04.09.2020

Wert(e)voll

Der verrückte Wert der Arbeit.

Balkon- und Klatschkonzerte, Dankeskärtchen, großformatige Zeitungsanzeigen mit Superhelden-Touch. Verkäufer*innen in Supermärkten, Pflegepersonal in den Kliniken, Lieferdienstwagen-Fahrer oder Mitarbeiter*innen der Müllabfuhr wurden auf Händen getragen und gefeiert. Weil sie den Infektionsgefahren trotzten und auch dann zur Arbeit aufbrachen, als der Großteil der Bevölkerung zu Hause bleiben musste. In der Zeit des Lockdowns.

Neue Normalität?

So sehr man sich in der Zwischenzeit an all die neuen Begriffe, Lebensbedingungen, Hiobsbotschaften und Abstände gewöhnt haben mag, wird allein mit dem Wort Lockdown der massive Einschnitt, den das grassierende Coronavirus mit sich brachte, markiert. Schonungslos, treffend, militärisch irgendwie. Während zahlreiche Berufsgruppen plötzlich erfahren mussten, wie wackelig letztlich die Basis ihrer Arbeitsplätze ist, kristallisierten sich in Windeseile jene Jobs heraus, ohne die echt nichts geht und auf die in keiner Krise verzichtet werden kann. Um einen Kollaps des staatlichen und des Versorgungssystems zu verhindern, musste österreichweit eine Million Menschen teils unter widrigsten Umständen „ausrücken und antreten“. Gar nicht wenige im Vergleich.

Eine Ende Mai 2020 präsentierte Untersuchung der Arbeiterkammer (AK) hatte diese Zahl ergeben und damit auch jene Berufe mit Relevanz fürs System herausgefiltert. Ärzt*innen zählen dazu, Polizist*innen auch. Homeoffice ist aber auch für Pflegekräfte, Lebensmittelverkäufer*innen oder Reinigungskräfte per se unmöglich. „65 Prozent der systemrelevanten Arbeitskräfte sind Frauen“, hielt die AK zudem fest und zählte mit Kindergartenpädagoginnen (88 %), Kassiererinnen oder Regalbetreuerinnen (86 %), Reinigungs- (83 %) und Pflegekräften (82 %) auch gleich jene Tätigkeiten auf, die am schlechtesten bezahlt werden. „Das sind die Berufe, deren Wert in Geld bemessen niedrig angesetzt ist. Plötzlich waren sie systemrelevant und mussten unter allen Umständen durchhalten“, bestätigt Lukas Kerschbaumer die Absurdität und sagt: „Klatschkonzerte und Dankeskärtchen sind da am Ende zu wenig. Interessant ist, wie man da weitermacht.“

 Die Arbeiterkammer nahm die plötzlich auch in aller Breite wahrgenommene schlechte Bezahlung der „Systemrelevanten“ als Trigger für ihre Forderung nach einem Mindestlohn von 1.700 Euro brutto in den Kollektivverträgen sowie eine Anhebung des Mehrarbeitszuschlags von 25 auf 50 Prozent. ÖGB und SPÖ schlossen sich rasch an, doch so richtig kam diesbezüglich bislang nichts ins Rollen. „Aktuell wollen alle zurück zu dem Zustand vor Corona. Das ist nachvollziehbar, wenn man die Gesundheitsaspekte betrachtet und das Infektionsgeschehen. Das Thema der Entlohnung oder Wertschätzung von bestimmten Tätigkeiten fällt da schnell unter den Tisch“, weiß Kerschbaumer und hält fest: „Wenn dieser Status quo als Verbesserung erscheint, ist das verlockend, aber es ist auch die Gefahr, denn den ganzen systemrelevanten Berufen tut man damit keinen Gefallen.“

