30.06.2021

Tourismus

Landeshauptmann Günther Platter

Das Ende von Corona ist der Anfang des neuen „Tiroler Wegs“.

Es ist wieder so weit. Alle paar Jahre erfolgt ein Update der Leitlinie zur touristischen Entwicklung Tirols, dem „Tiroler Weg“. Nach den ersten Strategiepapieren in den 1970er-Jahren und dem ersten Marketingkonzept Anfang der 1990er-Jahre wurden 1998, 2002, 2008 und zuletzt 2015 Fortsetzungen präsentiert. Jetzt liegt die aktuelle Fassung des Tiroler Wegs auf dem Tisch – punktgenau zum Neustart der hart gebeutelten Branche nach Corona.

Neun Monate lang war die Tiroler Leitbranche in der Geiselhaft von Lockdowns und Reisebeschränkungen. Da zahlreiche andere Branchen mit dem Tourismus verbunden sind, wird Corona Tirol in Summe einen Wertschöpfungsverlust von acht bis zehn Milliarden bescheren. Da der Tourismus in Summe eine Tiroler Erfolgsgeschichte ist, wird der Weg nicht abrupt geändert, sondern im Wesentlichen beibehalten – aber mit entscheidenden Korrekturen an sensiblen Stellen. Diese betreffen vor allem die Bereiche Nachhaltigkeit, Mobilität, Regionalität und das Bekenntnis zu familiengeführten Betrieben. Das Strategiepapier greift aktuelle Kritikpunkte und Reibungsflächen auf und möchte Antworten auf heikle Themen geben.

Overtourism

In den letzten eineinhalb Jahren hatte dieser Begriff Pause, da Corona massiven Undertourism verursachte. Doch dieses Wort wird wieder auftauchen, sobald die Kritik an Überentwicklungen wieder laut wird. Der „Tiroler Weg“ will dem gegensteuern und zementiert die aktuellen 330.000 Betten als absolute Obergrenze ein. Da in den letzten Jahren die Bettenzahl ohnehin rückläufig war, hat die folgende Zahl größere Bedeutung: Neue Hotels sollen nicht mehr als 150 Betten, bei Sonderwidmung nicht mehr als 300 Betten haben. Damit zielt das Land vor allem auf internationale Hotelketten und möchte heimischen Familienbetrieben einen Vorsprung verschaffen.

Ballermann

Wenn der heimische Tourismus mit negativen Schlagzeilen über die Grenzen hinaus aufgefallen ist, waren häufig Partyexzesse der Grund. „Wer hat etwas davon, wenn Busse mit jungen Menschen ohne Wintersportausrüstung für Exzesse inklusive selbst mitgebrachtem Alkohol für 24 Stunden in unser Land kommen? Hier entsteht keine Wertschöpfung vor Ort, sondern nur ein Imageschaden. Das ist nicht unser Tiroler Weg“, stellt Landeshauptmann Günther Platter klar. Daher soll derartigen Auswüchsen in Zukunft ein Riegel vorgeschoben werden. Spannend wird, wie dieses Ziel in der Praxis umgesetzt wird.

Spekulationsprojekte

Immer wieder aufpoppende touristische Vorhaben mit Spekulationscharakter stehen der Ansage des Landes, „leistbares Wohnen“ zu gewährleisten, diametral entgegen. Grund und Boden sind rar – und ein Ausverkauf erregt regelmäßig die Gemüter. Der „Tiroler Weg“ legt ein Bekenntnis gegen Spekulationsprojekte ab, die Preise nach oben treiben, „kalte Betten“ erzeugen und von denen die Bevölkerung und die Gemeinden nichts haben. Ein Dorn im Auge sind dem Land „undurchsichtige Investorenmodelle, touristische Großbetriebe oder Chaletdörfer“. Damit das gelingen kann, will die Landespolitik sukzessive „juristische Schlupflöcher“ schließen.

