15.04.2020

Um die Stunde Null

Ein weißer Schwan und niemand sah ihn kommen.

Es gibt Ereignisse, die den Zeitenlauf verändern. Der Essayist, ehemalige Finanzmathematiker und Professor für Risikoanalyse, Nassim Nicholas Taleb, hat für diese Ereignisse den Begriff des Schwarzen Schwans (Black Swan) geprägt. Bis zur Entdeckung Australiens ging man universell davon aus, dass alle Schwäne weiß seien. Die empirische Evidenz bestätigte diese Überzeugung völlig. Mit der Sichtung des ersten Schwarzen Schwans wurde die über Jahrtausende geformte Annahme plötzlich ungültig. „Eine kleine Zahl Schwarzer Schwäne erklärt so ziemlich alles in unserer Welt, vom Erfolg von Ideen und Religionen über die Dynamik geschichtlicher Ereignisse bis zu Elementen unseres persönlichen Lebens“, schreibt Taleb. Und: „Dass wir Ausreißer nicht vorhersagen können, bedeutet angesichts ihres großen Anteils an der Dynamik der Ereignisse, dass wir den Lauf der Geschichte nicht vorhersagen können.“

Es ist umstritten, ob die aktuelle Coronakrise ein solcher Schwarzer Schwan ist. Die Erzählung, dass man dieses Ereignis weder vorhersehen noch verhindern hätte können, kann als Vorwand dafür dienen, sich aus der Verantwortung zu nehmen. Für Virologen und Epidemiologen war nämlich das Szenario einer Pandemie nicht nur denkbar, sondern sogar sehr wahrscheinlich.  Dieses neue Coronavirus SARS-CoV-2 war für sie eher „the elephant in the room” denn ein „black swan“. Übrigens auch für Taleb selbst, der eine globale Pandemie sogar als „weißen Schwan“ bezeichnet hat. Also als Ereignis, das irgendwann mit Gewissheit eintreffen wird. Und irgendwann ist eben jetzt.

Vor kurzer Zeit wussten viele Menschen wohl noch nicht, womit Virologen sich die Zeit vertreiben. Und heute kennt fast jeder zumindest den Namen eines Vertreters dieser Zunft. Virologen beforschen Viren. Sie sollten aber nicht (mit)regieren und die Deutungshoheit über diese Krise, die viel mehr ist als eine reine Gesundheitskrise, umgehängt bekommen.

Vom chinesischen zum globalen Problem

Dieses neue Coronavirus hat die Welt am falschen Fuß erwischt. Selbst in Asien, wo man kurz nach der Jahrtausendwende mit einer SARS-Epidemie zu kämpfen hatte, wurde die Gefahr nicht früh genug erkannt, um die Verbreitung dieses neuen Coronavirus rechtzeitig einzudämmen. Die chinesischen Behörden haben dabei sicher nicht alles richtig gemacht. Was genau sich in Wuhan in der Anfangsphase des Ausbruchs zugetragen hat, wird die Weltöffentlichkeit aufgrund der Verfasstheit des politischen Systems in China wohl nie genau erfahren. In Europa wurde das hochansteckende Virus offenbar lange Zeit unterschätzt. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch die Regierungen und Behörden sandten unterschiedliche Signale aus. Das mag auch mit der als Normalitätsbias bezeichneten Tendenz zu tun haben, zu glauben, dass die Dinge in der Zukunft so funktionieren werden, wie sie in der Vergangenheit normalerweise funktioniert haben. Das lässt uns sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe als auch deren Auswirkungen unterschätzen. Diese menschliche Neigung, die auch als negative Panik beschrieben wurde, lässt sich nicht einfach abstellen. Anfang Februar noch bezeichnete Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) die Influenza als das größere Risiko. Das Coronavirus war zu dieser Zeit offiziell noch auf China beschränkt.1) Schritt für Schritt hat unsere Gesellschaft seit Mitte März eine Verschärfung der Maßnahmen gesehen, die eine bis vor kurzer Zeit noch unvorstellbare Einschränkung der Grund- und Bürgerrechte mit sich brachten. Auf das regierungsamtliche Dementi folgten quasi im Handumdrehen de facto Ausgangssperren.2) Vertrauensbildend ist das nur bedingt.

