30.06.2021

Gesundheit

Mag. Annette Leja

Health Care und Life Sciences sind nicht nur für die tatsächliche Gesundheit der Menschen substanziell, sondern auch ein bedeutender Standortfaktor.

Kürzlich beschäftigten sich Experten und Praktiker im Zuge der von der Lebensraum Tirol Holding initiierten Veranstaltungsreihe „Perspektiven Tirol“ mit den unterschiedlichsten Zukunftsthemen, darunter auch mit dem großen Bereich der Gesundheit. Österreich im Allgemeinen und Tirol im Speziellen verfügt über ein stabiles, gut aufgestelltes Gesundheitswesen; Stellschrauben, an denen für eine erfolgreiche Zukunft gedreht werden muss, lassen sich aber dennoch einige finden.

Auch wenn Corona ein Anlassfall war, vor allem die Kapazitäten intensivmedizinischer Betreuung zu überdenken, so gab es schon vorher kritische Wortmeldungen zur heimischen Spitalsreform, die unter anderem die Schließung ausgewählter Krankenhaus-Standorte (Beispiel Natters, das Vorhaben wurde nach heftigen Protesten zurückgenommen) vorsah, und den 2019 neu beschlossenen Bettenplänen, nach denen tirolweit rund 200 Betten reduziert wurden. Hier wird man über Adaptierungen nachdenken müssen. Auch die Nachbesetzung offener Kassenarztstellen wird immer schwieriger, es hakt an der Primärversorgung in ländlichen Gebieten, akut ist außerdem das Thema der Pflege, bei dem bereits seit längerem dringender Handlungsbedarf bestünde.

Standortvorteil Gesundheitsindustrie

Im gesundheitlichen Zentrum des Lebensraum Perspektiven Forums stand indes vor allem der Bereich der Forschung, die den Gesundheits- eng mit dem Industriestandort Tirol verwebt. In Bezug auf die Gesundheitsindustrie stehe Tirol im Vergleich mit den anderen Bundesländern sehr gut da, findet etwa Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissär und früherer Präsident des Europäischen Forum Alpbach, der sich aktuell unter anderem als Fachbeirats-Vorstand mit dem Thema Gesundheitswirtschaft beschäftigt. „In Tirol bestehen über 8.000 Arbeitsplätze allein im Bereich der Gesundheitsindustrie, vor allem in Pharma und Medizintechnik. Wir haben in Tirol zurzeit rund 100 Start-ups in diesem Segment und zwei Universitäten, die das nötige Know-how zuliefern können. Es ist also naheliegend, den industriellen Fokus auf diese Branchen zu legen, weil wir in keinem anderen Industriebereich so stark sind“, sagt Fischler in einem Expertentalk des Lebensraum Perspektiven Forums.

Mit einem Branchenumsatz von 2,25 Milliarden Euro hat sich der Life-Science-Sektor in Tirol in den letzten Jahren bereits ausgezeichnet entwickelt. Bis 2030 soll Tirol zur Spitzenregion im Bereich Life Sciences werden. Fischler: „Wir wollen die medizinnahe Forschung forcieren und eine Art Exzellenz-Standort für Forschung werden.“ Dies wiederum täte dem Standort im Allgemeinen gut, denn ohne Forschung keine Entwicklung.

Ein wichtiger Baustein zur Erreichung dieses Ziels wurde mit dem Projekt „Health Hub Tirol“ und der Einrichtung von Knotenpunkten für Wissenschaft und Gesundheitsunternehmen bereits gestartet. Für das Projekt stehen vorerst in Summe 4,5 Millionen Euro zur Verfügung. „Die Health Hubs sollen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass sich weitere Life-Science-Unternehmen in Tirol etablieren und entfalten können“, sagt Wirtschaftslandesrat Anton Mattle. Der erste Health Hub entsteht in Innsbruck, wo die Firma Angios GmbH von Josef Penninger, Direktor am Life Science Institute der University of British Columbia in Vancouver/Kanada, in der Diabetesforschung tätig sein wird. Weitere Projekte sind eingereicht.