Bodenhaftung

Der touristischen Entwicklung wurde immer wieder Abgehobenheit unterstellt. Der „Tiroler Weg“ will hier auf mehreren Ebenen gegensteuern. Neben den genannten Wachstumsgrenzen steht eine stärkere Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und Umwelt im Fokus. Konkret sollen in allen Tiroler Regionen ab 2022 institutionalisierte Nachhaltigkeitsstandards und das neu geschaffene „Österreichische Umweltzeichen“ für Destinationen eingeführt werden. Bei den Gästeanreisen soll der Anteil an Öffis gesteigert, eingekauft soll vorwiegend regional werden. Um die Umsetzung zu erfassen, wird auch die Erfolgsmessung adaptiert: Künftig zählen nicht mehr allein Nächtigungszahlen und Wertschöpfung, ein neuer Tourismusindex wird auch soziale Faktoren wie Mitarbeiterzufriedenheit oder Wiederbesuchsabsichten der Gäste sowie ökologische Messgrößen wie den Anteil regenerativer Energien oder die realisierte CO2-Reduktion umfassen.

Tourismusgesinnung

Dieser Punkt hängt direkt mit den genannten bisherigen Schwachstellen zusammen. Natürlich sind es gerade Overtourism, Partyorgien, Spekulationen und mangelnde Bodenhaftung, die bei Einheimischen Stirnrunzeln auslösen. In Summe führt(e) das zur viel zitierten mangelnden Tourismusgesinnung. Da erstens verärgerte Wähler und zweitens mürrische Gastgeber auf Dauer zum Problem werden, setzt die Politik an dieser Stelle an und sucht den Dialog mit der Bevölkerung. Dazu gehört auch, dass verstärkt um einheimische Gäste geworben werden soll. Im Marketing-Sprech heißt das dann: „Das eigene Land wird zum Kernmarkt.“


Der „Tiroler Weg“ ist damit durchaus auf der Höhe der Zeit und ambitioniert. Doch Papier ist freilich geduldig – ob die Übung gelingt, hängt an der konkreten Umsetzung und der nachdrücklichen Verfolgung der hochgesteckten Ziele in der Praxis. Spätestens beim nächsten Update des „Tiroler Wegs“ wird sich zeigen, ob sich das Tourismusland auf seiner eigenen Reiseroute verlaufen hat oder Stück für Stück Etappensiege erringen konnte.

Besser statt mehr

Landeshauptmann Günther Platter, zugleich Tiroler Tourismusreferent, nimmt zu den Hintergründen für das Update des neuen „Tiroler Wegs“, zur Außensicht Tirols nach Corona, zu neuen Kriterien für die Erfolgsmessung, zu Bettenobergrenzen sowie Maßnahmen gegen Exzesse und Spekulationen Stellung.

eco.nova: Die aktuelle Fassung des „Tiroler Wegs“ wurde dieser Tage vorgestellt. Worin unterscheidet sich dieser von der Vorgängerversion?
Günther Platter:
Es war immer schon die Stärke unserer Tourismusbranche, Veränderungen zu erkennen und darauf mit Pioniergeist, Innovationskraft und unternehmerischem Mut zu reagieren. Das ist auch der Grund, warum Tirol in seiner langen Tourismusgeschichte in vielerlei Hinsicht zu einem Maßstab geworden ist. Wenn wir jetzt ein neues Kapitel am „Tiroler Weg“ aufschlagen, dann hat das Signalwirkung. Tirol will bewusst vorangehen und die Richtung vorgeben. Dabei steht eines außer Frage: Wir müssen den Tiroler Tourismus nicht neu erfinden, wir müssen ihn jedoch an gewissen Stellen neu denken – und genau das ist mit der neuen Tourismusstrategie sichergestellt.

Corona hat einen Bruch für den Tiroler Tourismus dargestellt. Wie dramatisch ist die Lage?
Die vergangenen Monate waren eine enorme Herausforderung – gerade für den Tourismus. Die Welt ist zum Stillstand gekommen und mit ihr der Tourismus. Das hat die Tourismuswirtschaft enorm getroffen. Wer hätte gedacht, dass es jemals zu einem Totalausfall der Wintersaison kommt? Seit dem vergangenen Winter wissen wir alle, was ein Winter ohne Gäste für Tirol bedeutet. Gerade weil jeder dritte Euro direkt oder indirekt in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft verdient wird und jeder vierte Arbeitsplatz daran hängt, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Tourismuswirtschaft wieder voll durchstarten kann. Unser Land braucht diesen Neustart und wir alle spüren, dass dieser Neustart auch gelingt.

