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Ausblick 2012: Schlimmer geht‘s (n)immer

Publikation: Wirtschaftsmagazin |  Ausgabe: Feber 2012 | Ressort: eco.geld | Datum: 2.2.12

Schuldenkrise, Kreditklemme, Fortsetzung des Bondcrashs, Konjunkturabschwung und enorme geopolitische Risiken – das sind die Faktoren, die uns bis zum Jahresende und noch länger begleiten werden, weshalb Anleger besondere Vorsicht walten lassen sollten.

Die Wurzeln der heutigen Schuldenkrise liegen lange zurück: Seit den 80er-Jahren nahm infolge von Rationalisierungswellen das Produktivitätswachstum stark zu. Die Reallöhne stagnierten und dies hätte eigentlich zu einem stark rückläufigen Absatzwachstum geführt, wären nicht die fehlenden Reallohnsteigerungen durch schuldenfinanzierte Staatsausgaben und den privaten Schuldenaufbau kompensiert worden. Doch seit der Finanzkrise von 2008 sind die Zeiten der schulden-induzierten Nachfrage vorbei. Unter dem Druck der Finanzmärkte und Ratingagenturen müssen insbesondere die Euroländer, aber auch die USA ihre Staatshaushalte konsolidieren, und das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die primär durch geopolitische Spannungen hochgehaltenen Ölpreise leiteten bereits – unabhängig von fiskalischen Rahmenbedingungen – eine globale Konjunkturabkühlung ein.

Diese zieht auch die Schwellenländer in Mitleidenschaft, denn erfahrungsgemäß ziehen Finanzinstitutionen aus den entwickelten Ländern, insbesondere den USA und Japan, in Abschwungphasen im Zuge einer Risikoreduktion in ihren Fonds und Nostroportfolios ihre Gelder aus dem Ausland ab. Davon sind die Emerging Markets besonders stark betroffen, denn die Liquiditätsabflüsse führen zu höheren Geldmarktzinsen, rückläufigen Investitionen und letztendlich aufgrund der damit verbundenen Belastungen und Absatzeinbußen von Unternehmen zu Gewinneinbrüchen und fallenden Aktienkursen. Kritisch sind deshalb die Entwicklungen in der 2. Jahreshälfte 2011 zu beurteilen. Laut aktuellen Zahlen der Weltbank sind die Bruttokapital-Zuflüsse in Entwicklungsländern gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 309 auf 170 Milliarden US-Dollar eingebrochen. In diesem Zusammenhang verweist die Weltbank auf das zunehmende Übergreifen des Bond-Crashs der Eurozone auf diverse Schwellenländer, aber auch auf andere entwickelte Volkswirtschaften. Dieser sogenannte „Contagion-Effekt“ führt dazu, dass mit Ausnahme von „sicheren Häfen“ wie US-Treasuries, japanischen Government Bonds, deutschen, dänischen, schwedischen und Schweizer Papieren weltweit die Renditen für Staatsanleihen ansteigen, da die Anleger zunehmend das Vertrauen in die Rückzahlungsfähigkeit der Staaten verlieren.

