17.06.2021

Verstehen Sie Wirtschaft?

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Eine Analyse zum Wirtschaftswissen der Österreicher*innen.

Die damals 17-jährige Schülerin Naina hat im Jahr 2015 via Twitter eine bildungspolitische Debatte losgetreten. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb Naina damals. Dieser Umstand für sich genommen ist noch lange kein Grund, die Schulen bis auf die Grundmauern niederbrennen zu wollen. Er kann Anlass sein, sich ernstlich mit der Frage auseinanderzusetzen, was das Bildungssystem heutzutage leisten und inwiefern es junge Menschen ertüchtigen soll, selbstbestimmt und selbstbewusst an ökonomischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt demokratischen Prozessen teilzuhaben. Wem es völlig am grundlegenden Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge fehlt, der wird letztlich in dieser Gesellschaft auch nicht sein volles Potenzial ausschöpfen und selbige mitgestalten können. Beim Wissen um die Grundzüge unseres politischen Systems verhält es sich ähnlich. Wer nichts weiß oder nichts wissen will, über dessen Kopf wird einfach hinwegentschieden.

Ökonomie ist nichts Neues

Der Begriff Ökonomie setzt sich aus den altgriechischen Wörtern oĩkos „Haus“ und nómos „Gesetz“ zusammen. Im antiken Griechenland verstand man unter oĩkos die Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft, die Familie, Bedienstete (und damals auch Sklaven), Gebäude, Land und sämtliches Inventar umfasste. Bis heute ist die so genannte Hauswirtschaft neben der Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft eine der grundlegenden ökonomischen Ebenen der modernen Gesellschaft. Wirtschaft ist in all ihren Zusammenhängen und Bedeutungen bis heute etwas, dem man sich nicht entziehen kann, es sei denn man lebt als Eremit in Subsistenz. Dabei sind Wirtschaft und Gesellschaft eng miteinander verzahnt, man könnte unter Umständen sogar so weit gehen und sagen: Wirtschaft ist Gesellschaft.

Wirtschaft bewegt

Die Kräfte der Wirtschaft rühren im Weltgeschehen um, mindestens ebensoviel wie jene der Politik, wenn nicht sogar stärker. Und dennoch stehen weite Teile der Bevölkerung der Wirtschaft desinteressiert gegenüber. Es fehlt an wirtschaftlicher Kompetenz und grundlegendem Wissen, das sich eigentlich in der Schule mit relativ geringem Mehraufwand vermitteln ließe.


Studien zeigen, dass österreichische Schüler allgemein zu wenig über die Grundbegriffe und Funktionsmechanismen des Finanz- und Wirtschaftslebens Bescheid wissen. Viele lernen erst später etwas darüber, nicht selten auf die harte Tour. Schon vor der Coronakrise galten 700.000 Österreicher als überschuldet. Einer der Hauptgründe dafür ist irrationales Konsumverhalten, das nicht den eigenen finanziellen Möglichkeiten angepasst ist. Wie man sich denken kann, ist die Lage durch die Krise nicht besser geworden. Dass den Menschen einerseits Überkonsum – ein Leben über die Verhältnisse – vorgehalten wird und andererseits höchst professionalisiert Bedürfnisse geweckt werden, die Menschen zum Konsum animieren, ist eine der Ambivalenzen, mit denen man heutzutage unweigerlich konfrontiert ist. Bettina Fuhrmann, die das Institut für Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien leitet, konstatiert nach einer Studie der WU, dass den Schülern in Österreich das ganzheitliche Verständnis von Wirtschaft fehle: „Die österreichischen Schülerinnen und Schüler sind sich bewusst, dass sie Wissenslücken im Wirtschaftsbereich haben und zeigen auch großes Interesse daran, Wirtschaftsthemen besser zu verstehen. Es fehlt ihnen jedoch das ganzheitliche Verständnis. Sie fühlen sich nur marginal von der Wirtschaft betroffen und nicht als aktiver Teil des Wirtschaftskreislaufes.“


Um diesen Mangel zu lindern, wurde im Dezember 2020 die Stiftung Wirtschaftsbildung gegründet, getragen von sieben Organisationen – Arbeiterkammer, Erste-Stiftung, Industriellenvereinigung, Innovationsstiftung für Bildung, Mega-Bildungsstiftung, Oesterreichische Nationalbank sowie Wirtschaftskammer Österreich. Ziel der Stiftung ist die langfristige Verankerung von wirtschaftlichen Bildungsinhalten in der schulischen und außerschulischen Allgemeinbildung. „Die Stiftung will mit ihren Aktivitäten alle jungen Menschen dazu befähigen, im Laufe ihres Lebens und in ihren unterschiedlichen Rollen in der Arbeitswelt (z. B. als Arbeitnehmer, Unternehmer, Bürger, Konsumenten, Versicherte und Steuerzahler) mündig, kritisch, selbstständig, verantwortungsbewusst und kompetent an der nachhaltigen Entwicklung und Gestaltung der Wirtschaft und der Gesellschaft mitzuwirken“, heißt es.