Lukas Kerschbaumer arbeitet am Center for Social and Health Innovation des Management Center Innsbruck (MCI). Einer seiner Themenschwerpunkte ist die Arbeitslosigkeit. Ein aktuell wirklich schwerer Punkt. Denn Corona machte Arbeitslosigkeit auch zum Thema von Menschen, die sich zuvor nie damit auseinandersetzten bzw. auseinandersetzen mussten. Swarovski ist ein gravierendes Beispiel für die Unsicherheiten am Arbeitsmarkt, die die Coronakrise am Arbeitsmarkt verstärkt bzw. ausgelöst hat. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden hier mit aller Brutalität wirksam. Bis Ende 2021 wird die Zahl der Mitarbeiter am (Noch-)Stammsitz Wattens von zuletzt 4.800 auf 3.000 reduziert. Noch im September 2020 soll der Abbau losgehen. Bevor der neue, der traditionellen Tirol-Nostalgie gänzlich schmerzbefreit gegenüberstehende Swarovski-CEO Robert Buchbauer den Kahlschlag verkündete, galt der Konzern als „sichere Bank“ für seine Mitarbeiter. Sie waren recht gut versorgt, konnten sich qualifizieren und spezialisieren. Alles war gut. Und dann das.

Ausgesiebt

„Der Wert der Arbeit wird da schnell deutlich. Jemand hat Arbeit oder jemand hat keine Arbeit“, nennt Kerschbaumer die wohl einfachste und klarste Formel. Die wenigsten Österreicher*innen vermehren ihr Einkommen über Kapital. Erwerbsarbeit ist es, mit dem Einkommen generiert wird. Darauf fußen alle von Steuern finanzierten Säulen des Staates und wenn der MCI-Wissenschaftler betont, dass „wir keinen gesunden Umgang mit Arbeit, dem Wert der Arbeit oder Arbeitslosigkeit“ haben, entlarvt er zugleich einen Knackpunkt des Systems. Einen Knackpunkt, der „im Großen“ nachhaltige Veränderungen hemmt und „im Kleinen“ beziehungsweise Individuellen die Auseinandersetzung mit Arbeitslosigkeit erschwert und zu einer psychischen Odyssee macht.

„Unsere Gesellschaft steht auf einem riesengroßen Sieb und das ist gerade in Österreich sehr engmaschig“, skizziert Kerschbaumer das Bild – bevor es durch Corona, diesen massiven exogenen Schock, Risse bekam. Welche Kriterien dazu beigetragen haben, dass Menschen durch dieses Sieb gefallen sind, arbeitslos wurden und keinen Zugang mehr zum Arbeitsmarkt hatten, war relativ klar. Dazu zählten etwa sprachliche Barrieren in Verbindung mit Migrationshintergrund, geringe Ausbildung, höheres Alter oder angeschlagene Gesundheit. Alleinerziehende Frauen galten und gelten ebenso als gefährdet. Vieles konnte auch mit dem gesellschaftlichen Glaubenssatz des „Lerne was, dann bist du was“ in Verbindung gebracht werden. Ein Glaubenssatz, dem Corona ein Stück weit die Grundlage nahm. „Die Maschen des Siebes sind größer geworden. Jetzt fallen Menschen durch das Sieb, die niemals damit gerechnet hätten oder darüber nachgedacht haben“, so Kerschbaumer.

Auch der Glaube an Bildung bekommt dabei einen Knacks. Doch auch dieses Bild hatte zuvor schon Risse. Galt etwa die Matura lange Zeit als Sprungbrett in ein gutes Arbeitsleben, so hat sich diese Vorstellung längst relativiert. Dadurch etwa, dass so viele Jugendliche wie möglich in diesen Lift einsteigen. Sie alle steigen dann im gleichen Stock aus und die Sprungkraft der Reifeprüfung ist perdu. Mit ihr schwindet das Sicherheitsgefühl, dem Corona ganz allgemein einen Dämpfer verpasste. Auch mit dem völlig unerwarteten Verlust des Arbeitsplatzes. Arbeitslosigkeit macht etwas mit den Betroffenen, unabhängig davon, dass ihnen Geld fehlt. Scham ist meist ein unheilvoller Begleiter, selbst wenn die aktuell miserable Lage auf Corona zurückgeführt oder dem von der Regierung herbeigeführten Systemcrash die Schuld gegeben wird.

Werte neu denken

Es kracht an vielen Ecken und Enden. Die weitreichenden Auswirkungen des Schocks könnten dazu führen, dass sich die zahlreichen Betroffenen solidarisieren und eine Reformkraft bilden. Die andere Möglichkeit ist, dass mit der Aussicht darauf, dass es wieder „wie früher“ wird, der Reformdruck sinkt. Kerschbaumer glaubt, dass der Schock zumindest ein paar Fundamente dafür legt, das Wirtschaftssystem und den Wert der Arbeit neu zu denken. Denn dass ein Virus in kürzester Zeit die Kraft hat, die Wirtschaftswelt ins Wanken zu bringen, liegt auch daran, dass das System schon zuvor kränkelte.

