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Life

Miss Döner

6.3.2026

Am Montag hat MISs Döner in der Innsbrucker Innstraße Ruhetag, an allen anderen Tagen steht Sultan Yildirim hinter ihrer Theke. Aufmerksam, präsent, immer in Bewegung, während sich hinter ihr der markante Dönerspieß dreht, halbstündlich frisch gemachtes Brot in den Ofen kommt und knackig-frischer Salat auf seinen Einsatz wartet. Sultan begrüßt Gäste, wechselt ein paar Worte, fragt nach, hört zu. Die meisten kommen regelmäßig, manche seit Jahren, einige mehrmals die Woche, viele kennt sie mit Namen. Ihr Restaurant ist kein Durchgangsort, sondern ein sozialer Raum, der von Nähe lebt. Dass Sultan Yildirim heute hier steht, war so nicht geplant. Zumindest nicht von ihr. „Das war nicht mein Traum“, sagt sie. „Das war der Traum von meinem damaligen Mann.“ Ihr mittlerweile Ex-Mann wollte einen Kebapladen eröffnen, kochte gern und gut, hatte allerdings seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Sultan spricht Deutsch und so war sie es, die verstand, erklärte, übersetzte, Formulare ausfüllte, Kurse besuchte. Sie wollte unterstützen und helfen, selbständig sein wollte sie nicht. „Ich war eigentlich dagegen“, erzählt sie. „Ich wollte mein Leben, meine eigene Arbeit und meine Familie.“ Die Kinder waren noch klein und der anfängliche Kompromiss klang vernünftig: Er würde arbeiten, sie würde helfen, mittags, abends, ein bisschen. Doch aus dem bisschen wurde alles: „Ich bin rein- und nicht mehr rausgekommen.“ Kaum war sie zuhause, klingelte das Telefon. Stress, zu viel los, ob sie kommen könne. Und irgendwann merkte sie, dass aus der anfänglichen Unterstützung eine große Verantwortung wurde. Sultan kaufte ein, organisierte, hielt den Laden zusammen und den Betrieb am Laufen. Als ihr Mann krank wurde, veränderte sich auch die Atmosphäre im Restaurant. Er erzählte den Gästen von seiner Krankheit, wollte darüber reden, vielleicht auch Mitleid und Aufmerksamkeit, Sultan hingegen wollte etwas anderes: „Für mich war wichtig, dass die Leute bei uns gut essen und sich wohlfühlen, nicht, dass sie unsere privaten Probleme kennen.“

Die Unterscheide in Erwartung und Haltung wurden größer, der Konflikt wuchs, nicht laut, aber zermürbend. Sultan arbeitete viel, organisierte, hielt durch. Die Anerkennung dafür jedoch fehlte: „Er konnte mein Tun nicht wertschätzen und es hat geheißen: Du musst das machen“, sagt Sultan. Zunehmend fühlte sie sich selbstverständlich gebraucht, aber nicht gesehen, und sie wurde müde. Nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional. Nach 25 Jahren Ehe trennte sie sich, es war ihre zweite Scheidung: „Bei uns ist das schwierig. Einmal geschieden, das wird noch akzeptiert. Zweimal? Da wird gefragt, ob das Problem nicht bei dir liegt.“ Sultan wusste, was dieser Schritt bedeuten würde, für ihr Ansehen, für ihre Rolle in der Familie und der Community, für ihr Bild als Frau. Sie wusste aber auch: Wenn sie jetzt nicht geht, verliert sie sich selbst. Und ist gegangen. Sultan hat ihrem Mann angeboten, das Geschäft weiterzuführen. Er wollte nicht. Also machte sie es selbst.