Nationale Alleingänge

Die Virologen mit ihrer Expertise werden vorgeschickt, wenn es gilt, neue unangenehme Wahrheiten unter die Leute zu bringen. Die Begründungen für diese Maßnahmen waren nicht immer ganz nachvollziehbar. Dennoch dürfen sie nach Ansicht der Verkünder Alternativlosigkeit für sich beanspruchen. Widerspruch ist generell in Zeiten nationaler Schulterschlüsse – die in Demokratien immer schlechter sind als ihr Ruf – nicht wirklich gefragt.

In den letzten Wochen wurden in den Nationalstaaten, die irgendwie auch zur Europäischen Union gehören, die Reihen und die Grenzen geschlossen. Die EU hatte bisher in dieser Krise wenig bis nichts zu bieten, das ihre Existenzberechtigung unterstrichen hätte. Dieses unrühmliche Bild als technokratischer Schönwetterverein, der versagt, wenn es darauf ankommt, wurde aber von den Mitgliedern zumindest entscheidend mitgezeichnet.3) Brüssel war immer schon ein dankbarer Sündenbock, das hat sich auch jetzt nicht geändert. Die Europäische Union kann aber letztlich nur so effektiv sein, wie die Mitgliedsstaaten sie sein lassen. Dessen sollte sich die Öffentlichkeit bewusst sein, bevor diese verdiente Institution durch nationale Egoismen sturmreif geschossen wird.

Kriegsrhetorik und Exponentialfunktionen

Apropos sturmreif: Im Gegensatz zur darniederliegenden Wirtschaft hat Kriegsrhetorik in der Coronakrise Hochkonjunktur. Donald Trump, Emanuel Macron und andere mächtige Staatenlenker haben dem zum „unsichtbaren Feind“ hochstilisierten Virus bereits den Krieg erklärt. Das ist kein Betriebsunfall. Wer den Kriegszustand erklärt, will Befugnisse, die in Friedenszeiten undenkbar wären. Darüber sollte man sich im Klaren sein.

Es gibt unterschiedliche Zugänge und Strategien, die in dieser Krise ergriffen werden. Die meisten stammen aus dem Werkzeugkasten der Epidemiologen und heißen Suppression (Zurückdrängung) oder Mitigation (Abmilderung). Mittlerweile haben fast alle betroffenen Länder erstere Strategie gewählt bzw. sind auf sie umgeschwenkt, mit der die vielzitierte Basisreproduktionszahl, genannt R0, unter 1 gedrückt und damit die Ausbreitung des Virus gestoppt werden soll. Andernfalls verbreitet sich das Virus exponentiell.

Wir haben zehn Finger, wohl auch deshalb das Dezimalsystem. Darüber hinaus tun wir uns schwer, uns mathematische Funktionen konkret vorzustellen. Ein Beispiel dafür ist die Exponentialfunktion. Die typische exponentielle Wachstumskurve ist derzeit in der Berichterstattung über SARS-CoV-2 fast omnipräsent. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, dass das Wachstum keine Schranken kennt und ständig steigt, solange die Bedingungen gleichbleiben. Aber das kleine Einmaleins der Epidemiologie muss man heute wohl ohnehin niemandem mehr erklären. So oder so: Die Kurve, die unter größten gesellschaftlichen Anstrengungen flach gehalten werden soll, wird uns eine Weile begleiten. Zumindest so lange, bis es ein Medikament und/oder eine Impfung gibt.