Nach Ischgl war häufig von einem lang andauernden Imageschaden die Rede. Wie sieht die Situation aus Ihrer Sicht jetzt, ein Jahr danach, aus?
Aus den vorliegenden Erhebungen lässt sich kein nachhaltiger Imageschaden für Tirol ableiten. Unser Land ist Umfragen zufolge unverändert ein Sehnsuchtsort, insbesondere für die Gäste aus unserem Hauptherkunftsmarkt Deutschland. Aktuell interessiert sich jeder zweite deutsche Gast, der im Sommer einen Urlaub in Österreich plant, für Tirol. Das ist nach den schweren Monaten, die hinter der Branche und dem Tourismusland Tirol liegen, ein überaus erfreuliches Ergebnis.

Im Tiroler Weg wurden neue Kriterien definiert, um touristischen Erfolg zu messen. Heißt das im Umkehrschluss, dass bislang die falschen Parameter herangezogen wurden?
Nein, denn Parameter wie etwa Wertschöpfung und Bettenauslastung haben ja weiterhin Bestand. Sie sind wichtig, aber eben nicht alles. Und daher wird der Erfolg im Tiroler Tourismus künftig auch an gesellschaftlichen Messgrößen wie Tourismuswahrnehmung, sozialen Faktoren wie Mitarbeiterzufriedenheit oder Wiederbesuchsabsichten und ökologischen Faktoren wie Anteile regenerativer Energien gemessen. Wir vollziehen einen Perspektivenwechsel, indem wir ganzheitliche Kriterien zur Bewertung des Erfolgs heranziehen.

In den kommenden Jahren stehen 2.600 Betriebsübergaben an. Wie will das Land Jungunternehmer dazu motivieren, Betriebe weiterzuführen bzw. zu übernehmen?
Die vielen Familienbetriebe in unserem Land sind es, die Tag für Tag eine positive Tourismusgesinnung leben – gemeinsam mit den Menschen in den Gemeinden und den Tälern. Diese Gastgeber mit Leib und Seele brauchen wir auch in Zukunft. Qualitativ hochwertige Ausbildungsschienen, die es in dieser Form in keinem anderen Tourismusland gibt, bilden das Fundament für eine erfolgreiche Tourismuszukunft. Junge Übernehmer bringen wichtige neue Impulse ein und haben frische Ideen. Entscheidend ist, dass jungen Unternehmerinnen und Unternehmern Vertrauen und Wertschätzung entgegengebracht werden. Mit dem „Tiroler Weg“, der den Mehrwert des Tourismus wieder stärker in der Bevölkerung verankern will, möchten wir hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Der „Tiroler Weg“ enthält ein klares Bekenntnis zu Familienbetrieben. Welche Unterstützungen können familiär geführte Tourismusunternehmen konkret erwarten?
Ein wichtiger Baustein dieser Strategie ist, dass wir durch neue Schwerpunkte und eine gezielte Bewerbung den Ganzjahrestourismus stärken und somit die Auslastung unserer Betriebe erhöhen. Wir wollen nicht mehr Betten, sondern wir wollen, dass die bestehenden Betten möglichst ganzjährig genutzt werden. Hier konnte in den letzten Jahren schon einiges erreicht werden. Ein entscheidender Punkt, um die heimischen Betriebe krisenfester zu machen, ist die Erhöhung der Eigenkapitalquote. In enger Abstimmung mit der Wirtschaftskammer werden hier entsprechende Initiativen erarbeitet.

Es wurden Bettenobergrenzen definiert. Was war ausschlaggebend dafür?
Im neuen „Tiroler Weg“ geht es um „Besser statt mehr“ und ein klares Bekenntnis zu Qualität vor Quantität. Wir wollen, dass die Betten, die es in Tirol gibt, über das ganze Jahr gut und zu einem angemessenen Preis ausgelastet sind und eine hohe Qualität aufweisen, da sich damit die regionale Wertschöpfung steigern lässt. Niemand hat etwas von „kalten Betten“ und daher ist die vorhandene Bettenanzahl im Land absolut ausreichend.

