Werben ist eine Kunst
Publikation: Kunst | Ausgabe: SPEZIAL Oktober 2011 | Ressort: kunst.spezial | Datum: 6.10.11
Ein Kommunikationsdesigner, der Werbekampagnen zur Kunstform erhebt.
„weis raum – Forum für visuelle Gestaltung in Inns-bruck“ ist ein eigenständiger Verein, der im aut – Architektur und Tirol in Innsbruck angesiedelt ist. Unter der Leitung von Kurt Höretzeder tritt die Initiative für ein Mehr an Grafik- und generellem Formbewusstsein ein und lädt seit 2005 GestalterInnen aus aller Welt nach Innsbruck. Es werden Vorträge anerkannter ExpertInnen zum Thema angeboten und auch ein eigener Ausstellungsraum angedacht, in dem Wanderausstellungen und Diskussionsrunden stattfinden können, um die Vielfalt an Darstellungsmöglichkeiten zu dokumentieren und an deren Weiterentwicklung zu arbeiten. Zeitgenössische visuelle Gestaltung ist ein Genre, das zwischen angewandter und freier Kunst angesiedelt ist und unter Einhaltung von Parametern eine Kunstform bedient.
„Beuys der Reklame“
Einer, der Werbung eindeutig zur Kunst erhoben hat, ist der deutsche Kommunikationsdesigner und Künstler Michael Schirner. Zeit seines Lebens versucht er die Grenzen von Kunstklassifizierungen aufzulösen. Seine Kampagnen brachten ihm den Titel „Beuys der Reklame“ ein. Der 1941 geborene Schirner erkannte schon früh die Reduktion von Bild und Text als Möglichkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Er leitete die Werbeagentur GGK in Düsseldorf und schrieb mit Kampagnen für IBM, Pfanni, Jägermeis-ter und Tuc Werbegeschichte. Schirner hat Werbung und Kunst gleichermaßen revolutioniert und radikalisiert, indem er dem logischen Detail folgte, um die richtige ästhetische Methode zu finden. In seinem Buch „Werbung ist Kunst“ blickt er zurück auf sein Schaffen der letzten 30 Jahre, in dem er unkonventionelle Wege ging. Ein Beispiel ist die werbetechnische Grundhaltung – wenig Text, klare Botschaft –, die Schirner mit einer 3-seitigen Kampagne widerlegte: Tuc, das salzige Gebäck, wurde so groß wie eine Seite einer Zeitschrift abgedruckt. Er ließ es mehr anknabbern und damit wurde pro Seite mehr Text zum salzigen, köstlichen Geschmack des Crackers freigelegt.
Michael Schirner setzt Werbung mit Wirklichkeitsbestätigung gleich und das isolierte, künstlerische Medium genügt ihm nicht. Er bedient sich an Ideen der Konzeptkunst, setzt sie jedoch mit dem öffentlichsten Medium visueller Kommunikation – der Werbung – um und ließ so eine neue Kunstform entstehen. Er fragt sich vor allem: „Was bedeutet heute ein Bild, was das Bild eines Bildes?“ In seiner im vergangenen Jahr gezeigten Ausstellung „BYE BYE“ in Hamburg gibt er Antwort: „Meine Kunst ist nicht mein Werk. Sie sind der Schöpfer Ihres Bildes in Ihrem Kopf. Mich gibt es gar nicht.“ Schirners Kunst kennt kein Ich, er selbst tritt ganz hinter sein Werk zurück und lässt das Publikum imaginieren. Er räumt damit dem Betrachter ein, wichtiger als der Künstler zu sein. Wie er dem Zuschauer mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt als dem Schauspieler und den Hörer wichtiger nimmt als den Musiker.
„Jeder Mensch ist ein Werber“
Schirner erwartet sich von der Entwicklung der Werbung mehr als von den traditionellen Künsten und lässt in seinem Buch „Werbung ist Kunst“ aufhorchen: „Jeder sollte, das muss verbrieftes Menschenrecht werden im 21. Jahrhundert, genügend Geld haben, um für sich werben zu lassen.“ Er interpretiert das Zitat des Künstlers Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ als Forderung. Für Schirner sollte es „Jeder Mensch ist ein Werber“ heißen. Werbung erfülle unter anderem einen grundsätzlichen Dienst, der vom Kunstschaffen nicht zu trennen ist: Werbung soll eine Funktion im Miteinander von Menschen als eine Art Scharnier zwischen Wirtschaft und Gesellschaft sein. Im Rahmen seines Vortrages in Innsbruck wird er sich detailliert all seinen Kunstprojekten und den Thesen daraus widmen.
Im Bild: Fibel für Werber: „Werbung ist Kunst“,
Verlag Klinkhardt & Biermann
Autor: Julia Sparber