Herdenimmunität und Schwarmintelligenz

Die von der Nationalen Gesundheitskommission Chinas publizierte klinische Orientierungshilfe gibt nur wenig Anlass zum Optimismus, was die verschiedentlich als Alternative ins Spiel gebrachte rasche Durchseuchung der Bevölkerung zur Erlangung von „Herdenimmunität“ betrifft. Aufgrund von Autopsien und Biopsien gelangte man zum Ergebnis, dass COVID-19 nicht nur die Lunge, sondern auch andere Organe wie Milz, Leber und Gallenblase, Niere, das Herz-Kreislauf-System und sogar das Gehirn schädigen kann und auf das Nervensystem wirkt.4) Viele Aspekte des Virus kennt man noch nicht im Detail. In den mathematischen Modellen müssen dennoch Annahmen getroffen werden, weil Variablen nicht so einfach freibleiben können. Ist auch nur eine davon falsch, fällt das Modell zusammen wie ein Kartenhaus. Diese Simulationen sind, solange die Datenlage nicht besser ist, nur bedingt tauglich als alleinige Entscheidungsgrundlage für politisches Handeln. Der Gedanke, dass es sich bei SARS-CoV-2 nicht nur um eine Jahrhundertpandemie, sondern möglicherweise auch um ein Jahrhundert-Evidenzfiasko handeln könnte, wurde vom renommierten Stanford-Mediziner John Ioannidis aufgeworfen.5) „Man kann nur hoffen, dass, ähnlich wie 1918, das Leben weitergeht. Umgekehrt bleibt das Leben bei einer Sperrzeit von Monaten, wenn nicht gar Jahren weitgehend stehen, die kurz- und langfristigen Folgen sind völlig unbekannt, und es könnten letztendlich Milliarden, nicht nur Millionen von Leben auf dem Spiel stehen“, schreibt der Wissenschaftler. Auch wenn es die Unsicherheit vergrößert: Wir fischen derzeit weitgehend im Trüben und handeln manchmal eher angst- denn evidenzbasiert.

Kaufkraft statt Klatschen

In der Coronakrise trieft auch das Pathos aus allen gesellschaftlichen Poren. Angefangen hat es damit, dass man die Ausgangsbeschränkungen mit der Möglichkeit der Entschleunigung verbrämt hat. Helden der Arbeit, soweit das Auge reicht: Vom tapferen Müllmann über die unerschrockene Supermarktkassiererin bis hin zum selbstlosen Krankenhauspersonal. Wie viel der Gesellschaft und Politik ihre neuen Helden wert sein werden, wird sich in den Lohn- und Gehaltsabschlüssen nach dieser Krise manifestieren. Man darf gespannt sein und hoffen, dass sich vor allem für das Pflegepersonal auch finanziell einiges zum Besseren wendet. Denn von Heldenkitsch kann man sich nichts kaufen. Und Kaufkraft und Lust am Konsumieren wird entscheidend sein, dass wir nach Corona wirtschaftlich möglichst rasch wieder auf die Beine kommen.

Gefährder und Retter: Ein Gefährliches Gegensatzpaar

Die Weltwirtschaft hat eine geschichtsträchtige Vollbremsung hingelegt, die – ein Blick auf Satellitenaufnahmen zeigt es – gewissermaßen sofort klimawirksam geworden ist. Man wird aber nicht für unbegrenzte Zeit den Ball – oder in dem Fall die Kurve – flach halten können, wenn dabei die Wirtschaft gefährlich nahe an der Nulllinie entlangschrammt. Diese Wirtschaftskrise wird weitreichende Folgen haben. Dennoch wird Klopapier aller Voraussicht nach den Euro nicht als offizielles Zahlungsmittel ablösen können. Die Akzeptanz für die von der Bundes- und Landesregierung gesetzten drastischen Maßnahmen und Freiheitseinschränkungen ist hoch. Noch. Dass der Innenminister die Bürger, die allen staatlichen Anweisungen kritiklos Folge leisten, als Lebensretter, jene, die dagegen verstoßen, aber als Lebensgefährder (sic!) bezeichnet, sollte eigentlich die Alarmglocken schrillen lassen. Wenn die Angst herrscht, sind wir viel eher bereit, uns unter dem vermeintlichen Schutz eines starken, sprich autoritären Staats zu begeben.

