Von der Spekulationsblase zum Staatsbankrott
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: Oktober 2011 | Ressort: eco.geld | Datum: 7.10.11

Für kurze Zeit sah es so aus, als ob Finanzmärkte und Realwirtschaft nach einer ausgestandenen Finanzkrise wieder zur Tagesordnung übergingen. Aber die erste globale Rezession seit 1945 hat tiefe Löcher in die Staatshaushalte gerissen. Nun droht zunehmend mehr Ländern ohne EU- und IWF-Hilfen der Staatsbankrott. Dieser Beitrag dokumentiert, wie sich die Krise von einer Nische des Finanzsektors auf den gesamten Finanzsektor und von dort auf Staaten und Steuerzahler verlagerte.
Im abgelaufenen Jahrzehnt platzten zwei spekulative Blasen, nämlich die IT-Bubble der „Neuen Märkte“ und NASDAQ (Baisse von März 2000 bis Oktober 2002) und die weltweite Immobilienblase (Preisverfall von 2006 bis 2009). Letztere hatte ihre Ursache in einer vorangegangenen Niedrigzinsphase. Vom 05.06.2003 bis 06.12.2005 hielt die EZB die Leitzinsen auf dem damaligen Rekordtief von 2,0 Prozent und in den USA wurden die Zinsen von 6,50 Prozent im Jahr 2001 bis zum 25.06.2003 auf 1,00 Prozent und den bis dahin niedrigsten Stand seit 1958 gesenkt, auf dem sie bis 30.06.2004 verharrten, ehe bis 29.06.2006 wieder ein Anstieg auf 5,25 Prozent erfolgte. Diese niedrigen Zinsen waren der Nährboden eines spekulativen Kontrastes zum Hightech-Boom der 1990er-Jahre. Was plötzlich zählte, waren Sachwerte in Form von Gold, diversen Rohstoffen und Immobilien. Insbesondere in den Küstengegenden der USA, Irland, Spanien und auch Osteuropa stürzten sich Spekulanten auf Immobilien. Die Eigenheimpreise in den USA stiegen, gemessen am S&P-Case/Shiller Home Price-Index für 20 bedeutende Ballungszentren, von Jänner 2000 bis April 2006 um 12,2 Prozent p.a., ehe bis Mai 2009 ein Einbruch um 31,8 Prozent erfolgte. Banken und Hypothekarschuldner wogen sich in falscher Sicherheit. Die Kreditvergaberichtlinien wurden – nicht zuletzt unter Konkurrenzaspekten der Banken – zunehmend lockerer. Diese Entwicklung führte bereits ab 2005 selbst bei den Hypothekarkrediten für schlechteste Bonitäten, auch als Subprime-Kredite bezeichnet, zu einer Auflockerung der Vergaberichtlinien: 25 Prozent dieser Kredite sahen im Jahr 2006 in den ersten Jahren keinerlei Tilgung, sondern nur Zinszahlungen vor. Dies war im Jahr 2000 noch undenkbar. Die Hälfte der Kreditzusagen im Jahr 2006 (2000 weniger als ein Viertel) erfolgte auf Basis persönlicher Angaben zum Einkommen, deren Wahrheitsgehalt ungeprüft blieb. Doch die bereits stark erhöhten Leitzinsen und somit auch Kreditzinsen erschwerten zahlreichen schwächeren Schuldnern die Rückzahlung. Da sich das Volumen von US-Subprime-Hypothekarkrediten im Jahr 2006 auf 1200 Milliarden US-Dollar belief, ging von diesem Segment eine schwere Krise aus, die sich wie folgt ankündigte:
• 4. Quartal 2006: Bereits 13,33 Prozent aller Subprime-Schuldner sind zahlungsunfähig
• März/April 2007: Laut einer Analyse des Center for Responsible Lending sind zu diesem Zeitpunkt bereits 2,2 Millionen der zwischen 1998 und 2004 vergebenen über 6 Millionen Subprime-Hypothekarkredite geplatzt oder von einer drohenden Pleite betroffen und bei einem Fünftel der in den vorangegangenen 2 Jahren vergebenen Subprime-Wohnfinanzierungen stand eine gerichtliche Zwangsversteigerung bevor. Die ersten Hypothekenbanken, wie beispielsweise die am 2. April 2007 in die Insolvenz geschlitterte New Centure Financial, bekamen Liquiditätsprobleme.
• Sommer 2007: Mehrere Hedge Funds gerieten unter Druck und an den Interbankenmärkten kam es zu massiven Vertrauensverlusten, die die Geldmarktzinsen und Ted-Spreads (Zinsdifferenz 3-Monats-US-Dollar-Libor u. 3-Monats-Treasury-Bills) emporschnellen ließen, bis die EZB eingriff und am 7. August bei einem regulären Tendergeschäft 292,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellte und in den darauffolgenden Tagen noch weitere Liquidität in die Märkte pumpte. Countrywide Financial, der größte Subprime-Hypothekenfinanzierer der USA, der 2006 20 Prozent aller in den USA vergebenen Hypothekarkredite finanzierte, musste sich Mitte August 2007 von 40 Großbanken 11,5 Milliarden Dollar leihen, um noch im letzten Moment eine Pleite zu verhindern. Per 1. Juli 2008 wurde die notleidende Hypothekenbank für 4,1 Milliarden US-Dollar von der Bank of America übernommen.
Doch so richtig los ging es dann, als die ersten größeren (Investment-)Bankkonzerne und Kreditausfallversicherer unter Druck gerieten.
Die Subprime-Hypothekarkredite wurden nämlich zur Refinanzierung der Hypothekenbanken in diverse überbesicherte Anlagevehikel wie beispielsweise collateralised debt obligations (CDOs) verpackt und an Banken und Hedge Funds weiterverkauft. Aufgrund der Überbesicherung erhielten diese Veranlagungen A- bis AAA-Ratings. Diese Ratings entsprachen retrospektive betrachtet jedoch nicht den tatsächlichen Ausfallrisiken. Klagen von Investoren gegen die großen Ratingagenturen wegen irreführender Bonitätsnoten folgten. Diverse ABS-Produkte (asset backed securities) und Geldanlagekonstruktionen auf Subprimekredit-Basis waren nämlich der Dominostein, der eine Kettenreaktion in Gang setzte. Das Problem eines kleinen Nischenbereichs im Finanzsektor wanderte über diese Anlageprodukte hin zu den großen Investment- und Universalbanken. Gleichzeitig trübte sich infolge des Ölschocks das konjunkturelle Klima ein. Zunehmend mehr Kreditinstitute gerieten in Schwierigkeiten. Anleger flohen aus riskanten Assets wie Aktien, Hedge Funds, High Yield Bonds, Wandelanleihen, Corporate Bonds und Emerging Markets Bonds. Der Wertberichtigungsbedarf in den Bilanzen der Banken stieg und in großen systemrelevanten Instituten wurde massiv Eigenkapital vernichtet. Bankenpleiten und Zahlungsausfälle nahmen überhand und die Kreditausfallversicherer waren überfordert.
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Autor: Michael Kordovsky
Foto: iStockphoto













