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Wirtschaft

Mensch und Maschine

31.5.2024

AI (Artificial Intelligence) bzw. KI (Künstliche Intelligenz) ist momentan in aller Munde, medial on- und offline fast omnipräsent. Das ist unter aufmerksamkeitsökonomischen Gesichtspunkten nachvollziehbar, der Geist aus der Maschine fasziniert. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ verspricht aber wahrscheinlich mehr, als er zu halten vermag.

In der Informatik sieht man das Thema überwiegend nüchterner und Machine- bzw. Deep Learning, das auf statistischen Algorithmen basiert. Die vermeintliche „Intelligenz“ des Computers ist dementsprechend Algorithmen im Zusammenspiel mit Daten geschuldet. Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT & Co. sind nichts anderes als computerlinguistische Wahrscheinlichkeitsmodelle, die auf Basis von Trainingsdaten etwas über die statistische Verteilung von Wort- und Satzfolge-Beziehungen gelernt haben. Das ist bedeutend weniger glanzvoll und aufregend als das Schwadronieren über die KI, die den Menschen ersetzen/überflüssig machen/verdrängen oder gar unterjochen möchte. Dabei kann KI gar nichts mögen oder ablehnen. Sie hat, anders als wir Menschen, keine Agency, keine intrinsische Motivation, keine Hintergedanken. Sie wird uns genauso wenig überflüssig machen wie Webstuhl, Dampfmaschine, elektrischer Strom oder Computer.

Es ist eine wohlbekannte Melange aus Medienlogik, Sensationalismus und Angstlust, die den KI-Hype beflügelt. Das anthropomorphe Gerede von der KI ist verlockend. Man macht sich wohl lieber Gedanken über den Zeitpunkt, an dem der Mensch – nunmehr intellektuell von seiner Schöpfung überrundet – zum alten Eisen gehört, der Kreateur sich vor seiner Kreatur zu schämen beginnt. Der österreichische Technikphilosoph Günther Anders hat das in seinem Opus magnum „Die Antiquiertheit des Menschen“ als „prometheische Scham“ bzw. Dingscham bezeichnet. Der Mensch schämt sich dafür, gerade kein Ding zu sein. Diese Scham entsteht nach Anders aus dem Gefühl der Unvollkommenheit, das der Mensch gegenüber seinen perfekten Produkten empfindet. Dieses perzipierte Gefälle geht sogar so weit, dass Menschen aus Fleisch und Blut – überwiegend Männer – in ihrer fortgeschrittenen digitalen Vereinsamung Beziehungen mit ihren Chatbots eingehen. Das erschöpft sich nicht in reiner Konversation, sondern dient auch der romantischen Erbauung und sogar erotischen Zweisamkeit, an der ebenso pikanten wie klebrigen Schnittstelle zwischen der Gefährtin aus Bits und Bytes im digitalen Äther dort und dem Tschurifetzen*, den der große Georg Danzer so unnachahmlich besungen hat, in der schnöden Analogwelt da. Da bekommt der Begriff Autoerotik gleich eine neue, hintersinnige Bedeutung. Das ist schon für sich genommen irgendwie sad, aber letztlich nichts anderes als ein Symptom der kollektiven Vereinzelung. Das Internet stiftet letztlich nicht Community, sondern ein trauriges Nebeneinander einsamer Individuen. Der Chatbot gibt sich mit einem ab, und für ein paar Euro Aufpreis macht er sogar Schweinkram.

Recht und Ordnung

Die EU ist nicht perfekt, aber immerhin bemüht. Wenn es darum geht, die Interessen ihrer Bürger*innen im Zusammenhang mit der Digitalisierung zu wahren, ist sie Vorreiterin. Das zeigte sich schon beim Datenschutz und wiederholt sich in der maßvollen Regulierung von AI. Natürlich tut sich Europa damit leichter, weil die überreichen Tech-Bros dieser Erde mit ihren Digitalkonzernen überwiegend woanders beheimatet sind. Wenn von denselben immer vollmundigere KI-Ankündigungen ventiliert werden, sollte man die Motivlage dahinter mitdenken. Diese Menschen halten große Teile ihrer Vermögen in Tech-Aktien, die Fieberkurve des KI-Hype korreliert mit den Aktienkursen. Hype ist gut fürs Geschäft.

Dieser Tech-Elite kommt es durchaus zupass, dass in Bezug auf die Künstliche Intelligenz eine beinahe babylonische Sprachverwirrung herrscht und fast niemand genau benennen kann oder will, was nicht aus den Augen verloren werden sollte. Die technologische Singularität ist es vorerst einmal nicht. KI wird nicht die Weltherrschaft übernehmen. Die Mächtigen geben ihre Macht nicht her. Was die KI in ihrer überhaupt nicht umweltfreundlichen Wolke – der Cloud-Begriff ist für sich genommen ein Euphemismus – schon heute tut, ist Ressourcen fressen. Energie, Metalle, Seltene Erden, you name it. Ob immer mehr Rechenleistung dafür sorgen kann, dass der KI irgendwann so etwas wie ein Bewusstsein wächst, kann man aus heutiger Sicht nicht sagen. Die KI hat noch ein enorm tiefes Uncanny Valley** zu durchschreiten, ehe man ihr auf ganzer Linie menschliche Qualitäten attestieren könnte. Grund genug, uns damit zu befassen, was es in der Substanz eigentlich noch ist, das uns von unseren Maschinen trennt und abhebt. Es wird freilich in der Wirtschaft auch kritisch beäugt, dass die EU der KI Fesseln anzulegen gedenkt. Dadurch geriete Europa ökonomisch bloß noch mehr ins Hintertreffen, wird allenthalben gewarnt. Man wird sehen, ob die Warner vor der überschießenden KI oder der überschießenden KI-Regulierung Recht behalten werden.