Der Gesundheitsminister warnte indes in einem ZIB2-Interview vom 2. April vor Zuständen wie in Spanien oder Italien: „Ich schaue mir jeden Tag in der Früh die Blogs der Ärzte aus Italien, aus Frankreich, aus Spanien an. Und wenn dann Ärzte weinen und nicht mehr wissen, wie sie unterscheiden sollen, wie sie entscheiden sollen, ob sie einen Menschen am Leben erhalten oder diesen Platz einem anderen geben müssen, weil es einfach zu wenig Platz gibt, zu wenige Beatmungsgeräte gibt, fühle ich mich ganz einfach bestärkt, dass wir jetzt eine Priorität haben, dass wir nach Erreichen dieser Ziele auch vernünftig in Richtung Wirtschaft denken müssen. Aber jetzt haben wir die Priorität, Leben zu retten und auf die Gesundheit dieser Menschen in diesem Land zu schauen.“ Weinende Ärzte bei der Triage sind zweifellos tragisch, taugen aber nur bedingt als Informations- und Legitimationsquelle des Regierungshandelns. Man kann zudem die Gesundheitssysteme und Intensivbettenkapazität sowie die Verbreitung multiresistenter Krankenhauskeime zwischen Frankreich, Italien, Spanien und Österreich nicht vergleichen. Österreich steht in diesen Punkten wesentlich besser da. „Wenn es um Menschenleben geht, gibt es keine Wirtschaftsvergleiche“, antwortete Anschober auf die Frage des Moderators Armin Wolf, ob die sozialen, wirtschaftlichen und auch psychischen Folgekosten im Land die ergriffenen Maßnahmen rechtfertigen würden. Der Minister bemüht da allerdings ein Totschlagargument, das in etwa so geht: Wer nicht bedingungslos für die Maßnahmen ist, rettet keine Menschenleben, sondern gefährdet sie sogar. Da ist sie wieder, bloß etwas subtiler, die von der Bundesregierung kultivierte Gegenüberstellung Lebensretter versus Lebensgefährder. So kann man eine breite gesellschaftliche Debatte nicht führen. Ganz im Gegenteil provoziert man dadurch ein Meinungsklima, das Denunziantentum und Blockwartmentalität fördert. Und wie heißt es so schön und richtig: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
   
Der Tanz mit dem Hammer

„The Hammer and the Dance heißt das in der Wissenschaft“, meinte Rudolf Anschober in selbiger ZIB2 in Bezug auf die Strategie, die in Österreich, und nicht nur hier, gefahren werde. Nein, tut es nicht. Das ist lediglich der eingängige Titel eines populären Aufsatzes, den der Techniker und medizinische Laie Thomas Pueyo geschrieben hat und der in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurde und weltweit auf enorme Resonanz gestoßen ist.6) Zusammengefasst sagt der Artikel etwa Folgendes: Strikte Coronavirus-Maßnahmen sollten heute nur wenige Wochen dauern, es sollte danach keinen großen Höhepunkt der Infektionen geben, und das alles kann zu einem vernünftigen Preis für die Gesellschaft durchgeführt werden, wodurch Millionen von Leben gerettet werden können. Wenn wir diese Maßnahmen nicht ergreifen, werden Dutzende Millionen Menschen infiziert werden, viele werden sterben, zusammen mit allen anderen, die intensive Pflege benötigen, weil das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist.

Das klingt nicht unvernünftig. Pueyo ist mit seinem Hammertanz wohl zum erfolgreichsten Coronavirus-Influencer der Welt avanciert. Durch verstärktes Testen werden sich Cluster in naher Zukunft noch besser identifizieren und eindämmen lassen, ohne das Land völlig hinunterfahren zu müssen. Das medizinische und pflegende Personal in Krankenhäusern, Altenheimen etc. muss laufend getestet werden, denn andernorts, etwa in Italien, fungierten gerade diese Einrichtungen tragischerweise durch lange unentdeckt gebliebene Erkrankungen als tödliche Multiplikatoren.

Es gilt, vor allem auf die Menschen aufzupassen, die als besonders vulnerabel, also verwundbar gelten. Dazu braucht es soziale wie finanzielle Ressourcen, die bei einem längerfristigen Herunterfahren der Wirtschaft nicht lange aufrechterhalten werden können. Es darf das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Denn es ist gut belegt, dass Armut der wichtigste gesellschaftliche Risikofaktor für Krankheitshäufigkeit und höhere Sterblichkeit ist. Die Todesfälle unter alten und oft multimorbiden Menschen, die wir jetzt unter Aufbietung aller Kräfte verhindern, werden in den nächsten Jahren – hervorgerufen durch einen globalen wie nationalen Wohlstandsverlust – in der Gesamtsterblichkeit nachgeholt. Dazu hat etwa Andreas Sönnichsen, unter anderem Leiter des Zentrums für Public Health an der Uni Wien, ein bemerkenswertes und sehr umstrittenes Interview gegeben, in dem er zu den Maßnahmen festgestellt hat: „Es ist irre, was wir machen.“7) Tatsächlich ist es diskussionswürdig, wie es um die Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen bestellt ist. Ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben und zu vermeintlich moralisch unangreifbaren Totschlagargumenten zu greifen. Der Zeitpunkt, ab dem es aus verantwortungsethischer Sicht unmoralischer ist, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weiter auf Notbetrieb zu halten, rückt immer näher. Wir werden auch nachdem es zu einer schrittweisen Öffnung kommt noch weit von einem Normalbetrieb entfernt sein.

