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Problemkind Euro bringt Banken und Kunden ins Schwitzen.

Publikation: Wirtschaftsmagazin |  Ausgabe: September 2010 | Ressort: eco.titel | Datum: 8.9.10

Die griechische Regierung wiederholt gebetsmühlenartig, dass gewissenlose Spekulanten an der Schieflage des Landes schuld wären. Die Realität sieht jedoch anders aus. Viele Probleme der südeuropäischen Budgetsünder sind selbstverschuldet und konnten erst durch die zuvor fehlende Einpreisung von Länderbonitätsrisiken entstehen. Wird der 750-Mrd.-Euro-Rettungsschirm seitens der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) den Euro-Kursverfall nun nachhaltig stoppen oder stehen wir erst am Anfang vom Ende der europäischen Gemeinschaftswährung?

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der EZB, meint: „Wir haben es nicht mit einer Krise des Euro zu tun, sondern die Krise resultiert vielmehr aus der Staatsfinanzenkrise.“ Seit der Aktivierung staatlicher Konjunkturprogramme im Zuge der letzten Finanzkrise warnen internationale Institutionen wie der IWF vor solch einem Verschuldungsproblem. Der Überraschungseffekt ist somit ausgeblieben und klarerweise erstreckt sich diese auch auf andere Währungsräume und nicht nur die Eurozone. Die eher globale Staatsfinanzenkrise kann also nicht allein als Erklärung für den plötzlichen Einbruch der europäischen Gemeinschaftswährung dienen, vielmehr sind es die zunehmenden Ungleichgewichte im Euroraum. Vor diesem Hintergrund stellt sich Frage, ob der Euro nun „fair“ bewertet ist.

Der „faire Wert“ des Euro

Um den aktuellen EUR/USD-Kurs möglichst objektiv bewerten zu können, bedienen wir uns der Kaufkraftparitätentheorie. Gemäß dieser Theorie entwickeln sich die Kurse zwischen zwei Währungsräumen langfristig so, dass deren Kaufkraft identisch ist, da ansonsten Arbitrage* einsetzen würde. Es wird dabei das so genannte Gesetz des einheitlichen Preises zu Grunde gelegt. In der Praxis treten zwar Transaktionskosten, Zölle und andere Handelshemmnisse auf, die hier unberücksichtigt bleiben, und Preisanpassungen erfolgen in der Regel langsamer als Wechselkursänderungen, weshalb es oft zu Abweichungen von der Kaufkraftparität (KKP) kommt. Trotzdem lässt sich diese Theorie zumindest auf lange Sicht empirisch belegen. Der KKP-Kurs unterstellt also, dass keine Preisunterschiede in repräsentativen Warenkörben zwischen zwei Währungsräumen existieren. Dieser „faire Wert“ des Euro liegt momentan bei zirka 1,23 US-Dollar und weicht nur geringfügig vom nominalen Wechselkurs ab. Von einer Unterbewertung oder gar Gefährdung des Euro kann man in der aktuellen Situation somit noch nicht sprechen.
Eine wirkliche Bedrohung für den Euro wäre aus heutiger Sicht nicht einmal der Totalausfall einzelner hoch verschuldeter Mitgliedstaaten. So tragen Griechenland und Irland nur jeweils 2,6 Prozent zur gesamten Wirtschaftleistung der Eurozone bei. Portugal leistet gar nur einen Beitrag von 1,8 Prozent. Anders sieht es hingegen bei Italien und Spanien aus. Auf sie entfallen 17 beziehungsweise 11,8 Prozent und ein Staatsbankrott könnte die Gemeinschaftswährung ins Wanken bringen. Im Fokus der Medienberichterstattung stand zuletzt die ausufernde Verschuldung der genannten Mitgliedsländer, doch betrachtet man die Eurozone als Ganzes, ergibt sich ein vergleichsweise entspanntes Bild. Hier hat sich die Staatsverschuldung im vergangenen Jahr auf 79 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes belaufen. Die USA waren hingegen mit 83 Prozent und Japan gar mit 190 Prozent verschuldet. Das prognostizierte Budgetdefizit 2010 in der Eurozone beträgt 6,9 Prozent des BIP. Die USA werden sich heuer voraussichtlich mit 8,9 und Japan mit 7,5 Prozent neu verschulden. Da momentan nicht einmal Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des hoch verschuldeten Japan bestehen, ist davon auszugehen, dass der Euroraum in der Gesamtbetrachtung noch lange nicht die Grenzen der Staatsverschuldung erreicht hat.