Der „Tiroler Weg“ sagt „Spekulationsobjekten“ und „kalten Betten“ den Kampf an. Dazu sollen „juristische Schlupflöcher“ geschlossen werden. Welche Bereiche sind damit gemeint?
Uns geht es darum, den kleinteiligen Tourismus und die Tiroler Familienbetriebe zu schützen und Raum für Entwicklung zu geben. Daher bekennen wir uns auch zu betrieblichen Wachstumsgrenzen. Neben der Bettenobergrenze für das Land legen wir auch eine Obergrenze bei der Bettenanzahl für Beherbergungsbetriebe fest – bei 300 Betten soll künftig Schluss sein. Für Betriebe mit mehr als 150 Betten braucht es eine Sonderflächenwidmung. Wenn wir von Wachstumsgrenzen reden, dann gilt das besonders für Spekulationsprojekte wie undurchsichtige Investorenmodelle oder Chaletdörfer. Diese treiben nur die Preise nach oben und bringen keinen Mehrwert für die Bevölkerung. Die Tiroler Landesregierung hat unlängst auch ein partielles Freizeitwohnsitzverbot beschlossen, wodurch wir Spekulationen in besonders belasteten Regionen wirkungsvoll entgegentreten werden.

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ zieht sich durch den gesamten „Tiroler Weg“. Wie soll dieses Schlagwort mit Leben erfüllt werden?
Nachhaltigkeit zeigt sich in der neuen Tourismusstrategie gleich mehrfach: So soll es etwa in Tirol bis 2035 nur noch klimaneutrale Skigebiete geben, wir streben bis dahin auch die Verdoppelung des Anteils bei der öffentlichen Anreise und eine Vor-Ort-Mobilität mit 100-prozentiger Nutzung regenerativer Antriebsformen an. Zudem planen wir die Einführung institutionalisierter Nachhaltigkeitsstandards in allen heimischen Regionen wie etwa dem „Österreichischen Umweltzeichen für Destinationen“ bis 2022. Nachhaltigkeit bedeutet vor allem aber auch, die über viele Generationen gewachsenen Strukturen in den familiengeführten Betrieben zu erhalten. Wir wollen keine vom Ausland finanzierten Bettenburgen, sondern dass der Tiroler Tourismus in einheimischer Hand bleibt.

Exzessive Entwicklungen, Stichwort „Ballermann“, sollen unterbunden werden. Wie kann in der Praxis derartigen Auswüchsen entgegengesteuert werden?
Im Bereich Unterhaltung oder insbesondere im Bereich des exzessiven Partytourismus hat es da und dort Entwicklungen gegeben, die nicht unserem Verständnis von Qualität entsprechen. Wer hat etwas davon, wenn Busse mit jungen Menschen im Winter ohne Skiausrüstung, aber mitsamt selbst mitgebrachter Alkoholika für wenige Stunden in unser Land kommen? Hier entsteht keine Wertschöpfung vor Ort, sondern nur ein Imageschaden. Derartige ausufernde Entwicklungen sollen vor allem mittels ortspolizeilicher Verordnungen – wie wir sie zum Beispiel aus Mayrhofen kennen – unterbunden werden.

Das Stichwort Tourismusgesinnung wurde in den letzten Jahren intensiv diskutiert. Der „Tiroler Weg“ will in den Dialog mit der Bevölkerung treten und Einheimische vermehrt zum Urlaub im eigenen Land motivieren. Welche Maßnahmen sind hier vorgesehen?
Es ist in der Tat so, dass die Wahrnehmung unserer Tourismuswirtschaft in einigen Bereichen nicht mehr ihrem tatsächlichen Stellenwert entspricht. Um wieder mehr Verständnis für den Tourismus und seinen Mehrwert für unser Land zu schaffen, muss die Bevölkerung wieder stärker ins Boot geholt werden. Vorgesehen sind regionale und überregionale Dialogforen, bei denen es einen Austausch auf Augenhöhe gibt. Wir brauchen ein wertschätzendes Miteinander von Einheimischen und Gästen, von Bevölkerung und Tourismus, aber auch von den Unternehmerinnen und Unternehmern mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nur so kann der Tourismus auch weiterhin ein Wohlstandsmotor für Tirol sein.

Text: Klaus Schebesta

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