Ideen wie etwa die 30-Stunden-Woche sind lange vor Corona geboren worden. Unter der Annahme, dass mit der Arbeitszeitreduktion die Lohnausfälle in Grenzen gehalten werden können, die Belastungen für die Arbeitgeber*innen sich ebenso eindämmen lassen, mehr Leute arbeiten gehen und dadurch ins System einzahlen, geistert die Idee seit längerem herum. Sie wirkt wie ein eher verzweifelter Versuch, die angeschlagene, erwerbszentrierte Gesellschaft in ihrer bekannten Form weiter aufrechtzuerhalten. Was aber, wenn auch die 30-Stunden-Woche nicht ausreicht, um genügend Menschen in Arbeit zu halten? 20 Stunden? 15? 10? „Die Frage ist, wie weit ich das treiben will oder wie entschlossen man daran geht, sich etwas anderes zu überlegen“, meint Kerschbaumer.

In einem Expertenworkshop war im deutschen Roman Herzog Institut 2017 die Frage nach dem „Wert der Arbeit im 21. Jahrhundert – für den Einzelnen, für die Unternehmen und für die Gesellschaft“ gestellt worden. „Dass der strukturelle Wandel mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einhergeht, gilt als sicher – ebenso wahrscheinlich ist aber auch, dass neue Stellen entstehen. So wird der Bedarf an Dienstleistungen – etwa in der Pflege – in den nächsten Jahrzehnten mit großer Wahrscheinlichkeit steigen“, wurde dabei festgehalten und die Gretchenfrage für diesen essenziellen Bereich der Arbeitswelt beantwortet: „Ob dies auch zu einer höheren Wertschätzung und zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung von Pflegeberufen führen wird, erscheint hingegen fraglich.“ Allgemein stellten die Experten in den Raum, dass über die Bedeutung der Erwerbsarbeit neu nachgedacht werden müsse.

Neu denken ist vielen ein Gräuel. Das war es immer schon, denn radikale Einschnitte mögen die Verantwortlichen – in jedem Fall sind das ja Politiker – gar nicht gern. Sie stören das gemütliche Verwalten und die Chancen auf die Wiederwahl stören sie nicht minder. Radikal neu zu denken kann – je nach Orientierung – durchaus gefährlich sein und passt auch nicht zum demokratischen Prinzip, das ein auf Sicherheit ausgerichtetes ist. Demokratie ist langsam und behäbig.

Gesellschaftliche Änderungen dauern und dauern. „Wenn gesellschaftliche Änderungen organisch wachsen, sind sie nachhaltig. Da sprechen wir von Jahrzehnten. Für schnelle Änderungen müsste der exogene Schock so dramatisch sein, dass keine Struktur mehr da ist, zu der man zurückwill“, sagt Kerschbaumer. Seine Hoffnung, dass die Erkenntnisse aus der Krise dazu genützt werden, den Tatsachen ins Auge zu blicken und entsprechende oder angemessene Diskussionen einzuleiten, ist eher schwindend: „Ich denke, wir werden ganz lang Wunden lecken, ganz schnell wieder vergessen und mit dem Gefühl, die Lage im Griff zu haben, so weitermachen wie davor.“ Dieses menschlich nachvollziehbare, aber verflixte Zurück zum alten Status quo verhindert wohl auch, dass die mies bezahlten systemrelevanten Berufe aufgewertet werden.

Öffentlichkeitswirksame Einmalzahlungen nützen vor dem Hintergrund genau gar nichts. Dabei hatte der Stellenwert etwa von Pflegeberufen in der Coronakrise fast schon abstruse Blüten getrieben. Korridorzüge wurden eingerichtet, um Pflegende aus den östlichen Nachbarländern nach Österreich zu bringen, um den Lebenswert pflegebedürftiger Menschen in all dem Wahnsinn nicht gegen null tendieren zu lassen. Der „Wert“ hat viele Spielarten. „Gesellschaftlich betrachtet, scheint der Wert der Tätigkeit von Pflegekräften enorm zu sein. Monetär betrachtet ist ihr Wert höchst fragwürdig“, so Lukas Kerschbaumer.

