23.04.2021

Fragen, die das Leben stellt

Benjamin Raich

Ex-Skirennläufer Benni Raich im Interview über Sport, Bekanntheit und Verantwortung

Sportlern geht es in erster Linie darum, ihren Sport auszuüben. Das gilt für den Hobbybereich ebenso wie im Spitzensport. Fußballer möchten Tore schießen, Skifahrer so schnell wie möglich den Hang hinunterfahren. Im Wettkampf geht es den Athleten weniger um den Unterhaltungswert für andere (wenngleich dieser nicht zu unterschätzen ist) denn darum, zu gewinnen. Dafür wird hart trainiert. Während Hobbysportler dies in aller Regel nur für sich tun, kommt im Spitzensport noch ein anderer Aspekt dazu. Eine gesellschaftlicher. Und der bringt Verantwortung mit sich. Während es etwa für Politiker gewissermaßen zur Stellenbeschreibung gehört, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, ist das bei Sportlern nicht per se so. Trotzdem ist sie da und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er diese übernehmen möchte. Erfolg zu haben ist kein Zufall. Erfolg zu haben ist eine Entscheidung, die das eigene Leben maßgeblich beeinflusst.

Sport ist eben nicht immer einfach nur Sport, sondern eng mit der Gesellschaft verflochten. Gewinnt ein heimischer Athlet, war es „unser“ Sieg, verliert er, ist das seine Sache. Spielt sich Dominic Thiem an die Weltspitze, haben Tennistrainer Hochkonjunktur, selbst Schach hat mit „Das Damengambit“ erhöhten weiblichen Zulauf, auch wenn der Vergleich etwas hinkt, da es sich um einen Film handelt. Trotzdem: Mit der erhöhten Aufmerksamkeit für eine Sportart – die in der Regel dadurch erreicht wird, dass die eigene Nation oder einer ihrer Vertreter dort gerade sehr erfolgreich ist – steigt der Einfluss des Athleten auf das sportliche Tun der Bevölkerung. Benni Raich war fast 20 Jahre erfolgreich im Skiweltcup aktiv. Wir haben mit ihm über diese Zeit und das Danach gesprochen.

 

eco.nova: Welchen Einfluss hat der Spitzensport auf den Breitensport?

Benni Raich: Wir sind in Österreich in vielen sportlichen Bereichen Vorreiter oder zumindest führend mit dabei. Ob das in der Formel 1 ist, auch wenn diese nicht unbedingt breitensporttauglich ist, im Tennis oder beim Skifahren. Sportveranstaltungen haben auch Unterhaltungswert, erreichen viele Menschen und können deshalb durchaus ein Motivator sein – besonders wenn heimische Athleten Erfolge verzeichnen. Ich beobachte das an unseren eigenen Kindern: Sie sehen ein Skirennen im Fernsehen und wollen dann hinaus auf die Piste.

 

Sie waren selbst jahrelang im Spitzensport unterwegs. Ist man sich dessen bewusst, dass man eben nicht „nur“ Sportler ist, sondern damit auch eine gesellschaftliche Verantwortung trägt?

Ich habe für mich diese Rolle durchaus verspürt. Sie war mir aber nicht unangenehm. Man hat als Sportler Vorbildwirkung und eine gewisse Strahlkraft, die man nicht unterschätzen darf. In erster Linie wollte ich natürlich Skifahren und meine Ziele erreichen, doch es war mir bewusst, dass man als Sportler auch eine Figur ist, mit der sich andere identifizieren. Man verändert sich dadurch zwar nicht als Mensch, handelt in manchen öffentlichen Situationen aber vielleicht ein bisschen überlegter.

 

Mit Spitzensport beginnt man in der Regel in sehr jungen Jahren. Wird man darauf vorbereitet, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr nur darum geht, gut skizufahren, sondern dass damit auch viele andere Verpflichtungen einhergehen?

Ich habe mit vier Jahren bei den ersten Vereinsrennen teilgenommen, es folgten Bezirkscups und größere Rennen und zumindest war es bei mir so, dass ich diese Rennen nicht einfach nur mitfahren, sondern sie auch gewinnen wollte. In diesen jungen Jahren denkt man nicht darüber nach, welche Auswirkungen das auf sein späteres Leben haben könnte. Man will einfach schnell Skifahren und zeigen, was man kann. Mit der Zeit merkt man, dass diese Erfolge etwas mit einem machen. Letztlich ist es aber tatsächlich kein großer Unterschied, ob man als Sechs- oder Siebenjähriger sein Vereinsrennen gewinnen will oder später die Olympischen Spiele. Was sich ändert, ist die öffentliche Wahrnehmung. Wie geht man damit um, wenn man plötzlich auf der Straße erkannt wird und im Rampenlicht steht? Das ist nicht einfach und die meisten machen anfangs ihre Fehler. Vorbereiten kann man sich darauf schwer. Das ist ein Prozess, in dem jeder seinen Weg finden muss.

