Kampf um die Zukunft Tirols.
Publikation: Wirtschaftsmagazin | Ausgabe: September 2010 | Ressort: eco.zukunft | Datum: 8.9.10
Die Eröffnung des Europäischen Forums Alpbach am 22. August hielt heuer einige Überraschungen bereit. Es krachten nicht nur die Gewehre der Alpbacher Schützen und die Kniebänke unter dem (politischen) Gewicht der Landeshauptmänner, sondern es krachte auch ganz ordentlich im Gebälk zur Frage der Zukunft des Bildungs-, Wissenschafts- und damit auch Wirtschaftsstandortes Tirol. Der Kampf um die Zukunft des Landes wurde erstmals öffentlich und in für Tirol ungewöhnlicher Schärfe auf einer internationalen Bühne ausgetragen.
Der Tirol-Tag zur Eröffnung des Forums Alpbach wird seit 2005 von der Universität Innsbruck inhaltlich gestaltet und auch organisiert – der Landeshauptmann steuert einen Empfang der internationalen Gäste bei. Traditionellerweise präsentiert die Universität Tirol als leistungsfähigen Wissenschaftsstandort und kommuniziert Neuerungen. Das war heuer anders. Der Rektor der Leopold-Franzens-Universität, Karlheinz Töchterle, nützte das heurige Generalthema des Forums Alpbach „Entwurf und Wirklichkeit“ für konkrete Forderungen an die Landespolitik. „Das Bestehende zu bewahren wird für die Zukunft zu wenig sein – gerade für den Bildungs- und Wissensstandort Tirol.“ Neben Rektor Karlheinz Töchterle brachen auch Rektor Walter August Lorenz der Freien Universität Bozen und Werner Stuflesser, Präsident der Europäischen Akademie Bozen, eine Lanze für volle Konzentration aller Kräfte in Richtung Bildung und Wissenschaft. „Nur mit der besten Ausbildung und als international sichtbarer Wissenschaftsstandort wird die Region in Zukunft im globalen Markt erfolgreich sein können.“
Es wird Zeit, die Einrichtungen mit Inhalt zu füllen
Die Ausführungen der Rektoren und die anschließenden zwar flammenden, aber nicht unbedingt sehr konkreten Reden der beiden Landeshauptmänner Platter und Durnwalder machten dann eine tiefe Kluft fast körperlich spürbar, an der das Thema Bildung derzeit steht. Die Landeshauptleute verwiesen gleichermaßen auf die Erfolge der Vergangenheit und dass hier fleißig weitergearbeitet werden muss. Es wurden auch tatsächlich sowohl in Nord- als auch Südtirol in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Einrichtungen und Organisationen geschaffen, die sich mit Zukunftsfragen zu Wirtschaft, Bildung und Arbeit beschäftigen und unzählige Arbeitsstunden in die Errichtung von Strukturen investieren. Und die drei Rektoren sprachen dabei offenbar einen wunden Punkt der Politik an – es wurde in den letzten Jahren sehr wenig über Inhalte gesprochen. Rektor Karlheinz Töchterle verlangte auch nicht nur mehr Geld für die Universitäten, sondern vor allem ein klares Bekenntnis und die Verpflichtung der Politik zu einer zukunftsorientierten Bildungspolitik für Österreich.
Viele Einrichtungen, wenig Ausrichtung
Das Land Tirol und die Interessenvertretungen – allen voran Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer – haben in den vergangenen 15 Jahren eine Vielzahl an Einrichtungen und Angeboten in Tirol geschaffen. Die Tiroler Zukunftsstiftung und das Zukunftszentrum Tirol sind die beiden Flaggschiffe in Nordtirol, in denen Projekte und sehr wohl auch die inhaltlichen Zukunftsfragen aufbereitet werden (können) – wenn man sie nur ließe. Fritz Dinkhauser hat das Zukunftszentrum Tirol vor 10 Jahren auf der Grundlage seiner Vision einer besseren Arbeitsgesellschaft in Tirol gegründet und in seiner einzigartigen Art im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Boden gestampft. Im 10. Jahr des Bestehens wird das Zukunftszentrum Ende des Jahres dem MCI Platz machen – wieweit die örtliche Veränderung auch die Ausrichtung verändert, wird sich zeigen. Das Zukunftszentrum hat in den letzten 10 Jahren eine Reihe an zukunftsweisenden und auch (vor allem) international beachteten Projekten rund um das Thema Veränderungen der Arbeitswelt auf den Weg gebracht. In Tirol selber werden auch bei den Meinungsbildnern die Leistungen des Zukunftszentrum wenig beachtet. Und in der Tiroler Arbeitswelt hat die Einrichtung bislang wenig bewirkt, obwohl die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Zukunftszentrum sowohl den Unternehmen als auch allen ArbeitnehmerInnen meist sogar kostenlos zur Verfügung stehen würden. Daran hat auch die Errichtung des Zukunftsbüros nach einem Jahr Bestehen noch nichts geändert – im Gegenteil, auch hier wurde eine Infrastruktur und eine Organistion errichtet, ohne zu kommunizieren, welche Inhalte das Zukunftsbüro weitertreiben soll.
Die Liste Fritz bzw. Fritz Dinkhauser als langjähriger Arbeiterkammer-Präsident und Gründer des Zukunftszentrum Tirol trat mit der Vision einer „Bürger-Gemeinschaft“ bei der letzten Landtagswahl 2008 an und erreichte prompt 13 Prozent. Die Visionen, die im Zukunftszentrum einflossen, finden sich auch im Programm der Liste Fritz. „In Österreich soll sich eine Bürger-Gemeinschaft entwickeln und das Land braucht einen Modernisierungsschub. Konkrete Vorschläge oder gar Umsetzungen – wenn sie überhaupt erfolgen – wirken nach außen aber kaum. Vorschläge der Liste Fritz im Wahlkampf waren Weisenrat und Ideenbörse – Letztere wurde 2009 vom Zukunftszentrum umgesetzt.
Der von der Liste Fritz vorgeschlagene Zukunftskonvent ist ein „Zukunftsrat“, der im Rahmen des Zukunftsbüros eingerichtet wurde – die Zielsetzungen und Aufgaben des Zukunftsrates sind vorerst noch im Dunkeln. Der Zukunftsrat tagte im Medienraum des Landhauses, die Presse durfte Fotos machen. Als Ergebnis wurde „eine interessante Diskussion“ kommuniziert und dass es weitere Treffen geben würde. Dr. Christoph Platzgummer wurde mit dem Zukunftsbüro mit den Agenden betraut, die wichtigen Entwicklungen und Visionen für Landeshauptmann Günther Platter aufzubereiten. Aber in Alpbach wurde von Visionen und Ideen für die Zukunft nur wenig sicht- bzw. hörbar.
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Autor: Barbara Wildauer