Chance auf eine resilientere Zukunft

Häme, dass es nun dem „Neoliberalismus“ an den Kragen gehen müsse, ist nicht angebracht, Schadenfreude erst recht nicht. Denn diese Krise ist unser aller Schaden. Schadenfrohe Menschen haben wohl nicht verstanden, dass wir durch diese Krise – global wie lokal – alle ärmer werden und dadurch weniger Lebenschancen haben. Die einen trifft es härter, die anderen weniger. Krisengewinner gibt es nur vereinzelt. Wer sich freut, dass jetzt der Neoliberalismus und die Globalisierung zurechtgestutzt werden, vergisst eines: Die Globalisierung ist ein massiver Wohlstandsmotor, und zwar nicht nur in den „reichen“ Ländern, sondern weltweit. Die Wirtschaft wird sich dennoch ändern müssen. Europa muss verstärkte Resilienz gegenüber Unterbrechungen von Lieferketten entwickeln und den Kontinent reindustrialisieren. Eine großteils auf Dienstleistung aufgebaute Wirtschaft ist verwundbar. Außerdem werden Schlüsselindustrien wie die Medikamentenherstellung wieder vor Ort passieren müssen.

Der Markt hat versagt und muss – wieder einmal – vom Staat aufgefangen werden, lautet eine Erzählung, die dieser Tage öfter zu hören ist. Doch ist das wirklich so? Oder ist es nicht vielmehr so, dass durch die Coronakrise eher ein Staatsversagen als ein Marktversagen offen zutage getreten ist? Der Markt wurde nämlich von den Staaten – in manchen Bereichen durchaus notwendig – quasi auf dem Verordnungsweg und per Sondergesetze abgedreht. Da, wo sich der Staat hätte besser auf eine mögliche Pandemie vorbereiten können, wurde das nur unzureichend gemacht. Und zwar nicht nur in Österreich, sondern in Europa, Amerika, von Afrika ganz zu schweigen. Es spricht Bände, dass Schutzausrüstung allerorten knapp ist. Das Tragen von NMS-Masken ist – auch wenn die wissenschaftliche Evidenz dünn ist – wahrscheinlich kein Fehler. Es ist aber nur bedingt sinnvoll, in Supermärkten Masken auszugeben, wenn im Gesundheitswesen nicht genügend davon vorhanden sind.

Die Ide(e)n des März

Disziplin ist in diesen Tagen wichtig. Und Eigenverantwortung. Dazu gehört, sich ans Social Distancing zu halten und damit den Verlauf der Epidemie zu verlangsamen. Autoritäre Mätzchen muss sich der mündige Bürger dagegen nicht gefallen lassen. Die Bürger haben es (noch) selbst in der Hand, dass einige Ideen des März und April (Stichwort: Stopp-Corona-App) nicht Wirklichkeit werden und wieder dorthin verschwinden, wo sie hingehören: In die Mottenkiste des Totalitarismus. Das Volk begegnet den Grundrechtseingriffen mit wachsendem Unbehagen. Zu Recht, dürften sich diese Eingriffe in Ungarn doch als Einbahnstraße herausstellen. Dort hat sich Viktor Orbán vom von seiner Fidesz-Partei dominierten Parlament fast unbegrenzte Machtbefugnisse auf unbegrenzte Zeit geben lassen. Das Land hat den ersten Fuß über die Schwelle zur Diktatur schon gemacht. Die Pressefreiheit steht auf der Kippe. So fängt es an. Die Europäische Union wird sehr genau beobachten müssen, wie Orbán nach Corona mit seiner neuen Machtfülle verfährt und ob man sich ein Mitglied, das nicht einmal mehr die demokratischen Mindeststandards erfüllt, weiter dulden kann. Sebastian Kurz’ bis zum Redaktionsschluss dröhnendes Schweigen zu Ungarn ist kein besonders vertrauenerweckendes Signal.


