10.12.2020

Musik ohne Berührungsängste

Bernhard Gander / Foto: Ingrid Gtz

Komponist Bernhard Gander orchestriert Kampfansagen an die Konvention

Dass die Kritik bisweilen eher härtere Töne anschlägt, kennt man ja mittlerweile. So wurde in den Kulturspalten Bernhard Ganders „Oozing Earth“ etwa als „Metal für Sitzengebliebene“ apostrophiert und in das Werk „Weltverbesserungsfantasien und ökoapokalyptische Offenbarungen“ hineininterpretiert. Interpretiert deshalb, weil der Künstler selbige gar nie im Sinn hatte. Bernhard Gander liest übrigens schon lange keine Kritiken mehr. Jedenfalls mit seiner Musik ist er kein Mann der leisen Töne, wenngleich er in der Konversation ein sanfter, eher introvertierter Zeitgenosse zu sein scheint, der gerne überlegt, ehe er mit sanfter Stimme zur Antwort anhebt.
Ganders Komposition Oozing Earth feierte im Wiener Museumsquartier im Rahmen der heurigen Wiener Festwochen Premiere. Das Ensemble Modern lieferte die Geräuschkulisse, der ungarische Metal-Sänger Atilla Csihar war für die Worte zuständig und als ausdauernder Facharbeiter hinter der Schießbude war Extreme-Metal-Drummer Kevin Paradis zugange. Derart war angerichtet für einen denkwürdigen Musikabend, der das geneigte Publikum gewiss nie zu unterfordern drohte. Provokation oder Herummoralisieren stehen indes nicht auf Ganders Agenda. „Den Zeigefinger packe ich nie aus. Mein Anliegen ist es, ein musikalisches Erlebnis zu schaffen, Melodien und Rhythmen, Energie zu genießen“, sagt Gander. Dass Oozing Earth eine zeitkritische Dimension habe, habe sich eben zufällig ergeben. Vordergründig ist das musikalische Erlebnis. „Provokation ist eine recht billige Unterhaltung. Das interessiert mich nicht.“
 
Zwischen Paradies und Purgatorium

Es war nicht unbedingt absehbar, dass aus Bernhard Gander einmal ein Komponist des Extravaganten werden würde. Gander stammt ursprünglich aus einer beschaulichen Gegend unweit von Lienz und kam ins Internat in Absam, weil er das Franziskanergymnasium in Hall besuchte. Dort, Missionshaus St. Josef, stand dem Heranwachsenden ein recht gut ausgestatteter Musikraum samt Schlagzeug, Elektroorgel und E-Gitarre zur Verfügung. Zuerst nahm Gander Gitarren- später Klavierunterricht und gründete seine erste Band, ein Trio, bei dem die Instrumente im Rotationsprinzip bespielt wurden. Das Repertoire umfasste Beatles-Covers und rhythmische Kirchenmusik. Heute würde man Ganders jüngste Komposition vermutlich eher dem Purgatorium – dem Fegefeuer – zuschlagen wollen als dem Paradies.


Nach der Matura studiert Gander Klavier und beginnt zu komponieren. „Ich hatte Lust, mit Noten ein paar Klaviernummern zu fixieren, und so bin ich ins Komponieren hineingerutscht.“ Geplant war das nicht, es sah eine Zeit lang so aus, als würde Gander sich als Klavierlehrer verdingen müssen. „Diese Aussicht hat mir wenig Spaß gemacht, weshalb ich mich aufs Komponieren verlagert habe“, sagt der Musiker, dessen erste „Kompositionen“ nichts anderes als Klavierfinger- und Geläufigkeitsübungen gewesen waren, erinnert er sich. „Das war anfangs noch sehr primitiv.“ Später folgten erste elaboriertere Klavierstücke. Für die für den Normalhörer eher schief, weil unorthodox und kaum unseren Hörgewohnheiten entsprechend klingenden Töne hat sich Gander schon damals erwärmt. Etwa, als er ein Stück streng in der Zwölftontechnik (Dodekaphonie) schreibt. Als diese vor etwa 90 Jahren erfunden wurde, war sie dazu angetan, als Revolte gegen alle bestehenden Musiktraditionen aufgefasst zu werden. Bei Bernhard Gander wäre das eine Fehleinschätzung. Ihm geht es nicht um Rebellion.


Vom Komponieren alleine kann er anfangs nicht leben und nimmt „hunderttausende Nebenjobs“ an, wie er sagt. Und tatsächlich: „Ich war Spengler, Dachdecker, Bodenleger, Kellner …“ Das handwerkliche Geschick erbt Gander von seinem Vater, der Tischler war. „Tischler war immer mein Traumberuf, Komponieren finde ich aber noch eine Spur besser“, sagt Gander und muss dann doch schmunzeln.
nteressanterweise spielt der Komponist schon seit 20 Jahren selbst kein Instrument mehr: „Ich spiele nur noch mit Papier und Bleistift.“ Alles andere ereignet sich bis auf wenige Ausnahmen im Kopf. „Ich habe das Bedürfnis einfach nicht, selbst zu musizieren oder auf der Bühne präsent zu sein.“ Gander hat schlicht keine Lust, sich ans Klavier zu setzen und zu spielen. Weder für sich selbst noch für andere.
 
