr eigener Weg aussehen?
Ich komme an ein gut geführtes Haus, das sich einer hohen Akzeptanz beim Publikum erfreut. Da wäre es töricht zu sagen: Hopplahopp, hier muss alles anders werden. Deshalb habe ich auch für keinen personellen Kahlschlag gesorgt. Trotzdem werden maßgebliche Funktionen auf der künstlerischen Seite neu besetzt: Thomas Kraus ist der neue Schauspieldirektor und Christina Alexandridis die neue Chefdramaturgin. Angelika Wolff besetzt die Funktion der Betriebsdirektorin und Brigitte Winkler, die bisherige Prokuristin des Hauses, wurde zur kaufmännischen Direktorin ernannt. Viele sind seit Jahren meine künstlerischen Weggefährten und ich setze die Tradition fort, Frauen an den Schaltzentralen zu installieren. Der neue Spielplan wird Mitte März präsentiert, im neuen Sujet. Nach 13 Jahren wird also auch optisch ein neuer Weg beschritten.
Welche Veränderung wird das Haus am Rennweg besonders prägen?
Eindeutig die Theaterpädagogik, die als vierte Sparte am Haus aufgebaut werden soll. Dabei geht es nicht primär um Kinder- und Jugendtheater, sondern um ein begleitendes Weiterbildungsangebot, das nicht im Sinne einer Bühnenproduktion funktioniert, sondern ein ganz spezifischer Kurs ist: Es wird mit Theatermitteln an der Persönlichkeitsbildung von jungen Menschen gearbeitet, um damit deren soziale Kompetenz und die viel zitierte Herzensbildung zu fördern. Nina Velmer wird diese Funktion übernehmen. Sie hat mit Theaterpädagogik in Kaiserslautern bereits gute Erfahrungen gemacht.
Sie haben auch gesagt, dass das Sprechtheater Defizite hat, die Sie ausmerzen wollen?
Ich habe das Gefühl, dass es beim Sprechtheater eine neue Regiehandschrift braucht. Ich möchte die Arbeit der bisherigen Kollegen keinesfalls schmälern. Aber es wird wichtig sein, das Haus im Musik- und Tanztheater sowie im Schauspiel auf gleichem Niveau zu etablieren.
Frau Fassbaender hatte eine eindeutige Präferenz zu Shakespeare. Wie stehen Sie zu Klassikern?
Ich habe ein unverkrampftes Verhältnis zu Klassikern und bereits Goethes Faust inszeniert, auch Ibsens Peer Gynt und Schillers Maria Stuart. Ich mag aber auch die klassische Moderne wie Dürrenmatt, Frisch, Brecht. Nur die Komödie und das absolut zeitgenössische Theater sind nicht unbedingt meine Ressorts. Für die Spritzigkeit von Rossini oder einer komischen Donizetti-Oper gibt es Kollegen, die einen originelleren Zugang haben als ich. Allerdings teile ich eine große Liebe mit der Intendantin: das Musical!
Das Tiroler Publikum ist dem Theater zugewandt, gilt jedoch als eher konservativ. Welche Haltung vertreten Sie als neuer Intendant?
Es ist tatsächlich so, dass ich mit dem Regietheater und vor allem mit dessen Auswüchsen ein Problem habe. Ein Theater darf kein Tummelplatz für die Befindlichkeiten von Regisseuren sein, sondern muss Geschichten erzählen, die das Publikum nachvollziehen kann. Ich will kein Stück zertrümmern!
Was ist Ihnen bis dato vom Tiroler Theaterpublikum erzählt worden?
Mir wurde von einem sehr anspruchsvollen, von seiner Grundtendenz eher konservativen Publikum erzählt. Ein Theaterbesuch ist in Österreich sehr viel selbstverständlicher als in Deutschland. Das zeigt die hohe Zahl der Abos. Rund 8.000 Theaterabonnements am Tiroler Landestheater sind an deutschen Theatern vergleichbarer Größenordnung schier unerreichbar.
Kommt die eher konservative Tendenz Ihrer Regiearbeit entgegen?
Ich will erzählen, was das Stück erzählen will. Das heißt nicht, dass es deshalb angestaubt und altmodisch sein muss. Wenn ich ein Stück auf den Spielplan setze und es neu erfinden muss, dann habe ich vermutlich eine falsche Wahl getroffen. Ein Credo von mir ist, dass ich dem Stück vertrauen muss und mich voll und ganz dafür entscheide.
Innsbruck ist auch eine Sportstadt: Sie könnten zum Beispiel direkt nach der Probe mit den Skischuhen vis-à-vis in die Nordkettenbahn einsteigen und auf der Seegrube Ihre Schwünge ziehen. Haben Sie das vor?
Ich bin kein großer Sportler, sonst würde ich wohl nicht so barock aussehen. Aber ich bin begeisterter Skifahrer. Die großen Distanzen haben mich in den letzten Jahren oftmals davon abgehalten. Das werde ich jetzt mit Sicherheit nachholen!
Autor: Julia Sparber
Foto: Florian Schneider