Nach dieser Krise braucht es mehr statt weniger Europa. Das klingt angesichts der europäischen „Performance“ zunächst einmal nicht logisch. Mit besserer, sprich gemeinsamer, stärker aufeinander abgestimmter Planung und Vorbereitung, etwa der Beschaffung medizinischer Schutzausrüstung und Beatmungsgeräte, hätte wahrscheinlich einiges menschliches Leid vermieden werden können. Eine paneuropäische Reaktion auf diese Pandemie hätte zu besseren Ergebnissen in ganz Europa geführt als nationale Alleingänge.

Die Neue Normalität ist nicht normal

In dieser absoluten Sondersituation, zweifellos eine globale Zäsur, werden wir in der Nachbetrachtung naturgemäß viel mehr wissen als während dieser Pandemie. Hindsight is 20/20.8) Und es werden Fehler passiert sein, weil es kein Drehbuch gibt für derart weitreichende Ereignisse und Pandemiepläne, sofern vorhanden, Papiertiger waren. Manche Lehren können aus früheren Pandemien und Epidemien gezogen werden, anderes muss improvisiert werden. Niemand wird nach dieser Krise alles richtig gemacht haben. Die an vielen Stellen zahlreich gemachten Fehler gilt es aufzuarbeiten und für die Zukunft daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Im Nachgang dieser Krise wird wahrscheinlich die Zahl derer, die vorher immer alles schon gewusst haben wollen, ebenfalls exponentiell angewachsen sein. Wie es wird, das weiß momentan – abgesehen von Zukunftsforscher Matthias Horx – niemand ganz genau. Horx glaubt, dass uns das Virus eine deutliche Botschaft geschickt hat: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“9) Mag sein, dass es nicht mehr so sein wird, wie es vor Corona war. Das eröffnet neue Chancen, manche Dinge neu zu justieren, die Schwächen der Globalisierung zu lindern und die Gesellschaft ein wenig gerechter zu machen. Für die Zeit nach Corona wird es jedenfalls einen klugen Fahrplan brauchen. Einen solchen zu erarbeiten sollte nicht allein der Politik überlassen sein.

Wir sind Individuen, keine Lemminge. Wir haben einen freien Willen und Grundrechte, deren Suspendierung nur auf absehbare Zeit hinzunehmen ist. WAS GERADE PASSIERT, IST NICHT NORMAL. Und kann auch keine wie auch immer geartete neue Normalität werden. Das Gerede vom New Normal ist nicht ungefährlich. Wird der Ausnahmezustand irgendwann als normal empfunden, verliert unsere Demokratie ihr liberales Wertefundament. Das dürfen wir nicht vergessen. Denn sonst wird sich unsere Welt verändern, und zwar in einer Art und Weise, die keinem freiheitsliebenden Bürger recht sein kann.

Es wird sich zweifellos nach dieser Krise einiges ändern. Aber wie es werden wird, wissen wir nicht. Jetzt heißt es aber erst einmal aufstehen, Corona richten, mit vereinten Kräften die Scherben zusammenkehren und weitergehen.

 

Text: Marian Kröll / Aus: eco.nova April 2020

 

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1)  https://kurier.at/politik/inland/gebe-meine-haltung-an-der-garderobe-zum-ministerrat-nicht-ab/400749015
2)  https://m.bvz.at/in-ausland/auch-fuer-die-zukunft-anschober-schliesst-ausgangssperren-aus-epidemie-politik-viruserkrankung-wien-oesterreich-weit-coronavirus-ausgangssperre-196594482
3) https://www.derstandard.at/story/2000116447687/eu-sitzungsprotokolle-regierungschefs-lehnten-eu-hilfe-ab
4) kjfy.meetingchina.org/msite/news/show/cn/3337.html
5) https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/
6) https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-the-hammer-and-the-
dance-be9337092b56
7) https://www.diepresse.com/5795001/bdquowas-machen-wir-denn-da-eigentlichldquo#kommentare
8) Amerikanische Redensart: Es ist leicht, das Richtige zu wissen, nachdem etwas
passiert ist, aber es ist schwer, die Zukunft vorherzusagen.
9) https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/

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