Gesundheitsinvestitionen

Um Tirol als Gesundheitsstandort voranzubringen, braucht es vor allem eines: Geld. Das haben auch der Bund und das Land Tirol erkannt und investieren bis zum Jahr 2035 über 833 Millionen Euro in die infrastrukturelle Weiterentwicklung der Innsbrucker Klinik. Insgesamt werden damit 48 verschiedene Vorhaben finanziert. Der Großteil der Investitionen fließt in Projekte im Chirurgiegebäude, der Frauen- und Kopfklinik und einen geplanten Neubau West. Ein weiterer großer Teil sind Strukturinvestitionen im IT- und Großgerätebereich. Auch die Medizinische Universität Innsbruck wird neben der Optimierung der Krankenversorgung von den Investitionen profitieren. Ein Leitgedanke des Projektes Klinik 2035 war die Schaffung von zusätzlichem Raum für die patientenorientierte Lehre und Forschung direkt am Klinikareal. Rund 45 Millionen Euro sind diesem Zweck gewidmet und werden beispielsweise in Hörsäle und Labors investiert. „Es ist genau diese enge Verbindung zwischen Forschung und Versorgung sowie Wissenschaft und Praxis, die die Klinik Innsbruck zum Rückgrat der Gesundheitsversorgung in Tirol macht und ihren Ruf als hervorragender medizinischer Maximalversorger in den unterschiedlichen Bereichen weit über die Landesgrenze hinaus festigt“, sagt Gesundheits- und Wissenschaftslandesrätin Annette Leja, die wir nachstehend zum Interview gebeten haben.

eco.nova: Sie waren jahrelang erfolgreiche Geschäftsführerin des Sanatorium Kettenbrücke. Warum sind Sie in die Politik gegangen?
Annette Leja:
Ich war bereit für die Herausforderung und will meine Ideen und die Erfahrungen aus meinem bisherigen Berufsleben aktiv einbringen und die Zukunft des Landes mitgestalten.

Welche Rolle spielt ein funktionierendes Gesundheitswesen generell für einen Wirtschaftsstandort?
Die Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen und daher hat ein funktionierendes Gesundheitswesen höchste Priorität auch im Hinblick auf einen Wirtschaftsstandort. Eine wichtige Rolle dabei spielen ein gesunder Lebensraum und die Prävention. Das Land Tirol setzt seit langem auf Information, Aufklärung und Präventionsarbeit. Ich als Gesundheitslandesrätin habe großes Interesse daran, die Prävention in Zukunft noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

Das öffentliche Gesundheitswesen ist in Österreich gut ausgebaut, dennoch sorgen immer mehr Menschen privat vor. Was prinzipiell gut ist, doch einer der Gründe dafür ist, dass sie sich im öffentlichen System nicht mehr gut aufgehoben fühlen, unter anderem weil es teils lange Wartezeiten auf Termine gibt oder sich die Ärzte zu wenig Zeit nehmen. Welche Rollen dürfen/sollen/müssen private Angebote im Gesundheitssystem spielen und wie wirkt man folglich dem Vorwurf der Zweiklassenmedizin entgegen?
Hier möchte ich betonen, dass wir in Österreich ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem haben und die Versorgung aller Menschen auf einem sehr hohen Niveau sichergestellt ist. Dass es zusätzlich noch die Möglichkeit gibt, sich selbst zu versorgen, ist Teil unseres Gesundheitssystems.

Vor allem am Land wird es immer schwieriger, Allgemeinärzte zu finden. Auch Kassenärzte werden immer rarer. Das hat verschiedene Gründe, in der Regel finanzielle. Manche Regionen sind dadurch medizinisch unterversorgt. Wie kann man auch für die Zukunft eine flächendeckende Versorgung sicherstellen?
Indem man Anreize für junge Medizinerinnen und Mediziner schafft, sich am Land niederzulassen. Ein wesentlicher Anreiz dafür könnten künftig neue Modelle der Primärversorgung sein. Das Arbeiten in einem multiprofessionellen Team bedeutet mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten, familienfreundliche Arbeitszeiten, moderne Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit zum Austausch unter Kolleginnen und Kollegen – Primärversorgungszentren bringen Ärztinnen und Ärzten, Gemeinden sowie Patientinnen und Patienten nur Vorteile.

Wo sehen Sie die Zukunft des Gesundheitswesens? In der Allgemeinmedizin oder der Spezialisierung?
Beides muss seinen Platz im Gesundheitswesen haben. Ich denke aber, dass Ärztinnen und Ärzte heutzutage lieber in Teams arbeiten, zum Beispiel in Gesundheitszentren, in denen Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner sowie Fachärztinnen und -ärzte aus verschiedenen Spezialisierungen Schulter an Schulter arbeiten können. Hier sehe ich großes Potenzial für die Zukunft.

Man hört in vielen Zusammenhängen immer wieder von „sozialer Gerechtigkeit“. Wie würden Sie diese für sich definieren?
Soziale Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass jede Einwohnerin und jeder Einwohner eines Landes die gleichen Chancen hat, sich weiterzuentwickeln, aber auch gleichermaßen Zugang zu Bildung, Medizin und Pflege hat.

