09.04.2021

Sportliche Herausforderung

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Trotz seiner elementaren Funktionen für die Gesellschaft, fällt gerade in der Coronapandemie auf, wie wenig sich die Politik um den Sport kümmert

Sport vermittelt wichtige Werte in der Gesellschaft. Er verbindet Generationen, Kulturen und fördert Gemeinsamkeit. Er spornt an, fördert Kommunikation, Solidarität und Begeisterung für eine gemeinsame Sache. Sport ist Kultur und fördert die Gesundheit. Sport ist auch Wettbewerb und lehrt im Zuge dessen viel über Leistungsbereitschaft, das Einhalten von Regeln, Respekt und Fairness. Im Kindesalter übernimmt Sport außerdem eine gewisse Erziehungsfunktion. Kinder lernen sich im Wettkampf zu behaupten und gleichzeitig, sich in ein System einzufügen und dort ihren Platz zu finden. „Sport verbindet Selbstwertgefühl mit Verantwortungsbewusstsein, Lebensfreude mit Anstrengungsbereitschaft, Teamfähigkeit mit Individualismus. Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Kritikfähigkeit mit sozialem Engagement und Erfolgsstreben mit der Fähigkeit zur Niederlage“, nennt es Sportwissenschaftler Mag. Wolfgang Suitner. Er ist unter anderem Geschäftsführer von Seefeld Sports, Vizepräsident des Tiroler Fußballverbandes und Obfrau-Stellvertreter des Fachverbandes der Freizeit- und Sportbetriebe der Wirtschaftskammer Österreich und damit mit den unterschiedlichsten Blickwinkeln auf die Branche vertraut.
 
eco.nova: Welche Bedeutung hat Sport bzw. Bewegung auf die Gesellschaft?
Wolfgang Suitner:
Sport ist auf den unterschiedlichsten Ebenen wichtig für eine Gesellschaft – in erster Linie ist regelmäßige Bewegung natürlich gut für die Gesundheit, hinzu kommen viele andere Aspekte wie Wertevermittlung und in hohem Maße das Gefühl von Gemeinschaft, Zusammenhalt und Zugehörigkeit. Wir beobachten schon seit Längerem, dass die Digitalisierung hier zu einem Problem wird. Durch die Pandemie wurde dieses noch zusätzlich verstärkt. In meiner Kindheit und Jugend hatte der Sport noch einen ganz anderen Stellenwert als heute. Man kam von der Schule nach Hause und ging sofort nach Draußen zum Spielen. Man musste in der Sportausübung auch noch deutlich kreativer sein, wie haben selbst Tennisnetze gespannt und Hochsprunganlagen gebaut. Heute ist die Schwierigkeit, Kinder überhaupt für Sport zu begeistern und ihnen Freude daran mitzugeben.
 
Was bedeutet diese Defacto-Aufhebung von Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche?
In den letzten Wochen haben speziell Kinder- und Jugendpsychologen Alarm geschlagen, Depressionen in allen Altersstufen haben massiv zugenommen. Es ist ungemein schwer, Kindern plausibel zu erklären, warum sie ihre Freunde am Vormittag in der Schule treffen dürfen, aber das gemeinsame Trainieren und Spielen am Nachmittag nicht möglich ist. Die Problematik, Kinder von elektronischen Medien zum Sport hin zu manövrieren, hat sich in der Coronakrise nochmals verschärft und teilweise zugespitzt, weil vielen Eltern durch Homeoffice und teilweise fehlende externe Betreuungsmöglichkeiten keine Alternative hatten, als Kinder – zumindest zeitweise – mit elektronischen Medien zu beschäftigen. Die psychischen Auswirkungen beziehen sich aber auch auf das fehlende Vermitteln von Werten, die man beim Sport erfährt: zum einen der Austausch, zum anderen der Wettkampf, das Miteinander-Messen, zu lernen, sich zu behaupten, aber auch im umgekehrten Sinn sich als Teil eines Teams zu sehen. Durch die stattgefundene Selektion, indem man im Jahr der Pandemie Spitzensport ermöglicht und Breitensport „abgedreht“ hat, kann es sein, dass in weiterer Folge eine ganze Generation von Spitzensportlern verhindert wurde. Aus sportwissenschaftlicher Sicht ist es essentiell, dass in gewissen Altersbereichen auch die notwendigen Trainingsreize gesetzt werden, um gewisse Fertigkeiten zu erlernen. Dieser Trainingsrückstand ist schwer wettzumachen und aufzuholen.
 