Es ist verrückt. Berufe, die mit dem Dienst am Menschen zu tun haben, rangieren in den Lohntabellen an den letzten Stellen. Bei zahlreichen Formen der sozialen Arbeit scheint vom Staat die intrinsische Motivation, also das innere Bedürfnis, helfen oder die Welt ein Stück besser machen zu wollen, auf extreme Weise ausgereizt zu werden. Sozialvereine müssen großteils jährlich um ihre Budgets kämpfen, was gerade in Krisenzeiten durchaus dazu führen kann, dass Menschen in prekäre Situationen kommen, die sich um Menschen in prekären Situationen kümmern. Die Kräfte, die im Zusammenhang mit der Care-Arbeit wirken müssen, können Gänsehaut verursachen.

Rollenbilder

Um sich den Ursprüngen dieser offenkundigen Missstände anzunähern und eine Erklärung zu finden, muss weit zurückgegangen werden. Richtig weit. Zurück in die feudalen Gesellschaften mit ihren gottgegebenen Hierarchien, in denen Frauen und Männer klare Rollen hatten. Frauen spielten sie im Haus, Männer in der Öffentlichkeit, wobei die Familie eine Einheit bildete und das Einkommen im Haus beziehungsweise im Familienverband generiert wurde. Daheim beim Schuster, beim Bäcker, beim Metzger, beim Schmied. Das änderte sich, als „das Geld“ vermehrt außerhalb des Hauses verdient wurde, und gipfelte in gewisser Weise in der Industrialisierung, als plötzlich die ganze Familie arbeiten musste und Arbeit im Grunde nichts mehr wert war.

Frauen hatten in dieser Entwicklung von Beginn an den schwarzen Peter. Und den werden sie partout nicht los. Zu Hause war ihre Arbeit kostenlos, was Sinn machte, als das Familieneinkommen ebendort und gemeinsam erwirtschaftet wurde. Als aber auch gleichsam klassische Tätigkeiten von Frauen nach draußen verlagert wurden – wie etwa die Pflege –, versäumte es die Gesellschaft, dieser systemrelevanten Arbeit den wahren Wert zuzuerkennen beziehungsweise ihn mit Geld aufzuwiegen. Anfangs passierte das vielleicht unbewusst. Doch dieser Bonus wurde schon lange aufgebraucht. Es gibt schlicht kein Argument, mit dem die tatsächliche Lage begründet werden könnte. Außer eben mit der unheimlichen Schwerfälligkeit des Systems, das sich unter der Last eines veritablen Bierbauches nur schleichend bewegt. „Nehmen wir beispielsweise den Sekretär. In der Stadtverwaltung, der Gemeinde oder wo auch immer war der Sekretär eine Autorität, die eine unglaubliche Schlüsselposition innehatte“, nennt Kerschbaumer ein Beispiel und führt es weiter aus: „Es klingt hart, doch je banaler diese Tätigkeit wurde – durch Technik, Spezialisierung, Auslagerung von Verantwortung und Ausdifferenzierung der ganzen Tätigkeiten –, umso weniger wurde die Position des Sekretärs wert.“ Umso weniger die Position wert wurde, umso weiblicher wurde sie, und Kerschbaumer weiß: „Da gibt es schon große Umbrüche.“ Stimmt. Ein spannendes Beispiel ist auch die Informatik. Erste algorithmische Berechnungen – wie beispielsweise in der NASA – waren von ganzen Heerscharen an Frauen erledigt worden. Für entscheidende Eroberungen im All waren sie Gold wert. Bis ihre Arbeit technisiert und die Informatik zunehmend männlich wurde. Und damit auch besser bezahlt.

Die Lohntabellen, die ein teils starkes Missverhältnis des gesellschaftlichen und des monetären Werts der Arbeit darstellen, sind nicht in Stein gemeißelt. Selbst wenn sich Motivierte beim Versuch, sie zu ändern, oft genug die Zähne ausbeißen. „Doch das sind alles erdachte Sachen. Diese Regeln sind keine Naturgesetze“, stellt Kerschbaumer klar und gibt Hoffnung, wenn er sagt: „Wir können diese Regeln so denken, wie wir sie gerne hätten. Und alles, was wir denken können, können wir auch versuchen, umzusetzen.“


// Text: Alexandra Keller

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