Die letzten Knappen von Tirol
Publikation: sommer | Ausgabe: SPEZIAL Juli/August 2011 | Ressort: kultur.gut | Datum: 1.7.11
Wer heute in Tirol „berggeht“, marschiert meist zum Gipfel des alpinen Genusses und erfreut sich der luftigen Freiheit. Ein paar verwegene Tiroler aber gehen in die Berge hinein, spazieren auf historischen Spuren in enge Stollen und von diesen Abenteurern soll hier die Rede sein.
Der große Mann mit dem lockigen, silbrigen Haar hatte eigentlich keine andere Chance, als von klein auf dem Ruf der Berge zu folgen: Hineingeboren in eine Familie begeisterter Mineralogen und die Riesen aus Dolomit direkt im Garten, zog es schon den Jungen hinauf zu den „Höhlen“. Die natürlich gar keine sind, sondern einst von Menschenhänden mit Feuer und Schlägeln geschaffene Stollen. Hanspeter Schrattenthaler studierte schon früh die Berge am Horizont von Rotholz und zusammen mit Dr. Brigitte Rieser machte er sensationelle Funde in den noch erhaltenen Zechen aus der Bronzezeit. „Der Bergbau im Gebiet zwischen Pill und der Wildschönau, rund um Schwaz-Brixlegg und hinein bis ins hinterste Zillertal, der dürfte schon vor rund 6000 Jahren begonnen haben. Denn wir haben auf unseren Expeditionen uralte Werkzeuge gefunden, die sich so weit zurückdatieren lassen“, erzählt Schrattenthaler. Einer der letzten Knappen aus Tirol.
Zurück in die Zukunft
Im harten Dolomit rund um Schwaz gruben die Knappen nach Kupfer und Silber, im weicheren Kalkstein des Karwendelgebirges fanden sie das dazugehörige Blei. „Die Bergleute brauchten dringend Blei, um das Silber aus dem Fahlerz schmelzen zu können“, erklärt Schrattenthaler. Über Tage könnte der Kenner weiter Geschichten dazu erzählen, doch viel lieber nimmt er sich unter Tage der Sache an: Die Techniken des prähistorischen Bergbaus praktizierte und studierte er mit Dr. Brigitte Rieser. Die Forscherin promovierte international als Erste zu dem Thema und gemeinsam veröffentlichte das Duo ein Buch über das Bergbauwissen der Bronzezeit. Wobei die Arbeit viel Mühe machte, hatten doch die Knappen des Mittelalters viele Spuren aus der Bronzezeit vernichtet. Dabei führte das beharrliche Experimentieren der beiden dazu, dass man jetzt weiß, wie in prähistorischer Zeit mit der Feuersetzmethode und Steinschlägeln Erze abgebaut und geschmolzen werden konnten, wie ein 800 °C heißes Holzkohlenfeuer mit hölzernen Blasrohren und aufgesetzten Tondüsen an der Spitze auf 1200 °C erhöht werden konnte, um das Kupfer zum Schmelzen zu bringen.
Eine Weltsensation war das Auffinden der Gletschermumie „Ötzi“. Dass dieser Mann aus der ausgehenden Steinzeit ein Kupferbeil bei sich trug, war eine weitere Sensation. Viele Wissenschaftler glaubten, dass das Beil wegen der Weichheit des Kupfers ungeeignet war und so nicht für die Arbeit oder für kriegerische Zwecke zum Einsatz kam, sondern eher als Kultobjekt Verwendung fand. Durch „richtiges Härten“ konnten Rieser und Schrattenthaler nachweisen, dass man damit problemlos Hartholzbäume fällen konnte. Die geschichtsbegeisterten Briten fanden das so spannend, dass der Sender BBC gleich eine Dokumentation über die findige Forschung drehte.
Viele Zechen aus der Boomphase des großen Bergbaues fungieren heute als großartige Zeitzeugen einer glanzvollen Epoche und in Tirol laden etliche liebevoll restaurierte Bergwerke ein zu Besuch und Besichtigung. Wie es den Knappen bei ihrer Arbeit erging, wie sie in den stets acht Grad kühlen Stollen das Erz schwitzend aus dem Fels schlugen und es dann wegschleppten; wie sie mit wenig Licht und wenig Luft in den engen Schächten den Erzadern folgten; wie die Knappen später auf den schweren Erzsäcken durch schmale Eiskanäle zu Tale ritten, den Tod immer im Nacken – das haben Hanspeter Schrattenthaler und sein Freund Alex Albrecht alles schon selbst ausprobiert und sogar bestens dokumentiert, wie die Bilder aus ihrer Posterserie beweisen. „Wir betreiben den experimentellen Bergbau schon seit Jahren, stellen die Werkzeuge selber her und haben in den Stollen übernachtet, um ein Gefühl für das Leben von damals zu entwickeln“, erzählt Schrattenthaler. Wobei sein Freund Alex auch in der Gegenwart den Lebensunterhalt im weitesten Sinne mit Bergbau verdient: Die Familie Albrecht betreibt einen Ölschiefer-Bergbau im Karwendel und gewinnt aus den Steinen das kostbare und in Tirol einzigartige Steinöl. Auf ihren gemeinsamen Touren durch die Stollen des Unterlandes haben die beiden unter anderem auch die Kupfererze Malachit und Azurit aufgefunden. „Aus den beiden Mineralien sind damals blaue und grüne Farbe gewonnen worden, mit denen der Legende nach auch Albrecht Dürer gemalt haben soll – sowie Leonardo da Vinci, der damit das Lächeln der Mona Lisa zauberte“, sagt Schrattenthaler und muss selbst lächeln.
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