 

Wie haben Sie diesen Weg für sich gefunden?

Vor meinem allerersten Sieg 1999 in Schladming war ich nach dem ersten Durchgang 23. Dieses Nachtrennen ist sehr speziell, die mediale Aufmerksamkeit ist riesig. Ich habe den zweiten Lauf besichtigt, bin alleine mit der Gondel an den Start gefahren und habe beim Hinauffahren hinunter auf die Piste geschaut. Die Menschenmassen waren enorm und in diesem Moment, in dem ich diese Atmosphäre in mich aufgenommen habe, kam mir die Erkenntnis: Du kannst das Ding gewinnen. Das ist als 23. keine so übliche Überlegung, aber ich war mir sicher, wenn ich alles so mache, wie ich mir das vorgenommen habe, dann klappt das. Gleichzeitig hab ich mir überlegt, ob ich das überhaupt will. Mir war klar, dass sich etwas ändern wird, wenn ich dieses Rennen gewinne. Ich war bis zu diesem Punkt bereits ganz gut unterwegs, stand auch schon am Stockerl, wenn ich aber in Schladming in der Primetime gewinne, dann ändert sich mein Leben. Man muss mit sich selbst sehr aufmerksam sein und genau hinhören, was Körper und Geist einem sagen und einen fragen und in letzter Konsequenz bereit sein, für seine Entscheidungen einzustehen und mit den Folgen umzugehen. Ich habe mir also mit meinem Sieg indirekt selbst die Antwort auf die Frage gegeben, ob ich bereit bin für ein neues, anderes Leben. Deshalb hat sich für mich auch nie die Frage gestellt, wie mein Leben vielleicht anders ausgesehen hätte.

 

Hatten Sie nie das Gefühl, in Ihrer Jungend etwas versäumt zu haben, weil alles dem Sport untergeordnet war?

Nein, nie. Es gibt viele Leute, die denken, als Spitzensportler besteht die ganze Jugend aus Verzicht. Das sehe ich nicht so. Meine Jungend mag anders gewesen sein, aber sie war deshalb nicht minder schön. Ich durfte so viele Dinge erleben, die ich nicht erlebt hätte, wäre ich nicht Sportler geworden. Natürlich muss man sehr genau wissen, was man will und wenn sonntags ein Rennen ist, kann man am Samstag eben nicht ausgehen und feiern. Mir war aber bewusst, dass ich das Rennen am nächsten Tag gewinnen will, deshalb war das kein Thema für mich. Auf etwas zu verzichten, damit man etwas anderes haben kann, war nie mein Denken.

 

Sport beansprucht den Körper, in gleichem Maße aber auch die Psyche. Welche Belastung haben Sie als die größere empfunden bzw. mit welcher lässt sich leichter umgehen?

Wenn man erfolgreich sein will, muss am Ende alles funktionieren. Ich habe viele Kollegen kennengelernt, die äußerst talentierte Skifahrer waren, extrem gute Sportler und vielfach besser als andere und dennoch nicht zu Top-Fahrern wurden, weil sie ihr Können nicht umsetzen konnten. Sie sind an ihrer Psyche gescheitert. Ein, zwei Mal hab ich das an mir selbst erlebt, dass ich am Start stand und die einfachsten Dinge nicht mehr konnte. Ich bin nicht mal in die Bindung gekommen, weil ich sie nicht getroffen habe. Bei mir war es eine Ausnahme, anderen passieren solche Dinge laufend. Der Körper kennt die Bewegungsabläufe, hat sie bis ins Detail verinnerlicht und plötzlich gehorcht er einem nicht mehr. Wenn man erfolgreich sein will, muss man sowohl körperlich als auch psychisch auf höchstem Niveau sein. Das körperliche Niveau zu halten, ist dabei fast noch einfacher, finde ich. Dass man wirklich bereit ist, aufmerksam und frisch im Kopf, das ist die eigentliche Herausforderung. Im Rennen geht alles sehr schnell. Man fährt mit 60, 70 km/h durch die Slalomstangen, der Radius ist eng, die Tore stehen in zehn Metern Abstand, manchmal in nur viereinhalb. Für Außenstehende schaut das oft so leicht aus, weil man als Skifahrer quasi ohnehin nur macht, was man eh kann: Skifahren. Aber so einfach ist es nicht. Man muss mit all seinen Sinnen parat sein, die Körperspannung halten; um ein Rennen zu gewinnen, braucht es eine extreme Bereitschaft.

 

Es liegt in der Natur des Spitzensports, dass man diesen nur eine eingeschränkte Zeit ausüben kann. Wurden Sie als Sportler auf die Zeit „danach“ vorbereitet?