Beim Thema Wirtschaftsbildung wird allgemein Handlungsbedarf geortet. Doch bevor das hehre Ziel der Stiftung erst einmal in Griffweite rückt, muss Wirtschaftsbildung im Bildungssystem verankert werden, müssen Pädagogen abseits von Schulen mit Wirtschaftsfokus mit faktischem wie didaktischen Wissen unterstützt werden und nicht zuletzt in weiten Teilen der Bevölkerung erst einmal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass überhaupt etwas im Argen liegt. Ob es zur Vermittlung des kleinen Einmaleins der Wirtschaft ein eigenes Fach braucht, ist nicht abgemacht, schaden würde das jedenfalls nicht. Gänzlich unverzichtbar erscheint es, bestehende Lehrpläne dahingehend anzupassen, dass diese mehr mit der Lebensrealität junger Menschen zu tun haben. Gedichtanalyse ist gut und wichtig, die Kunst, ein in Form und Inhalt makelloses oder zumindest annehmbares Bewerbungsschreiben abzuliefern, aber auch nicht gänzlich zu verachten. Diesbezüglich hätte wohl fast jedes Unternehmen die eine oder andere schaurige Geschichte zu erzählen, weil die Qualität von Bewerbungen leider allzu oft unterirdisch zu sein scheint und sich junge Menschen damit Lebenschancen berauben.

Allerdings darf man getrost davon ausgehen, dass die Gedichtanalysen der Jugendlichen, die keine ansatzweise vernünftige Bewerbung zustande bringen, wohl auch keine besondere Offenbarung sind. Ähnlich dürfte die Situation in der Mathematik gelagert sein, deren Rolle als Werkzeug zur Modellierung von realen Problemen im Unterricht unterentwickelt ist. Ein zeitgemäßer Mathematikunterricht sollte daher nicht nur mathematisches Faktenwissen und schematische Lösungsverfahren vermitteln, sondern auch die Ausbildung der Fähigkeit, mathematisches Wissen flexibel in kontextbezogenen Problemstellungen einsetzen zu können. Die Probleme sollten dabei derart gestaltet sein, dass sie den Schülern die Bedeutung von Mathematik in unserem Leben aufzeigen, einen Bezug zur Lebenswelt der Schüler herstellen und gezielt das eigenständige Denken schulen.
 
Einseitig, tendenziös, falsch

Die in Innsbruck ansässige Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung/GAW hat sich im Jahr 2016 im Rahmen einer umfassenden Studie 57 Schulbücher aus Geographie und Wirtschaftskunde aus der 5. bis 8. Schulstufe (also Pflichtschule) angesehen und ist dabei zu einigen interessanten und besorgniserregenden Schlüssen gelangt. Wir haben in dieser Ausgabe übrigens dem Ökonomen und geschäftsführenden Gesellschafter der GAW, Dr. Stefan D. Haigner, unsere 11 3/4 Fragen gestellt (Seite 8). In der Analyse hat sich gezeigt, dass die betreffenden Bücher ihre eigenen Weltbilder zeichnen und dass dabei „rein quantitativ die Bereiche Wirtschaft(skunde) und Geographie in den Schulbüchern nicht gleichberechtigt nebeneinanderstehen“. Heißt im Klartext, die Wirtschaft ist mehr oder weniger das Beiwagerl der Geographie. Mit den Zahlen nimmt man es mithin nicht so ganz genau und es werden Sachverhalte angedeutet, die einer objektiven Überprüfung nicht wirklich standhalten. Der Umgang mit Zahlen, Daten, Fakten und Statistiken wird in den meisten dieser Lehrbücher zudem recht lässig gehandhabt. Es mangelt allgemein an Differenzierung und es darf nicht weiter verwundern, dass ein zunehmender Teil der Bevölkerung einem manichäischen Weltbild anhängt, das zwischen dem absolut Guten und dem absolut Bösen keinerlei Abstufungen kennt. „Manche Themen bringen es mit sich, dass sie, gefragt oder ungefragt, auch Fachfremde zu Meinungsäußerungen, Kommentaren oder Kritik geradezu einladen. Viele dieser Wortspenden dienen dabei nicht selten der Eigenprofilierung und kratzen mangels Fachkompetenz und unter Ausklammerung von unliebsamen Untiefen lediglich an der Oberfläche. Das Thema Schulbuch zählt wohl auch dazu“, lautet ein im Grunde genommen vernichtendes Fazit der GAW-Analyse. Doch es geht noch weiter: „Im Zuge der Analyse der Schulbücher wurden jedoch auch Ungereimtheiten zwischen den Schulbüchern sowie falsche, einseitige und tendenziöse Darstellungen festgestellt.“
 
