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Wirtschaft

Shakespeare oder Sollzins

15.6.2021

Das Wirtschaftswissen ist in Österreich unterentwickelt. Daran ist das Bildungssystem nicht unschuldig.

Die damals 17-jährige Schülerin Naina hat im Jahr 2015 via Twitter eine bildungspolitische Debatte losgetreten. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb Naina damals. Dieser Umstand für sich genommen ist noch lange kein Grund, die Schulen bis auf die Grundmauern niederbrennen zu wollen. Er kann Anlass sein, sich ernstlich mit der Frage auseinanderzusetzen, was das Bildungssystem heutzutage leisten und inwiefern es junge Menschen ertüchtigen soll, selbstbestimmt und selbstbewusst an ökonomischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt demokratischen Prozessen teilzuhaben. 

Wem es völlig am grundlegenden Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge fehlt, der wird letztlich in dieser Gesellschaft auch nicht sein volles Potenzial ausschöpfen und selbige mitgestalten können. Beim Wissen um die Grundzüge unseres politischen Systems verhält es sich ähnlich. Wer nichts weiß oder nichts wissen will, über dessen Kopf wird einfach hinwegentschieden. 


Wirtschaft bewegt

Die Kräfte der Wirtschaft rühren im Weltgeschehen um, mindestens ebenso viel wie jene der Politik, wenn nicht sogar stärker. Und dennoch stehen weite Teile der Bevölkerung der Wirtschaft desinteressiert gegenüber. Es fehlt an wirtschaftlicher Kompetenz und grundlegendem Wissen, das sich eigentlich in der Schule mit relativ geringem Mehraufwand vermitteln ließe. 

Studien zeigen, dass österreichische Schüler allgemein zu wenig über die Grundbegriffe und Funktionsmechanismen des Finanz- und Wirtschaftslebens Bescheid wissen. Viele lernen erst später etwas darüber, nicht selten auf die harte Tour. Schon vor der Coronakrise galten 700.000 Österreicher als überschuldet. Einer der Hauptgründe dafür ist irrationales Konsumverhalten, das nicht den eigenen finanziellen Möglichkeiten angepasst ist. Wie man sich denken kann, ist die Lage durch die Krise nicht besser geworden. Dass den Menschen einerseits Überkonsum – ein Leben über die Verhältnisse – vorgehalten wird und andererseits höchst professionalisiert Bedürfnisse geweckt werden, die Menschen zum Konsum animieren, ist eine der Ambivalenzen, mit denen man heutzutage unweigerlich konfrontiert ist. Bettina Fuhrmann, die das Institut für Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien leitet, konstatiert nach einer Studie der WU, dass den Schülern in Österreich das ganzheitliche Verständnis von Wirtschaft fehle: „Die österreichischen Schülerinnen und Schüler sind sich bewusst, dass sie Wissenslücken im Wirtschaftsbereich haben, und zeigen auch großes Interesse daran, Wirtschaftsthemen besser zu verstehen. Es fehlt ihnen jedoch das ganzheitliche Verständnis. Sie fühlen sich nur marginal von der Wirtschaft betroffen und nicht als aktiver Teil des Wirtschaftskreislaufes.“

Beim Thema Wirtschaftsbildung wird allgemein Handlungsbedarf geortet. Doch bevor das hehre Ziel der Stiftung erst einmal in Griffweite rückt, muss Wirtschaftsbildung im Bildungssystem verankert werden, müssen Pädagogen abseits von Schulen mit Wirtschaftsfokus mit faktischem wie didaktischen Wissen unterstützt werden und nicht zuletzt in weiten Teilen der Bevölkerung erst einmal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass überhaupt etwas im Argen liegt. Ob es zur Vermittlung des kleinen Einmaleins der Wirtschaft ein eigenes Fach braucht, ist nicht abgemacht, schaden würde das jedenfalls nicht. Gänzlich unverzichtbar erscheint es, bestehende Lehrpläne dahingehend anzupassen, dass diese mehr mit der Lebensrealität junger Menschen zu tun haben. Gedichtanalyse ist gut und wichtig, die Kunst, ein in Form und Inhalt makelloses oder zumindest annehmbares Bewerbungsschreiben abzuliefern, aber auch nicht gänzlich zu verachten. Diesbezüglich hätte wohl fast jedes Unternehmen die eine oder andere schaurige Geschichte zu erzählen, weil die Qualität von Bewerbungen leider allzu oft unterirdisch zu sein scheint und sich junge Menschen damit Lebenschancen berauben. 

Allerdings darf man getrost davon ausgehen, dass die Gedichtanalysen der Jugendlichen, die keine ansatzweise vernünftige Bewerbung zustande bringen, wohl auch keine besondere Offenbarung sind. Ähnlich dürfte die Situation in der Mathematik gelagert sein, deren Rolle als Werkzeug zur Modellierung von realen Problemen im Unterricht unterentwickelt ist. Ein zeitgemäßer Mathematikunterricht sollte daher nicht nur mathematisches Faktenwissen und schematische Lösungsverfahren vermitteln, sondern auch die Ausbildung der Fähigkeit, mathematisches Wissen flexibel in kontextbezogenen Problemstellungen einsetzen zu können. Die Probleme sollten dabei derart gestaltet sein, dass sie den Schülern die Bedeutung von Mathematik in unserem Leben aufzeigen, einen Bezug zur Lebenswelt der Schüler herstellen und gezielt das eigenständige Denken schulen. 

Text: Marian Kröll
Aus: eco.nova Nr. 05 / Juni 2021

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