Qual mit Kultstatus.
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: September 2010 | Ressort: eco.wirtschaft | Datum: 8.9.10
Es gibt in Tirol und auch ganz Österreich eine ganze Reihe von Events, die Kultstatus erreicht haben. Eines der ganz großen Events der Radszene ging am 29. August 2010 bereits zum 30. Mal über die Berge: der Ötztaler Radmarathon. Der Spruch von Organisationsleiter Ernst Lorenzi – der mit dem Ötztaler Radmarathon selber schon eine Legende im österreichischen Radsport ist – beschreibt die Faszination des Ötztaler Radmarathons eigentlich umfassend: „Erst das Leiden macht den Sieger zum Helden.“ Und Finisher des Ötztaler Radmarathons sind auch in der Fülle von tollen Radveranstaltungen weltweit noch Helden.
Jährlich buhlen über 10.000 Radfahrverrückte aus der ganzen Welt um die begehrten 4.000 Startplätze, die in wenigen Minuten online alle vergriffen sind. Heuer – zum Jubiläumsrennen - gab es sogar 15.000 Anmeldungen – und etwas Kopfweh beim Organisationsteam rund um Ernst Lorenzi: „Wir lassen immer etwas mehr Nennungen zu, weil erfahrungsgemäß 10 Prozent nicht an den Start gehen – wir hoffen, das geht sich heuer auch aus und wir kommen mit den 4.000 Startern durch. Mehr sind organisatorisch einfach nicht zu bewältigen.“
Der erste Ötztaler Radmarathon fand am 22. August 1982 statt – 154 Fahrer starteten um 6.15 Uhr bei der Wiltener Basilika in Innsbruck. Die Ötztal Werbung war mit einem kleinen Beitrag als Sponsor dabei und Namensgeber. Die Idee des „härtesten Radmarathons“ stammt von Heli Maier, Ernst Lorenzi stieß 1983 zum Team des Ötztaler Radmarathons. 1994 gelang es dann, den Ötztaler Radmarathon das erste Mal auch im Ötztal zu starten, 1996 das zweite Mal. Seit 2002 findet das Event jedes Jahr in der letzten Augustwoche statt – mit Start in Sölden im Ötztal. Und bereits in zwei Jahren muss nochmals gefeiert werden, da werden dann auch die 30 Jahre voll sein.
Fordernde Strecke und dreitägiges Radfest
Die Daten des Ötztaler Radmarathons sind beeindruckend – aber noch nicht einzigartig: Sölden, Oetz, Kühtai, Innsbruck, Brenner, Sterzing, Jaufen, St. Leonhard, Timmelsjoch, Sölden – ingesamt geht der wilde Ritt über 4 Pässe, 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter. Ernst Lorenzi: „Eines der Geheimnisse des Ötztaler Radmarathons ist die wunderbare Berglandschaft. Und das Rennen ist lang und auch für die besten Radfahrer schwer und eine sehr vielschichtige Herausforderung. Am Timmelsjoch wird es dann für alle zur mentalen Frage.“
Aber zurück zum großen Radfest, das jedes Jahr bereits am Freitag in Sölden beginnt – heuer mit Bike-Expo, Vorträgen und Film zur Tour de France. Am Samstag folgten buntes Rahmenprogramm und Radvorführungen. Am Sonntag um 5 Uhr früh füllte sich der Startbereich in Sölden und um 6.45 Uhr wurde der 30. Ötztaler Radmarathon mit Kanonendonner und Wolfgang Wiesenegg als „Mann im Mond am Rad-Mobile“ auf den langen Weg geschickt. Um 20.45 Uhr müssen die letzten FahrerInnen laut Reglement im Ziel sein, um noch gewertet zu werden. Der Rest wird mit dem „Besenwagen“ aufgekehrt – eine Schmach und für nicht wenige die Motivation, das nächste Jahr wieder an den Start zu gehen. Um 21 Uhr beschließt die Siegerehrung mit großem Radlerfest das Event.
700 Personen sind als großteils ehrenamtliche HelferInnen an den drei Veranstaltungstagen im Einsatz. Der Aufwand ist groß – allein die Streckensperrungen und die Belieferung der Labestationen sind eine logistische Großaufgabe. An den Labestationen warten 150 HelferInnen mit haubenverdächtigen Köstlichkeiten – die Kuchen sind von vielen Hausfrauen selbst gemacht und heuer hat das Organisationskomitee mit knapper Mehrheit entschieden, dass es als Kohlehydrat-Bomben nicht Nudeln, sondern „Erdäpfel“ (Kartoffel) gibt. Ausgegeben werden dazu noch 20.000 Stück San-Lucar-Bananen – sonnengereift frisch geliefert. Für jeden Teilnehmer stehen 12 Liter Pfanner-Fruchtsäfte, Pepsi oder Gasteiner-Wasser zur Verfügung, 10.000 Stück selbstgebackene Kuchen und 12.000 Darbo-Riegel, auf den letzten zwei Labestationen gibt es Red Bull und danach Kaiser-Bier und Radler.
Die Mitglieder des Ötztaler Motorradclubs fungieren als mobile Streckenposten und alle sind mit Begeisterung und vollem Einsatz dabei. TeilnehmerInnen und BesucherInnen attestieren der Veranstaltung perfekte Organisation und ein einzigartiges Rahmenprogramm – das hebt den „Ötztaler“ in die Champions League der Radmarathons, aber das ist noch nicht das ganze Geheimnis.
Lesen Sie das Interview mit Organisator Ernst Lorenzi in der Printausgabe.
Autor: Barbara Wildauer
Foto: Bernhard Spöttel @ Ötztal Tourismus













