Im Wein liegt Leidenschaft
Publikation: Kulinarisches Tirol | Ausgabe: SPEZIAL September 2011 | Ressort: trink.genuss | Datum: 9.9.11
Falstaff? Fehlanzeige! Nationale Weinportale im Internet? Eher Zufall! Erwähnung in den heimischen
Fachmedien? Maximal wohlwollend: Wein aus Nordtirol kämpft noch um die Akzeptanz in der großen Winzergemeinde – doch ein prämierter Chardonnay aus Haiming zeigt den arrivierten Weinbauern, wo der Peter aus Tirol den Most herholt.
Das milde Klima im Mittelalter machte es möglich, dass auch die Ritter nördlich des Brenners in den Genuss eigenen Weines kamen. Wie dieser aber schmeckte, ob er das Leben versüßte oder eher die Rüstung
polierte, darüber liegen keine Quellen vor, wohl aber über den Handel mit dem wertvollen Rebensaft. Insofern darf sich Tirol einer großen Tradition rühmen – das war’s dann aber auch. Zwar ließ Kaiser Maximilian als letzter Ritter mit dem Beginn der Renaissance noch einmal richtig Rebstöcke über seine Lieblingslande verteilen. Schließlich besaß er als eingeheirateter Herzog von Burgund mit den dunklen Trauben der Sorte Pinot Noir einen echten Schatz. Kein Wunder, dass die französischen Könige ihm das Territorium sofort streitig machten. Das aber ist eine andere Geschichte.
Die Erträge in Tirol blieben eher bescheiden und verschwanden vollkommen, als sich die kleine Eiszeit zu Beginn des 18. Jahrhunderts ankündigte. Der Wunsch nach eigenem Wein aber lebte fort und immer wieder versuchten verwegene Freizeitwinzer, den einen oder anderen Rebstock auf der eigenen Scholle hinterm Haus oder im Schrebergarten anzusiedeln. Das sei kein einfaches Unterfangen, sagt Peter Zoller. Als frischer Obmann des Tiroler Weinbau-Verbandes kennt er so ziemlich alle Tücken des Handwerks, viele aus Erzählungen, einige aus eigener Erfahrung (siehe „Verrücktsein gehört dazu“).
Am Anfang stehe die Suche nach der passenden Sorte, sagt Zoller. „Probieren geht über Studieren“ gehöre dabei genauso zum Winzerleben wie tiefgreifende Kenntnisse über den eigenen oder gepachteten Grund und Boden. Denn Rebstöcke wollen mit der Erde richtig verwurzelt sein, bis in Tiefen von 10 Metern dringt die Radix vor, versorgt sich dort mit Wasser und Nährstoffen und sammelt Energie für den Winter. So startet jeder Winzer mit einem Versuchsgarten, pflanzt paarweise die importierten Rebstöcke aus Frankreich oder Italien und lässt sie gedeihen. Wobei auch diese wenigen Klone schon das komplette Programm an Aufmerksamkeit fordern, die später die Arbeit im Weinberg oder Weingarten zu einer sehr intensiven werden lässt. Denn es gibt immer etwas zu tun:
Böden belüften und düngen, Triebe stutzen und binden, Rebstöcke spritzen und entlauben, Trauben reduzieren und abschneiden, Netze spannen, um Vögel zu vertreiben, in den kritischen Sommermonaten der Reife auf Sonne hoffen und viele Opfer bringen, um den Hagelgott milde zu stimmen. Denn ein einziger heftiger Schauer kann die größten Hoffnungen zunichte machen, große Betriebe existentiell gefährden und Hobbywinzer arg frustrieren. Damit die eigene Fehlerquote möglichst gering bleibt und die Nordtiroler Winzer von ihren professionellen Nachbarn im Osten, Süden, und Norden lernen, bietet der junge Verband, der unter dem Dach der Landwirtschaftskammer agiert, regelmäßig Seminare, Schulungen und Fahrten in fremde Weinberge an.
Praktisch macht Peter Zoller dort weiter, womit er bereits vor Jahren begonnen hat, und auch seine Frau Elisabeth Saumwald ist voll integriert. Was naheliegend ist, denn das Dream-Team aus Haiming arbeitet als Lehrer an einer Handelakademie. So erhalten die Weine aus Nordtirol demnächst auch das Prädikat „pädagogisch besonders wertvoll“. Denn die Güte eines zertifizierten, weil geprüften Qualitätsweins haben mittlerweile einige Winzer erreicht und diese Etikette zeigt sich auf den Etiketten in Form einer sechsstelligen Registriernummer. Die Winzer schicken ihre jüngsten Jahrgänge zur Begutachtung an das Weinbauamt ins Burgenland und dort verkosten sechs Hüter des guten Geschmacks ohne Rücksicht auf Namen und Traditionen.
Wobei neben den trainierten Gaumen auch das chemische Labor alle eingereichten Rebensäfte analysiert und die 200 Bestandteile an den definierten Grenzen misst: Zu viel Schwefel oder andere Konservierungsmittel? Und tschüss! Fehlt die Harmonie im Haushalt von Säure und Zucker? Nächstes Jahr noch einmal probieren. Bringt der Wein nur 72 Öchsle ins Röhrchen, darf er sich nur als einfacher Landwein präsentieren. Das Österreichische Weingesetz von 2009 regelt alle Details und dazu gehören auch die Bezeichnungen nach Herkunft. Die Republik verteilt ihre Weinbauflächen dabei auf drei Regionen und
daraus resultieren 16 Weinbaugebiete. Die drei Weinbauregionen sind das Weinland Österreich (die Bundesländer Niederösterreich, Burgenland und Wien), das Steirerland, bestehend aus dem Bundesland Steiermark, und das Bergland Österreich (die Bundesländer Oberösterreich, Salzburg, Kärnten, Vorarlberg und seit diesem Frühjahr auch Tirol).
Lesen Sie mehr zu Tirols Weingütern in der Printausgabe. Inkl. einem Interview mit Weinjournalist Mag. Gerhard Mayr.
Autor: Stefan Becker
Foto: Stefan Becker