Sport scheint auf höchster politischer Ebene nachrangige Priorität zu haben. Woran liegt das?
Das ist schwer nachzuvollziehen. Natürlich muss man alles daransetzen, das Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, gleichzeitig ist es mir aber wichtig, den Stellenwert des Sports in der Gesellschaft und speziell in der Politik massiv zu heben. Ehrenamt und Freiwilligkeit als verbindendes Element im gesellschaftlichen Zusammenleben muss nicht nur rhetorisch gelobt, sondern effektiv unterstützt werden. Und letztlich dient Sport auch als Prophylaxe. Man kann durch sportliche Aktivitäten viele gesundheitliche Schäden bereits im Vorfeld abpuffern. Die Menschen werden dadurch weniger krank, was in Folge dazu beiträgt, das Gesundheitssystem zu entlasten. Es wäre generell wichtig, hier schon bei den Kleinen anzufangen und ihnen zu zeigen, dass Sport Spaß machen kann. Ein Anliegen wäre die Einführung der täglichen Turnstunde, über die bereits diskutiert wurde. Kinder würden dadurch auch in anderen Bereichen wieder aufnahme- und leistungsfähiger. Kinder brauchen Zeiten, in denen sie sich austoben können, in denen nicht nur das Gehirn arbeitet, sondern auch der Körper. Ich würde mir wünschen, dass es hier nicht bei einem Lippenbekenntnis bleibt.
 
Lässt sich der derzeitige Schaden für die Freizeit- und Sportbetriebe in Österreich bzw. Tirol beziffern?
Da ist sehr schwer zu sagen, weil aktuell noch viele Unternehmen in Bezug auf die ausstehenden Hilfen in der Warteschleife hängen und es sicherlich weiterer Hilfen seitens des Staates bedarf, um ihnen wieder auf die Beine zu helfen. Es wird keine Option sein, den Betrieben zu sagen: „Jetzt dürft ihr wieder aufsperren“, und sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. Neben den konkret messbaren Parametern ist aber auch der immaterielle Schaden zu beachten, der sich immer mehr manifestiert – in Form von Mitgliederverlusten oder Vereinssportlern, die aufhören. Es ist zwar löblich, wenn von Sportminister Werner Kogler Unterstützungen für das Anwerben und Behalten von Vereinsmitgliedern gesetzt werden, selbiges muss aber parallel auch für den gewerblichen Sport gelten, also zum Beispiel für Fitnessstudios, Tennis- oder Kletterhallen. Es darf grundsätzlich keine Trennung von gewerblichem und Vereinssport geben. Den Menschen muss die Sportausübung generell wieder ermöglicht werden. Der „Konsument“ macht keinen Unterschied und möchte einfach nur sporteln, egal ob im Fitnessstudio oder auf dem Sportplatz im Freien.
 
Fitnessstudios sind durch die coronabedingten Schließungen besonders hart betroffen. Sie haben nicht nur keine Einnahmen, auch immer mehr Kunden kündigen ihre Mitgliedschaft. Lässt sich einschätzen, wie viele davon diese Zeit nicht überleben werden?
Vor der Krise gab es in Österreich exakt 1.299 Betriebe mit rund 1,2 Millionen Mitgliedern. Sie haben einen Umsatz von cirka 600 Millionen Euro erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr waren die Studios in sieben von zwölf Monaten geschlossen. Das führt zu einem Stammkundenrückgang zwischen 25 bis 30 Prozent. Ohne weitere Förderungen nach der Öffnung werden viele Betriebe dieses Jahr nicht überleben. Wir gehen dabei von mindestens 30 Prozent aus. Auch in Tirol sind 20 bis 30 Prozent der Fitnessbetriebe in existenzbedrohender Lage. Der Mitgliederverlust liegt derzeit bei ca. 30 Prozent und wird von Monat zu Monat höher. Wir fordern deshalb eine Mehrwertsteuersenkung ähnlich wie in der Gastronomie oder die Absetzbarkeit von Firmenfitnessabos.
 
