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G'sundheit.

Publikation: Lifestyle |  Ausgabe: SPEZIAL Juli 2010 | Ressort: grill.zeit | Datum: 29.6.10

Kennen Sie Bionade? Das ist diese Hollerlimo. In rot. Und hinter Glas. Können Tiroler das trinken, wo sie doch aufgewachsen sind mit dem süßen Saft der weißen Blüten? Und wie! Die Kulturbrause erobert langsam die Kühlschränke der Szenegastronomie und bahnt sich von dort den Weg in die ersten Supermarktregale.

Die Biene macht die Bionade. So einfach geht das. Theoretisch jedenfalls. Praktisch aber experimentierte Braumeister Dieter Leipold gute neun Jahre, bis ihm seine Erfindung so richtig mundete: fruchtig frisch, korrekt biologisch gebraut – und nicht zu süß. Das war ein kleiner Schritt für die Menschheit, doch ein großer für das an Kraft gewinnende öffentliche ökologische Bewusstsein. Aber der Reihe nach. Wenn bisher Brauereien oder Mineralbrunnen eigene Limonaden produzierten, dann mixten sie meist Wasser, Aromen, Farbstoffe und Zucker zusammen und damit war das Thema vom Hof und in den Läden.
Bionade aber braut seine Brause und so entsprechen die Zutaten fast denen des Bieres: Wasser, Fruchtsäfte statt Hopfen und Malz – und keine Hefe. Denn die verwandelt Zucker in Alkohol, für ein Kindergetränk eher kontraproduktiv. Doch Leipold fand die Lösung: Ein Enzym der Bienen verwandelt Zucker nur in Süße, das war der Clou und den ließ sich das traditionsreiche Familienunternehmen patentieren. Das Reinheitsgebot bildet dabei die biologische Basis für Bionade. Die im ökologischen Sinne wertkonservativen Bayern aus dem Rhöntal sehen darin die oberste Maxime ihres Schaffens.
Deshalb überzeugten sie auch die umliegenden Bauern, auf ihren Feldern zukünftig Bioholunder anzubauen. Denn welchen Sinn macht eine Bio­limo, wenn deren Ingredienzien um die halbe Welt reisen? Die Ökobilanz sollte stimmen, dem Unternehmen die wichtigen Rohstoffe sichern und den Landwirten neue Einkünfte ermöglichen. Nach anfänglicher Skepsis entwickelte sich aus dem Modell eine Win-win-win-Situation für alle Beteiligten, denn auch die Natur des Biosphärenreservats Rhöntal profitiert vom ökologischen Landbau. Ergänzend zu den chemiefreien Holunderbüschen engagiert sich das Unternehmen auch für Trinkwasserwälder und pflanzt zu dem Zweck viele junge Laubbäume in die eh schon schöne Landschaft.
Ob sich nun jeder Bionade-Fan darüber Gedanken macht, was sein simples Tun dann Schluck für Schluck sozioökologisch bewirkt – darüber darf spekuliert werden. Sicher aber ist, dass jeder weiß, er oder sie gönnt sich etwas Gutes für die Gesundheit. Denn der Leipoldsche Imperativ forderte von Beginn an einen gesunden Durstlöscher für Kinder. Die Kleinen aber bekamen diesen anfangs gar nicht in die Finger. In Hamburg landeten ein paar Kisten mit falsch etikettierten Flaschen in der Szenegastronomie und ein neuer Stern ging auf am Getränkehimmel. Der Rest ist Legende. Wie die von heulenden Kindern auf Spielplätzen oder schlimmer noch bei Geburtstagsfeiern, die mit ansehen mussten, wie ihre Eltern vor ihren Augen die Flaschen leerten.
Allerdings zeichnete sich da bereits ein wichtiger Trend ab, der bis heute den Genuss des Getränks prägt: schön kalt und aus der Flasche, weder gerührt und schon gar nicht geschüttelt. Wegen der Kohlensäure. Die enge Verwandtschaft zum Bier bleibt bestehen und kleine wie große Flaschenkinder haben ihre Freude mit den gebrauten Fruchtsäften. Der Durstlöscher der Vordenker kommt in Österreich mit vier Geschmacksrichtungen daher, neben Holunder komplettieren Litschi, Ingwer-Orange und ein Kräutermix das Quartett. Lässige Läden haben den markanten Ökodrink natürlich im Kühlschrank. Der sich auch hervorragend für Cocktails eignet, das aber nur am Rande. Denn im Fokus steht aktuell eine ganz andere Entwicklung: Ab Juli flankieren die farbigen Fläschchen die Getränkeregale der M-Preise. Für die Tiroler State-of-the-Art-Supermärkte gleichzeitig eine kleine Retro­revolution, denn Bionade kommt in der Flasche daher – keine Kompromisse. Das sei eben der Stil des Hauses und daran werde sich auch nichts ändern, sagt Stefan Schäfer. Er leitet den Vertrieb für Westösterreich und fahndet nach Gutmenschen, wo er nur kann. Denn Bionade sei kein Produkt für den schnellen Euro, sagt er, eher so etwas wie ein geschmackvolles Statement. Mit einem Drittel weniger Zucker als übliche Limonaden und einem Kosmos mehr an Ideen für eine gesunde Umwelt.
Im Konzert mit den Kopien punktet Bionade nicht nur mit dem knalligen Kronkorken, sondern als Gesamtkunstwerk. Das keine guten Menschen macht, aber gut schmeckt und gut gemacht ist von Menschen, die Wert legen auf nachhaltiges Wirtschaften, die Tradition des Handwerks und die Macht der Marke. Denn durch den rasanten Aufstieg, den zeitweiligen Hype und die vielen Nachahmer heute besitzt Bionade einen echt guten Namen. Keinen Kultstatus, dafür aber Sinn für die Kunst, Spaß an der Szene und ein Herz für Kinder und alle, die es ein bisschen bleiben wollen. Denn auch in hundert Jahren werden die zukünftigen Braumeister die Bionade genauso brauen wie im Reinheitsgebot verankert: G‘sundheit.

Autor: Stefan Becker
Foto: Stefan Becker, Bionade

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