Ein Magnet aus Stein.
Publikation: sommer | Ausgabe: SPEZIAL Juli 2010 | Ressort: fern.sehen | Datum: 29.6.10
Der höchste Berg Österreichs begeistert Wanderer wie Bergsteiger gleichermaßen und an manchen
Tagen wird es richtig eng auf den schmalen Graten, wenn von allen Seiten die Alpinisten anrücken.
Dann hilft kein Beten, sondern ein gescheiter Bergführer.
Der Berg bröselt
Nicht dramatisch, denn der Großglockner ist aus einem besonderen Stoff gemacht: dem vulkanischen Grünstein. Damit ist der höchste Berg Österreichs genauso hart und felsenfest wie sein franko-italie-nischer Verwandter in den Westalpen, der Mont Blanc. Nur hat der weiße Berg mehr Glück mit seinen Gletschern, denn die weichen kaum von der Stelle, während der schwarze Berg, den sich Kärnten und Tirol teilen, jedes Jahr viel Eis einbüßt.
Das lässt den stolzen Patron im Herzen des National-parkes Hohe Tauern im Sommer mächtig grollen, wenn die Sonne das Eis weiter taut, lockeres Gestein aus dem Massiv bricht und in die Tiefe stürzt. Das habe er aber immer gemacht, überlieferten die unmittel-
baren Anwohner aus Heiligenblut (Kärnten) und Kals (Tirol) und tauften ihren Hausberg eben „Glockner“, was sich ableiten soll von „gloggen“, der Sinfonie des Steinschlags.
Eine andere Legende besagt, der Name beziehe sich auf das weiße und reine Gewand des Berges, aus dem nur der kantige Kopf als imposanter Gipfel herausschaut. Doch dieser einst so makellose Umhang wirkt heute im Sommer wie ein von Motten zerfressener und von der Zeit zerschlissener Kittel. Und das bereitet den Eigentümern des Berges immer mehr Sorgen: „Die Keese (= Gletscher) des Großglockners haben sich zum Teil so weit zurückgezogen, dass einige Routen im Sommer viel zu gefährlich geworden sind“, sagt Josef Essl, ehemaliger Mitarbeiter beim Oesterreichischen Alpenverein.
Großglockner-Pioniere
Dem Oesterreichischen Alpenverein gehört das ge-samte Felsmassiv mit allen zackigen Trabanten auf Augenhöhe des Tauern-Tribuns und der Pasterze zu dessen Füßen, dem größten Gletscher in den Ostalpen. Zwei Passagen wahrer Glockner-Pioniere sind in den Sommermonaten allerdings bereits passé: Die eisige Klettertour durch die Pallavicini-Rinne und der Hofmannsweg über das Hofmannskees.
Früher machten sich mutige Seilschaften voller Ehrfurcht auf den Weg und folgten den Fährten der alpinen Vorbilder – heute erstarren die Unwissenden vor Schreck fast selbst zu Stein und bringen sich noch rechtzeitig in Sicherheit vor stürzenden Felsen und gierig klaffenden Spalten im Eis. „Nicht nur der Klimawandel ist das große Problem, sondern sehr häufig fehlt den Bergsteigern der Respekt vor den alpinen Gefahren am Großglockner“, sagt Essl.
Vielleicht liege es daran, dass er mit seinen 3798 Metern eben doch knapp an der für viele Bergsteiger magischen 4000er-Grenze vorbeischrammt. Oder weil es doch so viele verschiedene Routen hinauf gebe und der Normalanstieg über das Ködnitzkees wie ein längerer Spaziergang wirke. Dazu kommt die
Ausrüstung: Vor über 200 Jahren rückte die Erst-besteiger-Expedition – immerhin 62 Mann stark – von
Heiligenblut aus ins Leitertal vor, Fürstbischof von
Salm hatte Handwerker und Träger aus dem Dorf
angeheuert und dann ging es in zwei Tagen gen Gipfel.
Zimmerleute hämmerten Hütten, bauten Befesti-gungen, spannten Seile entlang der Glocknerscharte und schlugen Stufen ins Eis, damit es den geistlichen Herren und weltlichen Forschern an nichts mangelte.
