Im Reich der Wasserscheichs
Publikation: sommer | Ausgabe: SPEZIAL Juli/August 2011 | Ressort: wasser.reich | Datum: 1.7.11
Wundert es wirklich jemanden, dass die Tiroler mit allen Wassern gewaschen sind? Wie sollte es auch anders sein, wo überall Quellen aus Felsen sprudeln, Bäche die Berge hinunterfließen, manchmal mickrige Rinnsale, dann wieder stürzende Fluten. Wo Weiher und Seen je nach Höhenlage zum Baden einladen oder wenigstens zum Kneippen. Wo heilende Wasser entweder mit dem Segen der Kirche oder dem Zertifikat eines Instituts nur Gutes tun? Wer also immer noch nicht mit all diesen herrlichen Wassern gewaschen ist, der sollte es diesen Sommer unbedingt nachholen.
Welches Land kann eigentlich Tirol das Wasser reichen? Da gibt es bestimmt nur wenige, die mit einer Dichte von einer Quelle pro 35 Einwohner protzen können. Denn so viele sollen es in Summe sein, schätzt die Abteilung für Schutzwasser-Wirtschaft und Gewässerökologie. Sie verfasste vor Jahren den ersten Fließgewässer-Atlas des Landes und stieß dabei in Tirol auf viele ehrenamtliche Aquanauten, die seine Arbeit unterstützen. Die braucht er auch, denn im ganzen Land bewegen sich rund 17 Milliarden Kubikmeter Wasser und die allein verwandeln Tirol schon in ein kleines Paradies. Jährlich prasseln ungefähr 1.400 mm/qm Niederschlag aufs Land und garantieren dafür, dass in dem 17.000 km umfassenden Netz der Bäche und Flüsse wirklich alles fließt. Das Mammutwerk dokumentiert dabei auch die Charakteristika der einzelnen Bäche und Achen, wie zum Beispiel den Unterschied zwischen dem kanalisierten Wattenbach und dem natürlichen Lauf des Fotscherbaches – die Kenner differenzieren nach diversen Bachtypen.
Darüber hinaus listet das Handbuch über 80 Beschneiungsteiche mit vorgeschriebener Trinkwasserqualität, die bereits erwähnten 20.000 Quellen, von denen bisher die Hälfte im Quellkataster erfasst wurde und natürlich die 638 Gletscher von Tirol. Zwar besitzt das gefrorene Element keinen unmittelbaren Einfluss auf das Quantum an Trinkwasser, doch wenn es schmilzt und die Bächlein anschwellen lässt, dann freuen sich Wassersportler aus nah und fern und kämpfen sich durch die frischen Fluten. Denn wenn etwas ganz gewiss ist, dann sind es die maximal moderaten Wassertemperaturen. Das gilt auch für die aufgeführten 35 Seen, wobei es in Tirol rund 600 davon gibt, inklusive Weihern und Teichen! Mehr als 80 Prozent davon liegen in der Region oberhalb der Waldgrenze und gelten damit als Hochgebirgsbiotope. Sie besitzen neben dem eiskalten wie glasklaren Wasser einen ganz eigenen Reiz und sind oft das Ziel stiller Wanderungen. 29 der Tiroler Seen gelten dabei als offizielle Badegewässer und werden deshalb auch stetig kontrolliert, um das höchste Maß an Wassergüte zu gewährleisten.
Wo der Wildbach rauscht
Jetzt aber pausiert die Technik erst mal und macht Platz für die Romantik – weil Wasser doch wie gemacht ist für große Gefühle. Wenn die Legenden von manchem kleinen Bergsee berichten, den die Tränen einer Königstochter schufen, oder wo eine Drache weinte, weil schon damals die Pechpreise so hoch waren, dann bekommt die Phantasie kleine Flügel und die Orte bekommen einen Hauch von Magie. Manchmal aber provozierten die Menschen selbst den Zorn des Himmels und der strafte die seinen dann mit Unmengen von Wasser. Vieles ging den Bach runter, einiges aber blieb und davon zeugt heute noch der Achensee, zumindest der Sage nach. Wobei jeder Tiroler natürlich schon seit Kindheit seinen Favoriten hat und diesem die sommerliche Treue hält. Und gerade deswegen lohnt sich ein Ausflug an fremde Gestade. Um irgendwann vielleicht wirklich mit allen Wassern gewaschen zu sein.
Mehr Wasser-reiches finden Sie in der Printausgabe.