Es gibt Programme, die man nutzen kann, Potenzialanalysen, Bildungsmöglichkeiten. Ich habe diese für mich nie in Anspruch genommen. Gerade das Thema der Bildung finde ich schwierig. Es gibt einige Sportler, die während ihrer Karriere studieren, doch um im Sport erfolgreich zu sein, braucht es maximale Fokussierung. Für mich wäre es nicht möglich gewesen, daneben noch etwas anderes zu tun. Der ÖSV stellt eine tolle Struktur zur Verfügung, um aber wirklich an der Weltspitze mitzufahren, braucht es zusätzlich viel persönliches Engagement. Letztlich muss jeder Sportler auch selbst viel investieren – Know-how und/oder Geld –, um konstant vorne dabei zu sein. Da geht es sich aus meiner Sicht schwer aus, daneben noch einen Aspekt im Leben zu haben, der ebenso die volle Aufmerksamkeit verlangt. Ich habe oft beobachtet, dass Athleten, die nicht ausschließlich auf ihren Sport fokussiert waren, es nie bis ganz nach oben geschafft haben, auch wenn sie die Voraussetzungen dafür gehabt hätten. Um das Maximum herauszuholen, sollte man die Dinge lieber nacheinander angehen. Es mag Leute geben, die das anders sehen, für mich war es keine Option.

 

Wie haben Sie sich auf das Danach vorbereitet?

Marlies und ich haben schon während unserer aktiven Karrieren unternehmerisch einiges auf die Beine gestellt. Wir waren zwar nicht operativ tätig, haben aber wesentliche Entscheidungen für die Unternehmen getroffen. Wenn man als Sportler aufhört, muss man sich ein neues Betätigungsfeld suchen und diese Alternativen wenn möglich schon im Vorfeld ausloten.

 

Sie und Ihre Frau waren beide im Spitzensport tätig. Wie war es für Sie, plötzlich ein „normales“ Leben zu führen? Das kannten Sie ja beide nicht?

Es war einfach an der Zeit. Unser beider Leben hat sich eigentlich sehr logisch entwickelt. Wir schauen beide auf eine erfolgreiche Karriere zurück und blicken gleichzeitig nach vorn. Uns stehen so viele Möglichkeiten offen, wir haben weiterhin Ziele und uns dafür eine gute Ausgangsposition geschaffen.

 

Es gab also kein Loch nach der Karriere?

Nein, und dafür bin ich sehr dankbar. Mein gesamtes Leben lang war und bin ich ein sehr zufriedener Mensch. Vermutlich wäre ich das auch, wenn ich Bauer in Leins geworden wäre, nur wäre mein Leben wahrscheinlich weniger facettenreich verlaufen. Ich hätte wohl nicht so viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen und so viel erleben dürfen. Ich unterhalte mich gern mit dem Nachbarsbauern, gehe holzen und mach mir die Hände so richtig schmutzig, ich scheue mich aber auch nicht, mit dem Bundespräsidenten über verschiedene Themen zu diskutieren. Der Sport hat mir all das ermöglicht und das schätze ich sehr.

 

Mit welchem Gefühl schauen Sie heute Skirennen an?

Grundsätzlich mit großer Freude, weil ich den Sport nach wie vor sehr mag – die Dynamik, die Kraft, die Performance, die dahintersteht und das in allen Bereichen, vom Material über den Körper bis zum Geist. Wenn ich jemanden sehe, der das alles gut meistert, dann freut mich das. Auf der anderen Seite überkommt mich ab und an Sorge, in welche Richtung sich der Sport entwickelt, wenn man sich die Stürze und Verletzungen ansieht. Es ist das Wesen des Sports, dass der Athlet von der Performance getrieben ist. Es geht um das beste Material, die optimale Linie und das Risiko, um am Ende erfolgreich zu sein. Dennoch braucht es entsprechende Sicherheitsvorkehrungen. Im Spitzensport ist hier in vielen Bereichen bereits viel Gutes passiert und es wird laufend an Verbesserungen gearbeitet. Ich bin in einer Arbeitsgruppe der FIS, in der wir Überlegungen anstellen, wie wir das Skifahren noch sicherer machen können – angefangen vom richtigen Aufwärmen über die Pistenpräparierung und Kurssetzung bis zum Material-Reglement. Auch wenn das Risiko zum Skisport gehört, möchte ich das nicht einfach so hinnehmen, dass der „Sport eben so ist“. Ich würde mir wünschen, dass künftig weniger passiert, weil es mich selbst schmerzt, immer wieder verletzte Sportler zu sehen. Deshalb ist es mir wichtig, mich hier zu engagieren, weil ich weiß, wie schön der Sport eigentlich ist. Die meisten können sich dieses Gefühl nicht vorstellen, wenn man im Starthaus steht, vor einem liegt die Abfahrt und man weiß, man hat die ganze Piste für sich. Sie ist perfekt präpariert und abgesperrt. Wenn man stürzt, fällt man nicht hinterrücks in den Wald. Alles ist perfekt. Das ist unglaublich.

 

Interview: Marina Bernardi

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