Modevolle Kunst.
Publikation: Kunst | Ausgabe: SPEZIAL September 2010 | Ressort: kunst.10 | Datum: 8.9.10
Mode und Kunst sind zwei paar Schuhe, die auseinandergehalten werden sollten – sagen die einen. Ihre strukturellen Ähnlichkeiten lassen aber eine Analogiebildung zu – sagen die anderen. Die Mode zählt zu den wichtigsten Elementen der Kultur des 20. Jahrhunderts und hat sich als eine Kunstform etabliert. Kunst reagiert auf die Stimmung einer Zeit und drückt die emotionale Befindlichkeit einer Epoche aus. Mode wird direkt am Menschen sichtbar und zeigt ihre Entwicklung im Kontext zur Seelenlage und dem kollektiven Zeitgeist.
Modemachern dient die Kunst oft als Ideenquelle und auch Kunst ist dem Wandel der Moden unterworfen. Ein frühes Beispiel, wie man eine Verbindung aus Kunst und Mode herstellen kann, ist der deutsche Künstler Thomas Bayrle. Er versah bereits in den 60er Jahren durchsichtige Plastikmäntel, so genannte Regenhäute, im Siebdruck mit seinen seriellen Ochsen, Tassen und Schuhen. Bayrle verließ als einer der Ersten die bloße Darstellung von Konsumgütern in der bildenden Kunst und ließ stattdessen „tragbare Graphiken“ für schicke Damen entstehen, die in einer Galerie verkauft wurden. Der Künstler kreierte damit eine sinnstiftende, gut zu verkaufende Schnittstelle, indem er die Mode mit seiner Formensprache besetzte: Die kleine Auflage der Bayrle-Mäntel von 100 Stück wurde signiert und ein Mantel kostete damals nur DM 45,-.
Die Grenzen zwischen beiden Systemen fließen mehr und mehr ineinander und die Wechselwirkung aus Mode und Kunst hat ein neues Ausmaß erlangt. Man denke dabei nur an Designer wie Vivienne Westwood, die den Habitus einer exzentrischen Künstlerin pflegte, oder an die Künstlerin Tracey Emin, die für das Luxustaschen-Label „Longchamp“ als Designerin verpflichtet wurde. Eines der jüngsten Beispiele, wie sehr sich die Mode- und Kunstwelt ineinander verliebt haben, war die Ausstellung des japanischen Künstlers Takashi Murakami im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt. Er verschmilzt Kunst und Kommerz, Popkultur und Mode wie kein Zweiter. Er designt Taschen für Louis Vuitton und verwandelte ein komplettes Museum in eine schrill-bunte Parallelwelt, die man fast „Marketingkunst“ nennen könnte. Der Künstler ging vom klassischen LV-Logo der renommierten Pariser Modedynastie aus, gestaltete es bunter und versah es mit Manga-Comic-Augen, die durchdringend auf die BetrachterInnen blicken. Im Frankfurter Museum wurde rasch von Pop-Art gesprochen und der Vergleich mit Warhol und dem immer größer werdenden Warenfetischismus lag auf der Hand. Der Marketingkunst vollends Tür und Tor geöffnet hat aber die Boutique, die mitten in der Ausstellung eingerichtet wurde: Das französische Modeunternehmen verkaufte kleine Monogrammleinwände und sehr teure Handtaschen, die der Künstler Murakami entwarf, und inszenierte die Boutique als essentiellen Teil des künstlerischen Programms Murakamis – deklariert als „Superpop“. Diese Ausstellung verband wie nie eine zuvor die Kunst- mit der Shoppinglust. Sie zeigte auf, wie Modemacher und Künstler zusammenarbeiten können: Die bildende Kunst bediente sich am Formendepot der Mode, die Haute Couture machte sich die Kunst zunutze und man verkaufte sogar noch an Ort und Stelle!
Kunst oder einfach geschicktes Product Placement?
Künstler inszenieren sich seit jeher als Marken und in diesem Falle drückte einer seinen Künstlerstempel auf Firmenlogos. Der Tagesspiegel schrieb in seiner Rezension zur Ausstellung in Frankfurt: „Die Stumpfheit des Markenfetischismus, wie sie etwa Vuitton zelebriert, steht der Kunst nicht und ist ihrer nicht würdig.“ Der Distinktionscharakter der Kunst wird zwar hervorgehoben, doch auch stark hinterfragt: „Wieweit ein Künstler, der sich wie Murakami dermaßen der Gebrauchsgrafik hingibt, auch künstlerisch tragbar bleibt, ist fraglich.“ Mit der Murakami-Ausstellung in Frankfurt wurde auch der Beweis angetreten, dass öffentlich finanzierte Institutionen – wie Museen – keineswegs Bastionen gegen geschicktes Product Placement sind, sondern vielmehr bereits eingenommen sind. Eine Luxusboutique im Museum ist also kein „Nogo“ mehr, wenn sie gut verpackt und im Konzept eingebettet wird. Künstlerische Konzepte werden mehr denn je von Modeprinzipien geformt, die bereits beim Auftakt einer Ausstellung Früchte tragen: Früher waren Vernissagen einem Spezialistenpublikum vorbehalten. Heute sind Vernissagen gesellschaftliche Ereignisse mit hohem Promi-Faktor und finden daher auch in der Klatschpresse Erwähnung. Die Kunst hat, wenn man so will, ihr abgehobenes, entrücktes Klischee verloren, indem sie modisch geworden ist.
Lesen Sie weiter in der Printausgabe. Außerdem in der Spezial-Ausgabe: eine kunstvolle Modestrecke, fotografiert von Gerda Eichholzer.













