05.07.2018

Industrie

Im Sog der weißen Kohle.

Krise war gestern. Das Heute wird in der Tiroler Industrielandschaft von Optimismus und Zuversicht beherrscht. Der Konjunkturmotor schnurrt. Mit einem Wertschöpfungsanteil von 23 Prozent sei die Industrie der größte Wirtschaftsbereich des Landes und beschäftige mehr als 41.000 Mitarbeiter, mit ausreichend Fachkräften könnten es sogar noch mehr sein, sagte Christoph Swarovski, Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Tirol, im Rahmen einer Mitgliederversammlung im Mai. Tatsächlich ist die heimische Industrie ein Wirtschaftsbereich, der meist im Schatten des prominenteren Tourismus bleibt, diesen in mancherlei Hinsicht aber überflügelt. So erzielt die Industrie in Tirol mit ihren rund 450 Betrieben eine fast doppelt so hohe Wertschöpfung wie der Fremdenverkehr, wie aus einer im April präsentierten, aber nicht unumstrittenen Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica im Auftrag der Industriellenvereinigung hervorging. Die Österreichische Hoteliervereinigung sieht dagegen in der Wertschöpfung in Tirol ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Industrie und Tourismus.

 

Sei’s drum, jedenfalls ist die Industrie in Tirol ein starker Wirtschaftssektor, der nicht einmal ansatzweise wegzudenken wäre. Die Gesamtproduktion der Tiroler Industrie erreichte zuletzt (2016) einen Wert von etwas mehr als zehn Milliarden Euro. Fast 70 Prozent der Produktion gehen in den Export, 75 Prozent der Industriejobs hängen von Auslandsaufträgen ab. Die geografische Lage im Zentrum Europas kommt Tirol zugute.

 

Zum Wasser gegangen

 

Besonders im frühindustriellen Zeitalter bestand die einzige Möglichkeit, sich die Kraft des Wassers in seiner hydraulischen Form zunutze zu machen, darin, zum Wasser zu gehen. Entsprechend war die Wasserkraft „seit vielen Jahrhunderten von zentraler Bedeutung für die gewerbliche und industrielle Entwicklung Tirols“, erklärt Historiker Gerhard Siegl. Lange vor der Industrialisierung wurden Fließgewässer für den Antrieb von Mühlen und Maschinen und als Transportwege genutzt. „Das Zeitalter der Elektrizitätsgewinnung aus Wasserkraft begann in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Der Strom wurde für die Straßenbeleuchtung, Straßen- und Seilbahnen und nach und nach auch in Privathaushalten verwendet“, sagt Siegl. Doch damit nicht genug. Die Standortwahl energieintensiver Industriebetriebe hing direkt mit der Verfügbarkeit der Wasserkraft zusammen, wie der Historiker ausführt: „Das Vorhandensein von ausreichend Wasser für die Stromgewinnung – wofür in den Pionierjahren das natürliche Gefälle ausgenützt wurde – war Voraussetzung für die Ansiedlung energieintensiver Industrie.“ Es sei auf der Hand gelegen, dass sich Betriebe oft an Gewässern angesiedelt hätten, da fast alle Unternehmen Wasser in irgendeiner Form für den Betrieb brauchten. Als Tiroler Paradebeispiele dafür dürfen etwa der von Daniel Swarovski 1895 in Wattens gegründete Kristallglaskonzern und die 1921 von Paul Schwarzkopf in Reutte gegründeten Metallwerke Plansee gelten, die heutzutage beide in ihren jeweiligen Kompetenzbereichen globale Player sind. Swarovski erkor die Mündung des wasserreichen Wattenbachs als Standort und mietete sich anfangs in den Gebäuden der aufgelassenen Rhomberg’schen Tuch- und Lodenfabrik ein, die zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Wasserkraftanlage verfügte.

 

Doch die Kraft des Wassers war nicht das allein ausschlaggebende Kriterium, wie Gerhard Siegl ausführt: „Neben der Wasserkraft gehörten die reichlich vorhandenen Arbeitskräfte, oft weichende Geschwister aus Landwirtschaftsbetrieben, zu den positiven Standortfaktoren.“ Abgesehen von Erzen und Holz, das heute – wenn auch unter anderen Voraussetzungen als in vorindustrieller Zeit – wieder ein begehrtes Wirtschaftsgut ist, sei Tirol ein rohstoffarmes Land, so Siegl: „Außer man zählt das Wasser ebenfalls als Rohstoff.“ Mit Blick auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten und die Bedeutung des Wassers nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht eine durchaus zulässige Klassifizierung. So spricht auch Historiker Wolfang Meixner, Vizerektor der Universität Innsbruck, in einem Buchbeitrag in Bezug auf Wasser von Tirols „weißer Kohle“. „Holz wurde mittels Wasser transportiert, also getriftet. Seen und Flüsse fungierten als natürlicher Nahrungsspeicher für Lebensmittel, vor allem Fische und Krebse. Gefrorenes Wasser diente in Form von Eis und Schnee zur Kühlung. In der Landwirtschaft gab es seit Jahrhunderten ausgeklügelte Wassersysteme in Form von Waalen, die vor allem in wasserarmen Gebieten wie im Oberland oder im Vinschgau zum Einsatz kamen“, erklärt Meixner.

