04.09.2020

Körpersprache

Sie ist gewissermaßen das Stiefkind der Kommunikation. Leider.

Meist wird der Körpersprache bestehend aus Mimik, Gestik, Körperhaltung und nicht zuletzt dem Habitus zu wenig bewusste Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei trägt sie doch maßgeblich dazu bei, unseren Eindruck beim Gegenüber zu erzeugen. Weit mehr noch als das gesprochene Wort. Eine vielzitierte wissenschaftliche Studie gelangt sogar zur These, dass Worte überhaupt nur zu sieben Prozent für den Gesamteindruck verantwortlich seien, den man auf das Gegenüber macht. Viel wichtiger seien der Tonfall mit 38 Prozent und am wichtigsten die Körpersprache mit 55 Prozent.

Menschen nehmen einander, so sagt es die Wissenschaft, als „Einheit aus Körper, Stimme und Wort“ wahr. Zudem wird behauptet, dass man zwar mit Worten, mit dem Körper aber nicht lügen könne. Was es mit der Körpersprache in Zeiten wie diesen auf sich hat, haben wir unter anderem im Videochat mit dem renommierten Körperspracheexperten Stefan Verra zu ergründen versucht. Und auch Tausendsassa Andreas Ablinger, der unter anderem als Profiler tätig ist, hat sich Gedanken gemacht. Er betont besonders den Wert der zwischenmenschlichen Begegnung auf Augenhöhe. Kommunikation als Form der sozialen Interaktion sollte immer Facework sein, indem sie darauf abzielt, dass alle Gesprächspartner zu jeder Zeit ihr Gesicht wahren können. Das gebietet nicht nur die Höflichkeit, sondern auch die Zielsetzung, beim Gegenüber Veränderung zu erreichen und selbst dazuzulernen.

ECO.NOVA: Allenthalben wird in dieser Pandemie von einer neuen Normalität geredet. Manifestiert sich eine solche auch in der Körpersprache?
STEFAN VERRA:
Diese Parole von der neuen Normalität scheint in Mode zu kommen. Sie wird aus meiner Sicht in weniger Bereichen stattfinden als wir meinen. Die Körpersprache des Menschen ist grundsätzlich zu stabil, als dass sie sich wegen ein paar Wochen Lockdown dauerhaft ändern würde. Sie ändert sich kurzfristig, während wir eine Maske tragen, während wir Physical Distancing betreiben. Warum sie sich nicht langfristig ändert? Der Mensch ist darauf angewiesen, schnell Kontakt mit einem Gegenüber herzustellen in dem Sinne, ob es sich um Freund oder Feind handelt, um einen potenziellen Partner oder nicht. Im Laufe der Evolution waren wir darauf angewiesen, dass unser Verhalten stabil ist und sich nicht wegen einer Krise grundlegend verändern würde. Betrachtet man die gesamte Menschheitsgeschichte, handelt es sich bei der derzeitigen um eine relativ kleine Krise. Auch nach der Spanischen Grippe ist wieder Normalität eingekehrt. Dasselbe gilt für die Justinianische Seuche, von der Schwarzen Pest ganz zu schweigen. Halten wir den Ball ein bisschen flach. Körpersprachlich wird nicht viel passieren.

Das finde ich beruhigend. Weil es sich um ein evolutionsbiologisch angelegtes Programm handelt, ist in unserer Körpersprache vieles unserem direkten, bewussten Zugriff entzogen. Wie viel von Ihrem Körpersprachrepertoire haben Sie als Profi in der Sache bewusst im Griff, wie viel findet auf einer unterbewussten Ebene statt?
Prozentzahl kann ich keine nennen, weil das nicht genau beforschbar ist. Der bei weitem größte Teil unserer Körpersprache passiert unbewusst und ist angeboren. Das nennt man meistens Temperament. Jemand, dessen Temperament es entspricht, sich während einer Präsentation viel zu bewegen, wirkt dabei weit glaubwürdiger, als würde er nur herumstehen. Ins Temperament eingreifen zu wollen, ist das erste Verbrechen, das man an der Körpersprache eines Menschen begehen kann. Auch an der eigenen. Wichtiger ist es, sich mit den eigenen Routinen zu beschäftigen. Als Kinder haben wir alle eine unglaublich große Vielfalt, die sich mit fortschreitendem Alter immer mehr reduziert. Vor allem weil wir fürchten, uns zu blamieren. Das ist besonders in der Wirtschaft ein Thema und der Grund, warum die meisten Jahreshauptversammlungen und Weihnachtsansprachen dermaßen langweilig sind und die Zuhörer nur darauf warten, bis sie endlich zum Buffet gehen können. Dabei wären diese Anlässe für jeden Wirtschaftsboss die Gelegenheit, die Masse bei sich zu haben und als Mensch wirken zu können. Wenn man aber im Pinguinanzug am Rednerpult steht und dabei eine Rede vom Zettel abliest, um sich danach den pflichtschuldigen, nicht immer ehrlich gemeinten Applaus abzuholen, ist das zu wenig. Ebenso verkehrt ist es, auszuflippen und einen gekünstelten Zirkus zu machen. Lustige Powerpoint-Folien kann man getrost per E-Mail schicken. Wir gewöhnen uns im Laufe der Zeit eine bestimmte Körpersprache an, weil wir glauben, das wird von uns erwartet. Damit bleiben wir immer im Mittelmaß. Ich arbeite mit einigen großen Tiroler Unternehmen zusammen. Dabei geht es darum, in der Körpersprache auf elegante Weise aus dem Gewöhnten und Gewohnten auszubrechen. Wenn die Führungskraft plötzlich ein wenig „charismatisch“ redet, geht den Mitarbeitern das Herz auf. Tesla, eines der höchstverschuldeten Unternehmen der Welt, erfreut sich großen Bewerberandrangs, weil die Führungskraft weiß, wie man Menschen und Investoren begeistert.