Staatsanleihen grundsätzlich meiden

Die Bonitätsnoten von Anleihen der Euroländer sind im Sturzflug. Alleine am Freitag, 13. Jänner 2012 hat die Ratingagentur Standard & Poors die Kreditwürdigkeit von neun Euroländern zurückgestuft. Dabei haben Österreich und Frankreich ihr AAA-Rating verloren und in der Folge wurde das Rating des Euro-Rettungsfonds EFSF (European Financial Stability Facility) von AAA auf AA+ herabgestuft. Somit verfügen nur noch die Euroländer Deutschland, Nieder­lande, Luxemburg und Finnland über die höchste Bonitätsnote von AAA, während Griechenland, Portugal und Zypern bereits auf Ramschstatus herabgestuft sind. Doch der Downgrade-Reigen geht weiter: Die Ratingagentur Fitch unterzieht gerade die Kreditwürdigkeit von Spanien, Italien, Irland, Zypern, Belgien und Slowenien einer genauen Prüfung, wobei Italien in den kommenden Wochen eine Herabstufung um 2 Stufen von A+ auf BBB+ droht. S&P bewertet Italien bereits mit BBB+, was nur noch 3 Stufen über Junkbond-Niveau ist. Hinzu kommt noch, dass mit den Banken als Bondkäufer immer weniger zu rechnen ist, während Privatanleger ihre Gelder aus Rentenfonds abziehen. Europäische Banken unterliegen ab Mitte des Jahres 2012 wesentlich strengeren Eigenmittelbestimmungen durch die Europäische Bankenaufsicht (EBA). So muss das harte Kernkapital (Aktienkapital plus Gewinnrücklagen) von bisher zwei auf neun Prozent der risikogewichteten Aktiva (Kredite und Anleihen) angehoben werden und zusätzlich ist noch ein temporärer Puffer für Ausfalls­risiken bei EWR-Staatsanleihen erforderlich, der sich an der Höhe der Differenz zwischen dem Buchwert und Marktwert per 30.09.2011 orientiert. Die Folgen sind Anleihenverkäufe und eine restriktivere Kreditvergabe der Banken, die ohnehin im laufenden Jahr in Europa mit einem auslaufenden und neu zu finanzierenden Bankenanleihenvolumen in Höhe von 725 Milliarden Euro konfrontiert sind. Doch gleichzeitig brauchen weltweit die OECD-Staaten mehr Geld denn je – und das gerade in jener Phase, in der sogar Länder wie USA und Frankreich ihre besten Bonitätsnoten verlieren:

Insgesamt werden sich nämlich im Jahr 2012 die 34 OECD-Staaten an den Kapitalmärkten die astronomische Summe von 10,5 Billionen US-Dollar bzw. umgerechnet ca. 8 Billionen Euro beschaffen müssen, um auslaufende Kredite zurückzuzahlen, Zinsen zu bedienen und Haushaltsdefizite abzudecken. Das sind 100 Milliarden Dollar mehr als noch vor einem Jahr und fast doppelt so viel wie 2005. Insbesondere kritisch ist dabei, dass seit der Finanzkrise 2007 der Anteil der Staatsschulden mit kurzer Laufzeit stark angestiegen ist, da die Aufnahmefähigkeit des Kapitalmarktes für lange Laufzeiten zunehmend begrenzt ist. Obwohl der Löwenanteil des Schulden-Rollovers auf die USA und Japan entfällt, ist in diesem Umfeld vor allem Italien mit einer Staatsverschuldung in Höhe von 1,9 Billionen Euro besonders gefährdet, denn schließlich muss sich Italien 2012 am Kapitalmarkt 357 Milliarden Euro bzw. 22 Prozent des BIP beschaffen. So könnten schlecht verlaufende Auktionen für italienische Staatspapiere im Jahr 2012 der Auslöser größerer Turbulenzen an den Finanzmärkten sein. Doch auch Frank­reich, Großbritannien und Deutschland sind mit einem Finanzierungsvolumen von jeweils 359 (17 Prozent des BIP), 300 bzw. 244 Milliarden Euro nicht zu unterschätzen, während Griechenlands Refinanzierungsbedarf bereits 35 Prozent des BIP ausmacht. Der Höhepunkt der Schulden-Rollover-Welle steht im März bevor. In diesem Monat müssen die wichtigsten westlichen Staaten und großen Schwellenländer ca. 1,2 Billionen Dollar refinanzieren und in genau diesem Monat wird Griechenland voraussichtlich endgültig pleite sein. Sowohl neue Rettungspakete als auch eine echte Staatspleite mit Default-Rating und Umschuldungsverhandlungen mit den Gläubigern würden dann Schockwellen an den Finanzmärkten auslösen.

Lesen Sie mehr dazu in der Printausgabe.

Autor: Michael Kordovsky
Foto: iStockphoto

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