  

Meilensteine der Industrialisierung

 

Wie die Industrialisierung in Tirol verlief, ist zunächst gar nicht so einfach zu beantworten, weil es nicht leicht sei, die Ausgangs- und Endpunkte von prozesshaften Entwicklungen pauschal an Jahreszahlen festzumachen, erklärt Siegl und führt aus: „Was wir landläufig unter Industrie verstehen, hat im England des 18. Jahrhunderts begonnen, in Tirol erst Ende des 19. Jahrhunderts. Der Höhepunkt des Industriezeitaltes war in den 1970er-Jahren erreicht, zumindest wenn man von den Beschäftigungszahlen in diesem Sektor ausgeht.“ 

 

Anhand einiger geschichtlicher Daten zeichnet Siegl die Entwicklung der Industrie in Tirol nach: „Meilensteine waren sicher die ab 1860 bestehende Gewerbefreiheit oder die technische Möglichkeit zur Umsetzung von Wasserkraft in elektrische Energie. Man darf aber nicht annehmen, dass nicht schon vorher industrieähnliche Betriebe existiert hätten. Man denke nur an die Glockengießerei Grassmayr oder die zahlreichen Textilfabriken, die man ‚Manufaktur‘ nannte und in der Wissenschaft als ‚Frühindustrie‘ oder ‚Protoindustrie‘ bezeichnet. Die Übergänge sind zwar fließend, aber die Gewerbefreiheit hat die Entwicklung sicher beschleunigt, allerdings in Tirol erst ab den 1880er-Jahren. Die Zellulosefabrik in Wörgl (1880er-Jahre) die Teigwarenfabrik Josef Recheis (1889), Swarovski (1895) und die Zementfabrik Schretter in Vils waren die wichtigsten Gründungen vor der Jahrhundertwende. Nach dem Ende der Monarchie 1918 folgten zwei schwierige Jahrzehnte für die industrielle Entwicklung. Über den industriellen Aufschwung während der NS-Zeit wurde schon mehrfach geschrieben, er stand freilich im Kontext der Kriegskonjunktur, aber auch davon hat die Tiroler Industrie letzten Endes profitiert und nicht nur bauliche Einrichtungen, sondern auch unternehmerische Impulse haben in die Nachkriegszeit ausgestrahlt. Erst in den 1970er-Jahren wurde der Sekundärsektor, gemessen an der Anzahl der Beschäftigten, vom Tertiärsektor überholt.“ Damals, in den 1970ern, hat sich die sogenannte Dienstleistungsgesellschaft herausgebildet, ein Strukturwandel, der bis heute anhält.

 

Im Vergleich mit den angrenzenden Regionen Bayern und Vorarlberg sieht Wolfgang Meixner in Tirol im 19. Jahrhundert eine „verzögerte Industrialisierung“, die weit hinter jenem Industrialisierungsgrad Bayerns und Vorarlbergs lag. „Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte hier eine Aufholphase, die aber durch den Ersten Weltkrieg gehemmt wurde“, sagt Meixner und fährt fort: „Im 20. Jahrhundert stagnierte die Tiroler Industrie in der Ersten Republik weitgehend, in der NS-Zeit erfolgte kriegsbedingt ein ‚Aufschwung‘ durch die Rüstungsproduktion unter Einsatz von Zwangsarbeit. Nach 1945 profitierte die Industrie vom ERP, bekannt als Marshallplan. Wirtschaftlich wurde das Land aber bereits ab den 1960er-Jahren zunehmend von der Entwicklung des Tourismus getrieben. Interessant ist, dass als Arbeitgeber der Dienstleistungsbereich, vor allem das Gast- und Beherbergungsgewerbe, den Industriesektor schon früh überholte und Tirol damit quasi die Industrialisierung ‚übersprang‘. Allerdings darf die Industrie als Produktionsfaktor und Arbeitgeber nicht unterschätzt werden.“ Und erst recht nicht, was die dort erzielte Wertschöpfung anbelangt. 