Klanghandwerker

 

Die atonale bzw. Neue Musik wird zu einem Feld, in dem sich der Komponist nach Herzenslust austoben kann. Das erste Stück in diesem Metier, das es ihm angetan hatte, stammte aus der Feder des griechischen Komponisten und Architekten Iannis Xenakis. „Ich hatte damals keine Ahnung, worum es da geht, aber es hat mich fasziniert“, erinnert sich Gander. Derartige Musik müsse man mehrmals hören, um sie mitverfolgen zu können, sagt er.


Verlangt sperrige, nicht so einfach zugängliche Musik nach einem geübteren Hörer? „Irgendwie schon“, findet Gander, „aber jemand, der keinerlei Musik kennt, der muss sich an jede Art der Musik erst einmal gewöhnen. Es ist Quatsch, dass klassische Musik eher einer natürlichen Art des Hörens entspricht. Wir haben uns einfach an sie gewöhnt. Spiele ich jemandem Mozart vor, der noch nie Musik gehört hat, für den ist das genauso Krawall und etwas Geräuschhafteres, Atonaleres klingt für denjenigen vielleicht sogar natürlicher.“ Das vermutet Gander zumindest, überlässt weitere Theoriebildung aber gerne der Wissenschaft.


Der Komponist lebt und arbeitet seit zwei Jahrzehnten in Wien und hat davor ein Jahr in Paris elektronische Musik studiert. Dort hat er viel gelernt: „Die elektronische Musik hat mein Denken komplett umgekrempelt, weil es bei ihr ein sofortiges Feedback gibt und man nicht monatelang warten muss, bis das Komponierte gespielt wird. Durch diese Unmittelbarkeit kann man wie ein Bildhauer direkt am Klang arbeiten.“ Mit dreißig Jahren überkommt dem Autodidakten noch einmal die Lust, das Komponieren ordentlich zu erlernen. Das tut er in Graz, wo er „mehr oder weniger ordentlich studiert“ hat. Das hat sich ausgezahlt. Gander ist seit mehr als einem Jahrzehnt freischaffender Komponist. Es hat sich endgültig ausgekellnert.
 
Nie in der Missionarsstellung


Die Inspiration für seinen Brotberuf bezieht Gander seit etwa zehn Jahren hauptsächlich von Metal Bands. „Metal war meine erste große Liebe“, bekennt Gander. Black Sabbath, Judas Priest, Iron Maiden… Es gibt wahrlich hässlichere Jugendlieben. Generell wird Heavy Metal und dessen Komplexität gerne unterschätzt. „Viele Kollegen aus der klassischen Musik kennen diese Bands nicht oder scheitern daran, dass es ihnen zu laut, zu verzerrt ist oder sie tun sich mit den Stimmen schwer. Ich will aber kein Missionar sein“, sagt Gander, in dessen Augen – oder vielmehr Ohren – Schwermetallisches genauso komplex und intelligent gemacht ist wie die klassische Musik. „Es ist vielleicht sogar noch ein bisschen schwieriger, gute Rocksongs zu machen. Je einfacher es klingt, desto besser hört man kompositorische Schwächen.“


Viel lernen könne man vor allem beim Rhythmus, meint Gander, für den es „nicht logisch war, in der Freizeit Musik zu hören, die wesentlich anders klingt als die Musik, die ich selber fabriziere.“ Vorbilder gibt es aber freilich auch in der Klassik: „Beethoven, Stravinsky, Xenakis und noch viele andere.“ Wagner zählt erstaunlicherweise nicht zu den Haupteinflüssen Ganders, wobei er darauf angesprochen doch vermutet, beim Komponieren von Oozing Earth schon ein wenig an Wagner und Mahler gedacht zu haben.


Doch Ganders Schaffen ist mehr als die Schnittmenge Klassik – Metal. Er bedient sich genauso beim Rap und der elektronischen Musik, zitiert, dekonstruiert, montiert, kontrastiert. Berührungsängste hat der bekennende Radio-Burgenland-zum-Frühstück-Hörer keine, weder als Musikschaffender noch als Konsument. „Hin und wieder nehme ich Anleihen. Ich habe zum Beispiel schon Cannibal Corpse und ABBA musikalisch zitiert.“ Ganders Zugang bringt es fast zwangsläufig mit sich, dass er mit Hooks in der Regel nicht aufwarten kann und daher von der Radiotauglichkeit ein beeindruckendes Stück weit entfernt ist. „Okay, so eine Frisur hatte ich auch mal, aber zum Glück keine Tätowierungen“, machte ein typischer Drunterkommentierer eines Online-Tageszeitungsartikel seine Assoziationen mit der äußeren Erscheinung des Komponisten öffentlich. Woraufhin ihm ein anderer, wesentlich Geistreicherer entgegnete: „Und, haben Sie auch komponiert?“ Was man daraus lernen kann? Don’t judge a book by its cover. Zumindest nicht ausschließlich.
 
Text: Marian Kröll

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