Die Freiheit, sein eigenes Leben zu leben

Was folgte, beschreibt Sultan als einen Wendepunkt. Nicht weil sie plötzlich – im wahrsten aller Sinne – allein dastand, sondern weil sich in ihrem Denken etwas Entscheidendes veränderte: „Ich habe gemerkt, dass ich bis jetzt ohnehin schon alles gemacht habe. Und plötzlich war es mein eigener Laden. Ich machte es von nun an für mich.“ Freiheit nennt sie dieses Gefühl. Die bedeutet in diesem Fall nicht weniger Pflicht und mehr Leichtigkeit, sondern Arbeit, Entscheidungen, Verantwortung für Lieferanten und Personal, Rechnungen, Reparaturen. „Am Anfang hab ich Panik bekommen, wenn etwas kaputt gegangen ist, heute habe ich eine Telefonliste von Handwerkern und lache darüber.“ Eine ihrer größten Ängste am Anfang der Selbständigkeit indes hatte weder mit Zahlen, Behörden oder Geld zu tun, sondern mit einem sehr konkreten Detail des Alltags: dem Fleisch. „Das Schwerste war für mich der Dönerspieß“, sagt Sultan im Rückblick und muss selbst ein wenig schmunzeln. Rund 30 Kilo wiegt er, liegt in der riesigen Tiefkühltruhe oft ganz unten, tief und schwer erreichbar. „Du musst dich richtig runterbücken, und wenn du da allein bist, dann denkst du schon kurz: Geht das?“ Es ging. Wie so vieles. Der Spieß wird eingehängt, Tag für Tag und was am Anfang wie eine unüberwindbare Hürde schien, schrumpfte mit der Erfahrung. „Heute ist das kein Thema mehr“, sagt sie. „Damals war das mein größtes Problem.“ Es ist eine dieser kleinen, unspektakulären Geschichten, die viel darüber erzählen, wie Selbstständigkeit tatsächlich funktioniert: weniger als große Vision, sondern als Aneinanderreihung von Momenten, in denen man etwas Schweres anhebt und merkt, dass es geht.

Die neu gewonnene Freiheit hatte aber auch ihre nicht so schönen Seiten. Nach der Trennung nahm Sultan wenig mit. „Nur meine Bücher und meine Kleidung.“ Es gab eine Zeit, in der sie quasi zwischen Umzugskartons schlief. Die Wohnung war leer, der Kopf voll. Ihr Laden wurde ihr Halt: „Die Arbeit war für mich wie eine Therapie. Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, war abends immer sehr müde und das war gut.“ Heute sagt sie ohne Zögern: „Es war der beste Schritt meines Lebens.“

Von allem das Gute

Sultan Yildirim ist als Gastarbeiterkind nach Österreich gekommen. Mit fünf Jahren reiste sie mit dem Zug aus der Türkei nach Innsbruck, nachdem ihre Eltern bereits hier gearbeitet haben und sie mit ihren drei Geschwistern bei der Großmutter lebte. „Das war eine schöne Zeit. Meine Oma war eine osmanische Frau, mit viel Liebe.“ Sie lebten auf einem kleinen Bauernhof, es gab viele Tiere, die Eltern kamen regelmäßig zu Besuch und brachten Geschenke aus Österreich mit. Als Sultan ins Land kam, war anfangs eine diffuse Angst da, auch der Eltern davor, die eigene Kultur zu verlieren: „Man hat uns gesagt, passt auf, die Österreicher sind nicht so nett und man soll nicht so viel Kontakt mit ihnen haben.“

Die Eltern arbeiteten viel, mit dem klaren Ziel, Geld zu verdienen, um irgendwann zurückzukehren. Doch dieses Zurückkehren fand nie statt. Die Kinder wurden größer, das Leben verankerte sich und in der Pubertät begann Sultan zu verstehen, dass die Warnung von damals nicht stimmte und dass das Leben zwischen den Kulturen kein Entweder-Oder sein muss, sondern man voneinander lernen und wählen kann. „Man kann von überallher etwas nehmen“, beschreibt es Sultan. „Die guten Dinge behalten, die schlechten weglassen.“ Das tat sie konsequent. Schon für die junge Sultan spielte Bildung dabei eine wichtige Rolle. Sie erinnert sich an Lehrerinnen, die sie unterstützt und gefördert haben, an Schule als Ort der Ermutigung. Während andere sich zurückzogen, wollte Sultan immer hinaus. Sie war Obfrau des Frauenvereins für Bildung und Kultur, engagierte sich für türkische Mädchen und Frauen, unterstützte Bildung, Dialog und Selbstständigkeit. „Ich kann nicht nur daheimsitzen. Ich muss raus und was tun.“

Diese selbstbestimmte Haltung zieht sich durch ihr gesamtes Leben und auch in ihren Glauben. Seit rund 20 Jahren trägt Sultan Kopftuch – nicht aus Zwang oder Anpassung, sondern aus eigener Entscheidung. „Für meine Eltern war das sehr schwierig. Sie haben gesagt: Du bist doch so modern, warum das?“ Für Sultan war es ein bewusster Schritt, dem eine tiefe Auseinandersetzung mit dem islamischen Glauben vorausging. Sie hat viel gelesen, hinterfragt, sich informiert, gleichzeitig war es ein Statement: „Ich habe gespürt, dass die Leute denken, Kopftuchträgerinnen können nur putzen und kochen und sonst nichts.“ Sultan wollte das Gegenteil zeigen, nicht laut, nicht kämpferisch, sondern konsequent und mit Haltung. Vorurteile erlebt sie bis heute, weniger oft zwar, aber immer noch vorhanden. Fragen, Blicke, Kommentare, Diskussionen darüber, dass sie in ihrem Restaurant keinen Alkohol verkauft. „Ich verkaufe nichts, was ich nicht selber esse und trinke“, argumentiert sie. „Das ist mein Konzept und wer es nicht akzeptiert, muss halt wieder gehen.“ Die meisten bleiben.