Unsere Begrüßungsrituale werden durch das Coronavirus durcheinandergewirbelt. Das Händeschütteln ist neuerdings mit Unsicherheit behaftet, neue Gesten, wie etwa der Namasté-Gruß, Ellbogenkick, Faustgruß und Footshake finden zunehmend Verbreitung. Können Sie auf den Händedruck gut verzichten?
Grundsätzlich wird der Händedruck nicht verschwinden. Allerdings ist dieser nichts, was in unserem genetischen Code verankert wäre. Es gibt keine Primaten, die im Urwald herumlaufen und einander die Hände schütteln. Er hat sich in vielen Kulturen durchgesetzt und der Siegeszug hält an. Japaner und Chinesen schütteln mittlerweile auch die Hand, man verbeugt sich eher im Rituellen. Das Händeschütteln – und das ist dessen großer Vorteil – nivelliert. Es stellt Ranghöhere und Rangniedrigere zumindest vorübergehend gleich. Mir persönlich fällt es schwer, aufgrund dieser Pandemie aufs Händeschütteln zu verzichten. Es hat sich aber etwas Interessantes ergeben: Die Menschen kommen aufeinander zu, geben sich den Ellbogen oder den Fuß und grinsen dabei verlegen, weil sie wissen, dass das etwas Außergewöhnliches ist, was sie da tun. Aus dem Händeschütteln selbst kann man, anders als kolportiert wird, viel weniger herauslesen als an der Art, wie wir uns einander annähern. Es ist aussagekräftiger als ein fester oder lockerer Händedruck, ob jemand zielstrebig, abwartend, vorsichtig oder aggressiv auf einen zukommt. Die neuen Begrüßungsformen können durchaus eine Bereicherung sein, und man sollte aus mehreren Gründen, nicht zuletzt um die Verbreitung des Virus einzudämmen, zumindest eine Zeit lang davon Gebrauch machen. Wir müssen lernen, flexibler in unserer Kommunikation zu sein. Darin sehe ich auch etwas Positives.

Der Arbeitsmarkt ist krisenbedingt voll mit Arbeitsuchenden. Welche Tipps können Sie denjenigen geben, die zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen werden, um einen guten Eindruck zu hinterlassen?
Das Thema Jobsuche wird besonders 2021 virulent werden, nach allem, was mir Unternehmer, mit denen ich in Kontakt bin, signalisieren. Die Schwierigkeiten werden 2021 erst so richtig beginnen, fürchte ich. Beim Vorstellungsgespräch will man zwei Emotionen erfüllen: Souveränität und Sympathie. Viel zu sehr rückt man dabei oft das Erstere in den Fokus. Das ist der erste große Fehler! Man muss beim Bewerbungsgespräch schnell Bindung aufbauen. Also sympathisch wirken. Bevor das erste Wort gesprochen wurde, sollte der Personaler das Gefühl haben, gerne mit dem Bewerber reden zu wollen. Signale, die Sympathie erzeugen, sind immer Signale der Lockerheit, des Entspanntseins, ohne schilehrerhaft übertriebenes und aufgesetztes Gehabe. Wie erreiche ich das? Erstens mit Asymmetrie in der Körperhaltung, zweitens mit mehr Bewegung und drittens mit Lächeln. Nur wenn es tatsächlich um die fachliche Kompetenz geht, und das sind meistens nur wenige Sätze, sollte man eine stabile Körperhaltung einnehmen. Man sollte seinen seriösen, reduzierten Auftritt auf die kurzen Momente beschränken, in denen es darauf ankommt. Wer glaubt, er müsse immer souverän wirken, wirkt nicht souverän, sondern distanziert. Das Stabile funktioniert und wirkt nur, wenn davor Bewegung im Spiel war. Man muss vorher viel gelächelt haben, damit das ernste Gesicht zur Geltung gelangt.