Die KI träumt nicht von elektrischen Schafen

Der KI wird zwar attestiert, sie verbessere sich laufend selber. Ohne menschliches Zutun ist das aber kaum zu bewerkstelligen. Das zeigt folgendes Zitat, übersetzt aus Phil Jones „Work without the Worker“: „Diese automatisierte Traumwelt ist mehr Fantasie als Realität. Hinter den Suchmaschinen, Apps und intelligenten Geräten stehen Arbeiter, oft solche, die an den Rand unseres globalen Systems gedrängt sind, die in Ermangelung anderer Möglichkeiten gezwungen sind, Daten zu bereinigen und Algorithmen für wenig mehr als ein paar Cents zu überwachen. Die Feeds von Facebook und Twitter (nunmehr X, Anm. d. Red.) scheinen gewalttätige Inhalte mit automatischer Präzision wegzuwischen, aber Entscheidungen darüber, was Pornografie oder Hetze ist, werden nicht von Algorithmen getroffen. Eine Gesichtserkennungskamera scheint von sich aus ein Gesicht in einer Menschenmenge zu erkennen, ein autonomer Lastwagen fährt ohne menschliches Zutun. Doch in Wirklichkeit besteht die Magie des maschinellen Lernens in der mühsamen Arbeit des Data-Labeling. Hinter den Cargo-Kult-Ritualen des Silicon Valley verbirgt sich die zermürbende Arbeit, Hassbotschaften auszusieben, Bilder zu kommentieren und Algorithmen zu zeigen, wie man eine Katze erkennt.“

Es tut sich dennoch sehr viel im KI-Bereich. So wurde unlängst ChatGPT 4.0 ausgerollt. Das kleine o steht dabei für omni und gibt die Marschrichtung von OpenAI vor: „Das ist ein Schritt in Richtung einer viel natürlicheren Mensch-Computer-Interaktion. ChatGPT 4.0 akzeptiert als Eingabe eine beliebige Kombination von Text, Audio, Bild und Video und erzeugt eine beliebige Kombination von Text-, Audio- und Bildausgaben.“ Von so etwas wie einem Bewusstsein ist die KI dennoch weit entfernt. Man setzt anscheinend darauf, dass vor allem mehr Daten mehr Qualität bringen. Computerwissenschaftler Mike Pound hat diese Hoffnung so formuliert: „Man zeigt genug Katzen und Hunde, und irgendwann ist der Elefant impliziert.“ Der Geist ist aus der Flasche, die Künstliche Intelligenz entwächst recht rasant ihren Kinderschuhen. Sie redet mit uns, produziert (zunehmende bessere) Bilder und auch Videos und imitiert uns immer besser. Das öffnet das Tor zur totalen Desinformation einen Spalt weiter. Vielleicht passiert aber auch nichts. Zumal es diesbezügliche Befürchtungen auch schon mit dem Aufkommen von Photoshop und CGI gegeben hat. Beides hat uns nicht ins Verderben geführt, sondern lediglich zu großartigen Memes und einer Schwemme vergessenswerter Marvel-Movies.

KI kann, ihren klugen Einsatz vorausgesetzt, unserer Produktivität – und damit der Wirtschaft – auf die Sprünge helfen. Das wird vermutlich noch immer nicht dafür sorgen, dass wir alle weniger arbeiten dürfen/können/sollen/müssen, weil das der inhärenten kapitalistischen Logik zu widersprechen scheint. Sei’s drum. Dune-Autor Frank Herbert (1920–1986) wusste bereits vor Jahrzehnten um des Pudels Kern: „What do such machines really do? They increase the number of things we can do without thinking. Things we do without thinking – there’s the real danger.” Schöne neue Welt der Koexistenz zwischen Künstlicher Intelligenz und – mit Blick aufs Weltgeschehen sei diese flapsige Einschätzung gestattet – natürlich gewachsener Dummheit (treffender wäre wohl Ignoranz). Die KI ist gekommen, um zu bleiben. Gerade deshalb sind, gewissermaßen als Gegengewichte, wieder mehr Menschenverstand und Vernunft gefordert.


Text: Marian Kröll


* Georg Danzer - Ballade vom versteckten Tschurifetzen. Dabei handelt es sich um ein Intimpflegetuch für besondere Anlässe.


** Uncanny Valley: Phänomen, dass bei steigendem Grad an Realismus künstlicher Figuren / Intelligenz ein bestimmter Punkt erreicht wird, an welchem die Figur / Intelligenz nicht mehr als realistisch akzeptiert wird, sondern vornehmlich Unbehagen aus löst.

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