Weidmannsdank! Die Jagd – unglaublicher Wirtschaftsfaktor in Tirol
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: Oktober 2011 | Ressort: eco.titel | Datum: 7.10.11

Die geheime Religion in Tirol heißt Jagd – und ihr folgen viele Jünger: Österreichweit pirschen rund 119.000 Jäger durch die Wälder, in Tirol waren es 2010 gesamt 18.000 Weidmänner und -frauen. Der Tiroler Landesjägerverband zählt 16.137 Mitglieder, davon 1.323 Weidfrauen und 4.160 ausländische Jäger. Bundesweit beträgt die jagdlich genutzte Fläche 82.164 km2 – also 98 % der Gesamtfläche. Und in Tirol? Ist praktisch das ganze Land Jagdfläche: Von 12.647 km2 sind 12.445 km2 zur Jagd freigegeben. Der Wirtschaftswert der Jagd wird in Österreich auf 475 Mio. Euro geschätzt, in Tirol fließen mit Pachtschilling, Steuern und Ausrüstung etwa 50 Mio. Euro seitens der Weidwerker in die Wirtschaft. Beeindruckende Zahlen – und für eco.nova Grund genug, sich rechtzeitig zur Hirschbrunftzeit dem Thema Jagd ausführlich zu widmen.
Jäger und Sammler – ohne die Jagd hätten die Menschen in Zeiten vor der Domestizierung und dem Ackerbau nicht überlebt; verwertet wurde alles, vom Fleisch über das Fell bis zu den Knochen. Später wurden die Menschen sesshaft und betrieben Landwirtschaft und Viehzucht, die Jagd war zur Lebensmittelbeschaffung nicht mehr zwingend notwendig, allerdings wurde sie zur Machtdemonstration eingesetzt: Ab dem 9. Jahrhundert war das Recht auf freien Tierfang dem jeweiligen Herrscher vorbehalten, im 15. Jahrhundert entstand der hohe und der niedere Adel, wovon heute noch die Begriffe „Hochwild“ (z.B. Schalenwild außer Reh, Auerhähne, Steinadler), das dem Adel vorbehalten war, und das so genannte „Niederwild“, das vom niederen Adel, Bauern und dem Klerus gejagt werden durfte, zeugen. Mit der Revolution 1848 änderte sich auch für die Jagd Grundlegendes: Seitdem ist das Jagdrecht an den Grundbesitz gebunden, Verpachtungen wurden ermöglicht, sofern das Jagdausübungsrecht nicht selbst genutzt wurde.
Dunkelgrün
Auch heute noch ist die Jagd hier und dort ein Zeichen für unternehmerische oder sonstige Potenz und wirkt für Außenstehende durch die strengen Rituale, durch die grüne Uniformierung sowie die eigene Sprache des Jägerlateins – und nicht zuletzt, wenn es um namhafte Jagdpächter und Jagdgäste geht – ein wenig geheimnisumwittert ... So liegen in Tirols Wäldern des Öfteren prominente Weidmänner wie etwa Politiker aus den Nachbarländern auf der Lauer, nicht weniger prominent ist die Liste der Jagdpächter – die allerdings unter Datenschutz fällt, wie uns versichert wurde. Uns hat die Geheimniskrämerei überrascht, wenngleich dann doch recht freimütig über die namhaftesten Jagdpächter in Tirol Auskunft gegeben wird.
Die Who-is-who-Liste der Jagdpächter reicht vom Prinzen zu Sayn-Wittgenstein bis zum Pächter aus Wien, Heinz Pezina, Chef des Investmenthauses Vienna Capital Partners. Eine Jagdpacht betreiben beispielsweise Rene Benko, Bauunternehmer Eduard Fröschl, auch der Vorstandsvorsitzende der Firma ThyssenKrupp blickt auf eine langjährige Jagdgeschichte in Gerlos zurück. Der eine oder andere erinnert sich auch an den Brandanschlag 2009 auf den Jagdsitz des Schweizer Novartis-Chefs Daniel Vasella im Lechtal ...
Und die Liste der klingenden Namen könnte mit Sicherheit fortgesetzt werden. Fakt aber ist, dass die Jagd nicht nur im elitären Bereich angesiedelt ist: 42 % der Jagdkarteninhaber sind Gewerbetreibende, 29 % Angestellte und Arbeiter, 16 % Bauern, 8 % Freiberufler, 4 % Pensionisten und 1 % Industrielle. Im letzten Jahr sind insgesamt rund 18.000 Weidmänner und -frauen in Tirol auf die Jagd gegangen. 16.137 Mitglieder zählt der Tiroler Jägerverband, 25 % kommen aus dem Ausland – vorwiegend aus Deutschland und Italien. 2010 haben rund 600 Jungjäger die Prüfung für die Jagdkarte erfolgreich absolviert, im selben Jahr hat der Verband 1.847 Jagdgastkarten ausgestellt.
Tiroler Jagdgründe
Heute ist die Jagd in Tirol, wie in ganz Österreich, nach dem Reviersystem geordnet. Dies bedeutet, dass für ein fest umrissenes Gebiet jeweils die Eigentumsverhältnisse, die Jagdverpachtung und die Abschusspläne festgelegt sein müssen. Damit ist die Verantwortlichkeit für jedes einzelne Revier eindeutig geregelt. Reviere können zusammengelegt oder getrennt werden und die Pacht kann von Einzelpersonen oder Gemeinschaften erfolgen. Nicht jeder Jäger ist zugleich Pächter eines Reviers.
Insgesamt zählt der Tiroler Jägerverband 1.247 Jagdgebiete, 1.046 davon sind an 1.200 Jagdpächter vergeben. Man unterscheidet zwischen Eigenjagdrevieren (47 % in Tirol) und Genossenschaftsrevieren (53 %). Die Eigenjagd hat eine zusammenhängende Mindestfläche von 300 ha und gehört ein und demselben Eigentümer, nicht zwingend in einer einzelnen Ortsgemeinde liegend. Zur Genossenschaftsjagd zählen jene Grundflächen einer einzelnen Ortsgemeinde, die nicht als Eigenjagdgebiet deklariert sind. Genossenschaftsjagden umfassen eine zusammenhängende Fläche von 500 ha. In Tirol sind laut Tiroler Jagdkataster 208.203 ha (16,7 %) an die 300 ausländischen Jagdpächter vergeben.
Lesen Sie die gesamte Titelstory in der Printausgabe.
Inkl. Interviews mit Landesjägermeister Karl Berktold, Vorstand Tiroler Jägerverband / Gerhard Fuchs, Büchsenmacher und Inhaber Waffenhaus Fuchs / Kurt Kaser, Tierpräparator in Innsbruck sowie einer Kostenaufstellung pro Jäger
Autor: Ulrike Delacher
Foto: Florian Schneider