Strukturelle Ungleichgewichte als GrundproblemStrukturelle Ungleichgewichte als Grundproblem

In den Jahren vor der Ankündigung des Euro gab es große Unterschiede in den Refinanzierungskosten der europäischen Staaten. Es mussten teilweise erhebliche Zinsaufschläge bei Anleiheemissionen in Kauf genommen werden. Die Aufschläge sind dann zwischen 1998 und 2008 praktisch verschwunden. Ehemalige Hochzinsländer konnten dadurch viel günstiger Kapital beschaffen, was zu einem Investitionsboom vor allem im Immobiliensektor geführt hat. Im Privatsektor kam es zu verstärkter Kreditaufnahme, so hat Griechenland bereits seit zehn Jahren eine negative Sparquote von unter minus fünf Prozent. Ebenso wurden die staatsfinanzierten Sozialausgaben wesentlich erhöht. In Griechenland sind diese pro Kopf innerhalb von zehn Jahren von 35 auf 73 Prozent und in Spanien von 39 auf 60 Prozent des deutschen Niveaus angestiegen. Die Nominallöhne sind innerhalb dieser Zeitspanne in Griechenland mit plus 76,5 Prozent regelrecht explodiert (in Deutschland: +10,9 %). Der rasante Preisanstieg sowie zunehmende Lohnstückkos­ten bewirkten eine Verringerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und in der Folge zunehmende Außenhandelsdefizite. Im Zuge der letzten Finanzkrise sanken zwar die Ausgaben im Privatsektor, die staatlichen Einnahmen aus Steuergeldern gingen jedoch auch zurück und die Arbeitslosenunterstützung schoss in die Höhe. Dies führte zu einer Verschiebung des Defizits von privater zu staatlicher Seite.
Die ständig wachsenden Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizite einiger südeuropäischer Staaten sowie von Irland verdeutlichen also, dass diese seit Jahren weit über ihre Verhältnisse leben. Die Schweizer Großbank UBS hat in einer aktuellen Studie die daraus resultierenden beträchtlichen Ungleichgewichte zwischen verschiedenen Ländergruppen herausgearbeitet. Laut Studienautoren verläuft die wirtschaftliche Sollbruchstelle unglücklicherweise quer durch den europäischen Währungsraum und würde im Falle des Falles Deutschland und Frankreich trennen. Auch bei einem Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone bestünden weiterhin erhebliche Unterschiede zwischen den Gruppen. Es könnte langfristig sogar sein, dass sich das eine oder andere Vorzeigeland der Eurozone für einen Austritt aus der Eurozone entscheidet, sofern sich die zu erbringenden Transferzahlungen laufend erhöhen. Die Autoren meinen, dass es denkbar sei, „dass Deutschland den Euro selber aufgeben muss, wenn es ihn retten will“.
Retten könnten sich Budgetsünder wie Portugal, Irland, Griechenland und Spanien sogar selbst, indem sie ihr strukturelles Problem der gesunkenen Wettbewerbsfähigkeit etwa durch eine deflationäre Politik lösen. Der schmerzvolle Prozess der realen Abwertung beinhaltet eine Reduzierung der Staatsausgaben und Preise sowie Lohnzurückhaltung über mehrere Jahre. Dass ein solcher Sparkurs, der meist mit schwachem Wirtschaftswachstum und steigender Arbeitslosigkeit einhergeht, von der griechischen Regierung durchgesetzt und darüber hinaus von der Bevölkerung widerstandslos mitgetragen werden würde, ist nicht anzunehmen. In Lettland, wo momentan die Verschuldung mittels realer Abwertung bekämpft wird, stieg die Arbeitslosigkeit innerhalb von zwei Jahren von fünf auf 20 Prozent. In Griechenland und Spanien bleibt hier nicht mehr viel Spielraum, da diese
schon jetzt bei 12 beziehungsweise 20 Prozent liegt.

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Autor: Harald Neuhauser, Michael Posselt, Michael Kordovsy

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