Weit und breit kein Unternehmertum

Eine Antwort auf die Frage, wieso der Unternehmergeist in Österreich bestenfalls als laues Lüftchen durch die Lande weht, könnte in der GAW-Analyse ebenfalls zu finden sein: „Die Antwort auf die Teilfrage, wie das Thema ‚Unternehmertum‘ in den Schulbüchern der 5. bis 8. Schulstufe behandelt wird, ist rasch gegeben: praktisch überhaupt nicht.“ Das ist nicht weiter überraschend, ist doch Exotisches wie Unternehmertum in den Lehrplänen gar nicht vorgesehen. Da wäre man wieder bei der Diskrepanz zwischen Lehrplan und Lebenswirklichkeit angelangt, die auch der GAW nicht verborgen bleibt: „Wenn man sich vor Augen führt, dass in Österreich grob eine halbe Million Menschen selbstständig erwerbstätig sind, oder dass das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft mit einem ‚Start-up-Paket‘ das ‚Gründerland Österreich‘ stärken will, stellt sich schon die Frage, weshalb dieser Themenbereich in den Schulbüchern so gut wie inexistent ist.“ Außerdem werde dem Thema „Arbeiten im Unternehmen“ eindeutig Vorrang vor dem Thema „Arbeiten am Unternehmen“ gegeben. „Ein Appetitmachen auf das ‚Abenteuer Unternehmertum‘ sieht anders aus“, heißt es im Papier.

Der Begriff unternehmerische Kompetenz wird gleich ganz ausgespart: „Das weitgehende Fehlen des Begriffs der unternehmerischen Kompetenz in den Schulbüchern mag dabei auch daran liegen, dass dieser Begriff zu eng verstanden wird, wenn dieser als nur für Unternehmerinnen und Unternehmer relevant verstanden wird. Aber der Begriff der unternehmerischen Kompetenz ist viel breiter zu verstehen und wird dadurch für jedermann und jederfrau relevant“, argumentiert man bei der GAW.

Im Europäischen Referenzrahmen zum Thema lebensbegleitendes Lernen wird die so genannte unternehmerische Kompetenz explizit und folgerichtig zu den Schlüsselkompetenzen gezählt, versetzt sie den Einzelnen doch in die Lage, „Ideen in die Tat umzusetzen“, hilft „dem Einzelnen […] in seinem täglichen Leben zu Hause oder in der Gesellschaft [...] sein Arbeitsumfeld bewusst wahrzunehmen und Chancen zu ergreifen“ und ist „die Grundlage für die besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse, die diejenigen benötigen, die eine gesellschaftliche […] Tätigkeit begründen oder dazu beitragen“ wollen. „Damit ist unternehmerische Kompetenz auch für unselbstständig Erwerbstätige, als kleinste unternehmerische Einheit, wertvoll. Oder für Konsumentinnen und Konsumenten, da auch sie ‚Ideen in die Tat umsetzen‘ wollen“, heißt es in der Analyse. Mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden. Es entsteht bisweilen etwas überspitzt formuliert der Eindruck, dass Schüler nicht wegen, sondern trotz ihrer Schulbücher zu vernünftigen, wirtschaftlich denkenden und handelnden Erwachsenen heranreifen können. Der Handlungsbedarf, was wirtschaftliche Aspekte betrifft, lässt sich mit Händen greifen und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in den Jahren seit Erscheinung dieser Analyse signifikant zum Besseren gewendet hat. Das lückenhafte Wirtschaftswissen ließe sich jedenfalls verbessern, würde mehr Zeit dafür aufgewendet, die Ausbildung der Pädagogen entsprechend adaptiert und die Unterrichtsmaterialien verbessert.

Das Match in den Schulen darf dennoch zukünftig nicht Goethe oder Giralgeld, Shakespeare oder Sollzins, Nietzsche oder Niedrigzins heißen, sondern sowohl als auch. Bildung ist freilich mehr als das Herrichten und Heranzüchten von Konsumenten, der humanistische, sprachliche und geisteswissenschaftliche Inhalte sind nicht etwa Luxus. Das rudimentäre Vorhandensein schulisch vermittelter Wirtschaftskompetenz schließt ein Faible für Latein und Altgriechisch nicht aus. Umgekehrt gilt selbstredend dasselbe. Es kommt darauf an, jedem, der in diesem Land jemals eine Schule besucht hat, die wichtigsten Grundbegriffe beizubringen, damit mitgeredet und bewusst mitentschieden werden kann, wenn es um die Wirtschaft geht, deren Wahl analog zum Urnengang in der Demokratie die Konsumentscheidung ist. Das sollte nicht zuletzt im Eigeninteresse aller Menschen in diesem Land liegen.


Von Starinvestor Warren Buffet stammt die Aussage, dass dieser nur in Aktiengesellschaften investiert, deren Geschäftstätigkeit er versteht. Das kann analog auch für das Wirtschaftsleben gelten, das vom „normalen“ Leben schlichtweg nicht zu trennen ist. Auch deshalb ist es wohl keineswegs von Nachteil, sich mehr Wissen über Wirtschaft und deren Zusammenhänge anzueignen und damit – wie es im Englischen schön heißt – der Financial Literacy auf die Sprünge zu helfen. Damit man, wenn das Leben wie im Alltag so oft die Frage „Do you speak Wirtschaft?“ stellt, auch im Brustton der Überzeugung antworten können: „Yes, we can!“
 
Text: Marian Kröll

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