Was es laut des Chronisten auch nicht tat, denn nach der erfolgreichen Mission ließen die Bergkameraden auf der späteren Salmhütte den Champagner aus-giebig fließen. Das war am 28. Juli 1800. Sicheren Fußes gelangten damals fünf Verwegene über den Kleinen Glockner (3783 Meter) zum großen Gipfel und errichteten das erste Kreuz. Auch im Tal ließen es die Menschen krachen und feierten die große Tat. Noch heute kraxeln die meisten Besucher entlang der historischen Route, sagt Bergführer-chef Peter Ponholzer aus Kals. Er selbst bringe pro Saison zwischen 40 und 50 Seilschaften zum Gipfel, zusammen mit den Kollegen sind das im Jahr mehrere hundert Gipfelstürmer.
Mindestens genauso viele Bergsteiger wählen das benachbarte Kals in Osttirol als Start für die Kletter-partie und viele davon rasten dann auf der 3454 Meter hoch gelegenen Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe und die meisten bleiben dort auch über Nacht. Vergangene Saison zählte und beherbergte Hüttenwirt Peter Tembler rund 3400 müde Berg-vagabunden. Das sind die Vernünftigen, die sich mit Rindsgulasch oder Kaspressknödeln stärken und dann in aller Früh und Ruhe zum Gipfel aufsteigen – nicht selten im Gänsemarsch.
Großer Ansturm
Denn der schmale Grat zum Gipfel über das sehr steile Glocknerleitl verläuft einspurig und wenn dann die Sicherung nicht sitzt und die Nerven aufgrund nachkommender Bergsteiger plötzlich blank liegen, wie das sommerlich geschmolzene Eis unter den Steigeisen, wird das kalkulierbare Abenteuer schnell zum Himmelfahrtskommando. „Ich habe dort auch schon mal 30 Minuten gewartet, weil viele Bergsteiger mit der Steilheit und dem Blankeis völlig überfordert waren. An manchen Tagen ist dort oben der Teufel los“, sagt Alpinist Essl.
Um dem Ansturm auf den Berg gerecht zu werden, die Sicherheitsstandards aber weiter hoch zu halten, entschloss sich der OeAV ganz im Sinne der Auf-klärung, weder Eintritt zu verlangen noch den Berg zu dämonisieren, sondern an die Vernunft der Bergsteiger zu appellieren – den Informationsfalter gibt es mittlerweile in fünf Sprachen und er wird laufend aktualisiert und nachgedruckt.
Und es könnte noch viel schlimmer sein, wie auf der Zugspitze, wo Seilbahnen die Touristen in die Höhe chauffieren. Solche Pläne gab es auch für den Großglockner. Nach dem Bau der Großglockner-Hochalpenstraße entstanden die wildesten Ideen: Seilbahnen zum Gipfel, Skigebiete auf den Gletschern, Parkplätze auf einzigartigen Anhöhen, Lifte zu weiteren Gipfeln für noch schönere Panoramen. Doch der Oesterreichische Alpenverein lehnte die Offerte dankend ab. Denn ihm allein gehört das Heiligtum und Wahrzeichen der Republik.
Dazu kam es, weil sich ein Holzindustrieller aus Villach um den einzigartigen Hochgebirgsraum rund um den Großglockner schon sehr früh große Sorgen machte. Albert Wirth ahnte bereits 1918, wozu der Tourismus fähig sein kann, kaufte vorsorglich das Areal auf Kärntner Seite seinen Schwägerinnen ab und legte den Berg in die Hände des Oesterreichischen Alpenvereins, der ihn noch heute zusammen mit dem Nationalpark Hohe Tauern verwaltet und managt. Die Flächen auf Tiroler Gebiet kaufte der OeAV „zum Zwecke der Schaffung eines Naturschutzparkes“ 1938 aus dem österreichischen Staatsschatz. Der Oesterreichische Alpenverein ist heute mit 333 km² der größte Grundeigentümer im 1836 km² großen Nationalpark Hohe Tauern.
In den Ostalpen ist der Großglockner der steinerne Imperativ, durch den Rückzug der Keese und das Tauen der Permafrostböden zeigt der schwarze Berg ein neues Gesicht und so werden die Forscher und Freigeister weiter zu ihm pilgern und von ihm lernen. Auch wenn er weiter ein wenig bröselt, der alte, aber harte Bursche.
Außerdem in der Printausgabe: Die Tiroler Naturparks und weitere Kletterrouten, Hütten und Sommerbahnen.
Autor: Stefan Becker