Allerortens poppen Werbungen für Onlinekurse und Home-Fitness-Abos auf, für die man sich teilweise ein Jahr binden muss und die mit entsprechenden Kosten verbunden sind. Kosten diese Abos für Zuhause den Fitnessstudios am Ende zusätzlich Kunden?
Der grundsätzliche Gedanke, sich Zuhause eine Anleitung zum Sport zu holen ist legitim und gut, doch das darf nicht auf Kosten anderer passieren. Doch das ist, was gerade geschieht. Die Förderungen haben den Clubs in den Monaten der Schließung sehr gut geholfen, jedoch wird kein Betrieb nach der Eröffnung positive Zahlen haben. Es wird mindestens drei Jahre dauern, bis der Kundenstamm wie vor der Krise wieder erreicht wird.
 
Durch Corona hat sich unser Leben vielfach in die eigenen vier Wände verlagert. Wird sich unser Sportverhalten nachhaltig verändern?
Ich spüre in vielen Gesprächen aus den letzten Monaten, dass ein riesiger Wunsch wieder hin zu einer gewissen Normalität besteht und viele ihren Sport endlich wieder ausüben wollen. Viele Menschen vor allem im städtischen Bereich sind aufgrund ihrer Wohnsituation auf externe Sportangebote und Sportstätten angewiesen und wollen diese auch wieder aufsuchen dürfen. Auf der anderen Seite hat es sicher eine Hinwendung zu jenen Sportarten bzw. Sportmöglichkeiten gegeben, die in der Coronazeit möglich sind bzw. waren. Es wird Menschen geben, die das Wandern, Radfahren oder das Skitourengehen für sich entdeckt haben und auch zukünftig dabeibleiben oder es zusätzlich zu ihrer angestammten Sportart weiter betreiben. Nicht vergessen darf man aber die vielen Facetten des Sports, unter anderem die soziale Komponente. Viele Menschen haben jetzt Sport aus der einfachen Motivation heraus getrieben, um sich grundsätzlich fit zu halten, wollen aber sicher wieder das Miteinander, den Austausch und das gemeinschaftliche Erleben von Sport und Erfolgserlebnissen zurück. Grundsätzlich glaube ich, dass es vielleicht eine gewisse Verschiebung geben wird, aber das ursprüngliche Sportverhalten sich nach einer gewissen Zeit des „Herantastens“ wieder einpendeln wird.
 
Wir wurden in den letzten Monaten quasi zum Einzelsport „erzogen“, weil das gemeinsame Trainieren nicht möglich war/ist. Was bedeutet das aktuell für Vereine bzw. wird dies auch langfristige Folgen nach sich ziehen?
Vereine stehen unabhängig von Corona schon vor der Herausforderung, um jedes Mitglied kämpfen und sich bemühen zu müssen. Es wird in vielen Sportarten immer schwerer, gewisse Altersjahrgänge voll zu besetzen und entsprechende Mannschaften zu stellen. Hier ist zu hoffen, dass es durch die coronabedingte Pause keine zu großen Verluste gibt und die Kinder wieder gerne in die Vereine kommen. Wichtig ist aber auch hier, den Vereinen in jedweder Form unter die Arme zu greifen und sie bei ihren eigenen Bemühungen zu unterstützen.
Sport verbindet, führt Menschen zusammen, Sport sorgt für Kommunikation. Im Moment fehlen diese positiven Emotionen, die durch den teils schwierigen Alltag dringend notwendig wären. Sport war gerade jetzt so wichtig wie noch nie, auch als Ventil für die Herausforderungen in beruflicher wie familiärer Hinsicht. Menschen müssen dringend wieder aus dieser sozialen Isolation geholt werden. Leider ist zu beobachten, dass im letzten Jahr auf vielen Ebenen – im politischen, digitalen oder privaten Bereich – eine Abkapselung stattgefunden hat. Die Menschen zementieren sich in ihren Meinungen ein. Wir haben verlernt, einander zuzuhören und uns mit Respekt auf Augenhöhe zu begegnen – diesen Kreislauf müssen wir ehestmöglich durchbrechen.
 
Interview: Marina Bernardi

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