Tirol ist gerade im medizinischen Bereich mit der Universität, der Medizinischen Universität und der UMIT in der Forschung sehr gut aufgestellt. Welche Bereiche sollte man in der Forschung Ihrer Meinung nach künftig vermehrt forcieren?
Tirol positioniert sich bereits seit vielen Jahren als attraktiver Standort für Life Sciences und verfügt über ein hervorragendes universitäres Umfeld, international tätige Leitbetriebe und Start-ups. Das sind optimale Voraussetzungen für die Entwicklung neuer Innovationen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass einem „Brain-Drain“, also der Abwanderung von bestausgebildeten Jungforscherinnen und Jungforschern, künftig mehr entgegenwirkt wird.

Die Pflege ist seit vielen Jahren eine große Baustelle im Land, dabei ist das Problem nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Trotzdem scheinen hier keine großen Schritte zu gelingen, obwohl man um die Dringlichkeit weiß. Wo möchten Sie hier konkret ansetzen?
Mit „Pflege 2030“ wurden schon gute Voraussetzungen geschaffen, um in diesem Bereich etwas zu bewegen. Nun gilt es, diesen auch durch entsprechende Initiativen in die Tat umzusetzen. Die größte Herausforderung ist es, entsprechendes Personal zu finden bzw. auszubilden. Wir können noch so viele Mittel investieren und Pflegeplätze schaffen, solange es kein Personal dazu gibt, wird uns das nichts bringen. Daher müssen wir unser Augenmerk auf die Ausbildung legen: Welche Ausbildungsformen sind möglich? Welche zusätzlichen Initiativen können wir für Um- und Wiedereinsteiger*innen schaffen und was können wir tun, um mehr Menschen für einen Pflegeberuf zu begeistern?

Die derzeitigen staatlichen Zuschüsse zur Pflege reichen in den meisten Fällen nicht aus, um alle Kosten zu decken, wodurch sich viele Menschen keine adäquate Pflege leisten können. Macht für Sie eine gesetzliche Pflegeversicherung (ähnlich der Krankenversicherung) Sinn?  
Ich bin der Meinung, dass eine reine gesetzliche Pflegeversicherung sicherlich zu kurz gedacht ist. Da stellt sich die Frage, wer zahlt ein und welche Leistungen werden erbracht. Das Land Tirol bemüht sich, durch eine einkommensabhängige Kostenbeteiligung die Angebote der mobilen Pflege und der Tagespflege attraktiv zu gestalten. Die Tarife werden zu diesem Zweck aktuell evaluiert.

Nicht erst durch die Pandemie wissen wir, dass im Pflegebereich vieles im Argen liegt (hohe Belastung bei gleichzeitig verhältnismäßig geringer Entlohnung). Es wirkt fast so, als setze man in sozialen Berufen auf die „Menschlichkeit“ der Mitarbeiter und darauf, dass sie ihren Beruf vorrangig aus Nächstenliebe ausüben. Woran hakt es, dass man den Pflegeberuf monetär nicht aufgewertet bekommt?
Die Umsetzung des Gehaltsmodells, welches aus dem Arbeitstitel „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ entstanden ist, hat zu einer Aufwertung geführt. Wenn von hohen Belastungen in der Pflege gesprochen wird, führt eine höhere monetäre Abgeltung nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit. Rahmenbedingungen wie Personalausstattung, Arbeitsbelastung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie samt Sicherstellung der Kinderbetreuung sind in diesem Zusammenhang wesentliche Faktoren.

Corona begleitet uns bereits über ein Jahr und wird es wohl noch eine ganze Weile tun: Werden wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben?
Das Coronavirus wird sicher nicht auf einmal „verschwinden“ und dementsprechend müssen wir auch in Zukunft für eine Zeit mit dem Virus leben. Mit einer hohen Durchimpfungsrate kann es uns jedoch gelingen, das Virus massiv einzudämmen. Dadurch verliert es seinen großen Schrecken und wir können Schritt für Schritt zur Normalität zurückkehren. Ich appelliere daher an jede und jeden, der sich noch nicht für eine Impfung vorgemerkt hat – lassen Sie keine Zeit verstreichen und melden Sie sich für eine Impfung an. Ich hoffe, dass sich in den kommenden Monaten noch viele Menschen, besonders auch die jüngeren Generationen, für die Impfung entscheiden, denn dadurch gelingt es uns, das Virus entsprechend einzudämmen.

Text: Marina Bernardi

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