Dieses Switchen in Ausdruck und Haltung, den nahtlosen Übergang zwischen Lockerheit und Seriosität, muss man wahrscheinlich üben, damit er nicht gekünstelt wirkt?
So ist es. Ich begleite Menschen dabei, das zu erlernen, und gebe professionelles Feedback, damit es klappt, wenn man im Bewerbungsgespräch seinen Auftritt hat, der einen positiv von den fachlich genauso geeigneten Mitbewerbern hervorstechen lässt. Derjenige wird auffallen, der seine Inhalte am besten transportieren kann. Schade ist, wenn der fachlich beste Kandidat sich zu wenig mit seiner Wirkung beschäftigt – und deswegen von einem mittelmäßigen ausgestochen wird. Das ist übrigens auch in der Politik so. Wer besser kommuniziert, ist obenauf.

Apropos Politik: Es wurde in Österreich in den letzten Jahren medial sehr viel über rhetorische NLP-Tricks (Neuro-Linguistisches Programmieren) geredet. Wäre es nicht wesentlich effektiver, Menschen durch das nicht ausdrücklich Gesagte, das Körpersprachliche, positiv formuliert für sich einzunehmen bzw. negativ formuliert subtil zu manipulieren?
Ich möchte zunächst etwas zu NLP sagen. Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich ganz intensiv weltweit mit Körpersprache in der Politik. Dieser ganze NLP-Zauber kommt nur in Österreich vor. Ich lebe in Deutschland, da findet das nicht statt. NLP ist unwissenschaftlich, NLP maßt sich an, Dinge erfunden zu haben, die wiederum wissenschaftlich nicht belegbar sind. Und das, was belegbar ist, hat NLP nicht erfunden. Sie merken schon, ich bin kein Fan. Dieses mediale Theater, das darum gemacht wird, erweckt den falschen Eindruck, dass NLP Menschen dabei helfen kann, in der Kommunikation etwas Einzigartiges zu erreichen. Körpersprache manipuliert grundsätzlich immer. Fange ich plötzlich an, verärgert zu schauen oder heftig zu lachen, manipuliert Sie das. Manipulation hat einen so negativen Beigeschmack, obwohl wir alle es tun. Wir leben davon, unseren Mitmenschen zuzuschauen und auf deren emotionales Befinden einzugehen. Gefährlich ist das nur, wenn wir zu etwas manipuliert werden, was wir eigentlich nicht wollen. Wir können aber – wie ich in meinem aktuellen Buch ausführlich beschrieben habe – grundsätzlich nicht zu etwas manipuliert werden, was wir überhaupt nicht wollen. Donald Trump signalisiert mit seiner Körpersprache den Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – wütend sind, dass er sie versteht, einer von ihnen ist. Etwa dem Trucker, der seinen Job verloren hat, oder dem Arbeiter, der sich abgehängt fühlt. Das ist die Manipulation, die stattfindet. Inhalte spielen dann gar keine Rolle mehr. Trump-Anhänger, die mit den Lügen des US-Präsidenten konfrontiert wurden, haben dazu gemeint, sie wüssten darum, aber es stört sie nicht, denn es würden ohnehin alle lügen. Sobald die emotionale Bindung einmal hergestellt ist, können wir vereinnahmt werden. Und das machen Populisten einfach geschickter, und, mit Verlaub, das macht auch Sebastian Kurz sehr gut, wenn er den Österreichern das Gefühl gibt, dass der junge Mann so vernünftig ist, weiß, was er tut, die Sache durchschaut hat. Diesen Eindruck vermittelt Kurz vor allem mit seiner stabilen und unaufgeregten Körpersprache.

Können Sie das Interpretieren der Körpersprache Ihres Gegenübers eigentlich wegschalten oder nimmt man das, wenn man sich so intensiv damit beschäftigt, automatisch wahr?

Ich habe das gleiche Gehirn zur Verfügung wie alle anderen Menschen auf diesem Planeten. Der allergrößte Teil bleibt im sogenannten Vorbewusstsein hängen, das heißt, dass der Großteil der Körpersprache mir ganz genauso entgeht wie Ihnen und jedem anderen Menschen auch. In Situationen, in denen es besonders wichtig ist, kann ich manches vielleicht bewusster wahrnehmen. Ich habe gelernt, in den entscheidenden Momenten genauer hinzuschauen. Das ist der einzige Unterschied.


// Text: Marian Kröll

Lesen Sie das gesamte Interview in der Printausgabe.
Außerdem: Tipps für Videocalls


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