MISs Döner ist bewusst offen gestaltet, farbenfroh, fröhlich. Jede Ecke sieht anders aus, jeder findet hier seinen Lieblingsplatz und den gern immer wieder neu. „Ich bin bunt, weil meine Gäste bunt sind“, beschreibt Sultan. „Essen verbindet die Menschen und das ist etwas sehr Schönes. Du kannst dich hierhin setzen oder dort, du bist immer willkommen!“ Essen als gemeinsamer Nenner, Gespräche als verbindendes Element. Viele Gäste sind über Jahre geblieben, manche sind Teil ihres Alltags geworden. „Ich sehe meine echte Familie viel seltener als manche meiner Gäste.“ Wenn Stammgäste länger nicht kommen, schreibt sie ihnen, fragt nach – nicht aus Kalkül, sondern aus echtem Interesse. Menschen erzählen ihr ihre Geschichten von Liebeskummer und Sorgen, von Neuanfängen und Babys. Manche Kinder kennt Sultan, seit sie klein sind, heute kommen sie mit ihren ersten Freunden. Das alles, sagt Sultan, kann man nicht kaufen.

Sultan arbeitet viel. Von zehn Uhr vormittags bis zehn Uhr abends steht sie meist selbst im Laden, backt Brot, achtet penibel auf Sauberkeit, ist präsent aus Überzeugung: „Man muss da sein“, sagt sie. „Und menschlich bleiben“, weil sie weiß, wie hart das Leben sein kann und wie es ist, wenig zu haben. „Ich kann ein trockenes Brot mit Zwiebeln essen. Das schmeckt mir und ich bin glücklich. Das ist viel besser, als viel Geld zu haben, und trotzdem unglücklich zu sein.“

Frauen stärken

Sultan liegen vor allem andere (türkische) Frauen am Herzen, die Ähnliches erlebt haben. Frauen, die bleiben, obwohl sie unglücklich sind – aus finanzieller Abhängigkeit, aus Rücksicht auf andere. „Warum leben wir für andere Leute“, fragt Sultan. „Sie reden sowieso. Warum kümmern wir uns darum?“ Irgendwann habe sie entschieden, dass das nicht mehr ihr Maßstab sein soll. „Ich lebe jetzt mein Leben!“ Das ist die wahrscheinlich schönste Erkenntnis, die man haben kann. Es war ihre Oma, die ihr einen Satz mitgegeben hat, den sie nie vergessen habe: Wenn es dir schlecht geht, schau zurück und vergiss nicht, wo du herkommst. Und vergiss deine Menschlichkeit nicht. Vielleicht es ist genau das, was Sultan Yildirim und ihre Geschichte ausmacht. Dass sie sich erinnert, an die Oma im Dorf, an das Kind im Zug, an die Frau nach der Scheidung, ohne viel Geld, aber mit Willen. Und dass sie aus ihrem Leben keinen Mythos macht, sondern ihren Alltag. Sie erzählt nicht, um zu beeindrucken, sondern um zu zeigen, was möglich ist, wenn man Verantwortung übernimmt – für andere und vor allem für sich selbst.

Am heurigen Valentinstag hat Sultan auf Facebook geschrieben, dass Liebe zu groß sei für einen einzigen Tag. Dass Liebe bedeutet, jeden Tag zu fühlen, zu leben, zu teilen, dass ihre Gäste ihre Motivation seien, ihre Freude, ein Stück Familie. Und vielleicht ist genau das der Punkt: In einer Zeit, in der Zugehörigkeit wieder verhandelt wird und Menschlichkeit unter Druck gerät, steht Sultan Yildirim hinter ihrer Theke und tut, was sie immer getan hat: Sie öffnet einen Raum – für Essen, Gespräche und Respekt. „Liebe geben, Liebe nehmen“ steht an der Wand geschrieben. „Wenn ich Liebe gebe, dann kommt sie auch zurück. Manchmal nicht gleich, dann muss man ein bisserl Geduld haben“, ist Sultan überzeugt und zeigt damit, dass Mut manchmal ganz leise daherkommt. Und genau deshalb so stark ist.


Text: Marina Bernardi
Fotos: Dino Bossnini

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