 

Hemmschuhe

 

Was die historische Entfaltung der Industrie in Tirol gehemmt habe, sei zum einen die natürliche Rohstoffarmut des Landes sowie die starke Orientierung des Landes hin zum „Fern-/Transit-Verkehr“ auf der Nord-Süd-Achse, diagnostiziert Meixner. Darüber hinaus wirkten sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht unbedingt fördernd auf den Sekundärsektor aus: „Es gab mentale Reservationen gegenüber der Industrialisierung durch klerikal-konservative Kreise bis fast ans Ende des 19. Jahrhunderts, so etwa eine Angst vor den Fremden, die als Arbeiter zuwanderten, sowie vor einer Abwanderung aus der Landwirtschaft.“ Außerdem gab es in Tirol selbst kaum größere Städte und damit Märkte für die Konsumgüterindustrie. Deshalb ist unter anderem die Exportorientierung in der Tiroler Industrie so hoch, weil der Binnenmarkt bei weitem nicht genügt, um die erzeugten Produkte abzusetzen.

 

Die Industrialisierung veränderte und prägte auch die Gesellschaft, wie Wolfgang Meixner erklärt: „Es kam zu einem Zuzug aus den Nachbarregionen sowie vom Land aus der Landwirtschaft. Damit wurde das Land ‚bunter‘, die Dominanz konservativer Strömungen wurde gebrochen. Es kam anfangs aber auch zur Entwicklung von Armut und Wohnungsnot, die aber im 20. Jahrhundert überwunden wurde. Das politische Spektrum wurde breiter, etwa durch die Sozialdemokratie, und es entstanden neue gesellschaftliche Bewegungen wie die Gewerkschaft, die in Tirol zwar nie mehrheitsbestimmend, sehr wohl aber mehrheitsverändernd wirkten.“

 

Tirol ist politisch nach wie vor ein vergleichsweise (wert)konservatives Land, dessen Wirtschaft und wissenschaftliche Einrichtungen aber ein feines Sensorium für Innovation entwickelt haben.

 

Fiat lux!

 

Die Industrie war in ihren Standortgemeinden auch dafür verantwortlich, dass den Tirolern in ihren Haushalten ein Licht aufging. Und zwar ein elektrisches. So betrieb etwa die Zellulosefabrik in Wörgl ab 1887 ein eigenes Kraftwerk an der Brixentaler Ache. Mit dem Achenseekraftwerk ging 1927 das erste Speicherkraftwerk in Tirol in Betrieb. Die TIWAG war drei Jahre zuvor gegründet worden. „Seither sind in mehreren Tiroler Seitentälern weitere Pumpspeicherkraftwerke entstanden, etwa im Ziller-, Sellrain- oder Kaunertal“, weiß Gerhard Siegl.

 

Heutzutage nimmt die Wasserkraft für die Unternehmen keine derartige Schlüsselrolle mehr ein, weil Elektrizität im europäischen Verbund kein regionales Produkt mehr ist. Tendenziell geht für die bisher völlig selbstverständliche Energiesicherheit von der Energiewende der Deutschen ein gewisses Risiko aus, da es alles andere als trivial ist, Grundlastfähigkeit aus fossiler Energie und Atomkraftwerken gegen stark schwankende Erträge aus Erneuerbaren einzutauschen. Physikalische Gesetzmäßigkeiten sind nämlich nicht der politischen Willensbildung unterworfen. Da kann man die Energie drehen und wenden, wie man will. Insofern könnte der Wasserkraft in Zukunft sogar wieder eine wichtigere Rolle zukommen, wenngleich der Bau neuer Kraftwerke höchst umstritten ist und teils heftig bekämpft wird. 

 

Tourismus oder Industrie? Sowohl als auch!

 

Im Schatten des florierenden Tourismus gibt es in Tirol eine vitale Industrie, die das Schlagwort Industrie 4.0 praktisch mit Leben füllt und zunehmend hochqualifizierte Ganzjahresarbeitsplätze, an denen es im Tourismus noch mangelt, zur Verfügung stellt. Die Digitalisierung wird in der Tiroler Industrie als Chance gesehen, um weltweit konkurrenzfähig zu bleiben. Studien zeigen, dass der Alarmismus um die Digitalisierung als Jobkiller nicht begründet ist. Denn gerade in jenen Ländern, die über die meisten Industrieroboter verfügen, ist die Arbeitslosigkeit am geringsten. Man geht in der Industrie deshalb davon aus, dass durch den technologischen Wandel nicht nur keine Arbeitsplätze verloren gehen, sondern sogar mehr Jobs entstehen könnten. Vorausgesetzt, dass überhaupt Fachkräfte im nötigen Ausmaß verfügbar sind.

 

In Tirol finden schon bislang Tourismus und Industrie ein gedeihliches Nebeneinander. Es deutet aus heutiger Sicht wenig darauf hin, dass dem nicht so bleiben kann. Vielmehr will das Land Tirol die internationale Strahlkraft der Marke „Tirol“ und deren positive Konnotation sogar noch verstärkt für Produkte über den Tourismus hinaus nutzen.

 

// Text: Marian Kröll

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