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Zukunft

Mensch vor Maschine

6.12.2021

„Der Mensch steht in Mittelpunkt, nicht die Technologie."

Der Osttiroler Hermann Erlach ist als General Manager von Microsoft Österreich sehr nahe am technologischen Puls der Zeit. 


eco.nova: Wir bewegen uns heute mit dem Internet und allen darauf aufsetzenden Technologien, der Miniaturisierung der Hardware, immer leistungsstärkeren Smartphones, Apps und Cloud-Dienstleistungen in einer hochvernetzten Welt, in der fast alles mit allem zusammenhängt und zunehmend auch kommunizieren kann. Wie wird die Entwicklung aus Ihrer Sicht weitergehen? Steht uns – die Debatte hat vor allem Facebook jüngst angestoßen – tatsächlich so etwas wie ein Metaversum ins Haus?

Hermann Erlach: Die Technologiesprünge sind zwar enorm, gleichzeitig hat sich unsere Welt nur relativ wenig verändert, was die Abläufe, das Change Management und vor allem die menschliche Anpassungsfähigkeit betrifft. Wir sind als Menschen nicht wirklich viel schneller geworden. Die Technologien überholten uns teilweise, der Mensch hält mit dieser Entwicklung kaum Schritt. Das heißt, dass sich die Innovationsgeschwindigkeit an die Organisationen und Menschen anpassen wird müssen. Der Mensch steht im Mittelpunkt und nicht die Technologie. Davon sind wir bei Microsoft überzeugt. Ich bin kein Freund der Überregulierung, weil sie immer Innovationskraft bremst, aber bei gewissen Themen wie der Künstlichen Intelligenz müssen Regulatorien und Governance-Models geschaffen werden, die den Umgang mit diesen Themen regeln. Das Wichtigste ist mir persönlich, die Perspektive dahingehend zu verändern, dass wir mehr über die vielen Chancen der Veränderung reden und weniger über die Ängste und Gefahren. Darüber, wie uns die Technologie dabei helfen kann, die großen Zukunftsthemen zu bewältigen. In der Nachhaltigkeit – ein sehr wichtiges Thema – spielt die Technologie eine entscheidende Rolle, auch die Lehren aus Corona sind teils nur mit Technologie zu beherrschen. Von vielen unserer Kunden bekommen wir die Rückmeldung, dass – wesentlich auch durch die stärkere Verbreitung des Homeoffice bzw. der Remote Work – die Menge der Informationen rasant gestiegen ist. Wir haben als Microsoft begonnen, mit Technologie diese Informationsflut beherrschbar zu machen.


Ist damit das sogenannte Digital Wellbeing gemeint, das Microsoft seit geraumer Zeit zu verfolgen scheint? 

Ja. Wir haben jahrelang auf den Produktivitätsfaktor gesetzt, der natürlich immer noch wichtig ist. Der nützt aber nichts, wenn es den Menschen nicht gut geht und sie nicht produktiv arbeiten können, weil sie aus allen Richtungen über sämtliche Kanäle gleichzeitig mit Daten und Informationen zugeschüttet werden. Um das wieder beherrschbar zu machen, muss man Technologie, insbesondere Cloud-Technologien, einsetzen. 


Liegt die Zukunft in der Cloud und im Ansatz „Everything as a Service“?

Ich bin kein Cloud-Sektierer. Es wird immer hybride Anwendungsszenarien geben, aber auch Dinge, die mittlerweile reine Cloud-Themen geworden sind. Viele denken noch in der Entweder-oder-Kategorie: Mache ich etwas in der Cloud oder vor Ort, On-Premise? Das hat sich teilweise erübrigt. Modern-Workplace-Themen sind reine Cloud-Themen. Sobald es sich um Kollaboration und Kommunikation dreht, geht es in die Cloud. 


Innovation will auch Probleme lösen und Bedürfnisse wecken. Wie sieht Ihre Perspektive dazu aus? 

Der Innovationsbegriff ist ein sehr breiter. Man kann ihn sich als mehrstufige Pyramide vorstellen. Ganz unten steht die Modernisierung. Da wird vieles als Innovation verkauft, was eigentlich Modernisierung ist. Es ist leichter, bestehendes moderner zu machen als fundamental Neues ins Unternehmen zu bringen. Auf der zweiten Ebene stehen sogenannte Use Cases. Dahinter steckt tatsächlich ein Innovationsprozess. Ausgehend von konkreten Anwendungsfällen werden digitale Prozesse neu gebaut und dadurch Innovation geschaffen. Ganz oben auf dieser Pyramide steht ein Thema, das selten ist, über das aber am meisten gesprochen wird: Digitale Transformation. Das ist tatsächliche Änderung bzw. signifikante Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. 


Welche (auch digitalen) Kompetenzen sollten junge Menschen heutzutage aufbauen?

Im Zentrum muss die Frage stehen, welche Kompetenzen braucht es, um Innovation treiben zu können? Wir müssen mehr Menschen mit Fachkompetenzen, die wir brauchen, nach Österreich bringen. Das ist aber leider politisch ein sehr schwieriges Thema. Von den Arbeitskräften in Österreich würde ich mir mehr Mobilität wünschen, sowohl physisch als auch geistig, im Hinblick auf das lebenslange Lernen. Das ist in weiten Teilen der Bevölkerung noch zu wenig angekommen. Ich bin außerdem überzeugt davon, dass die Digitalisierung vor allem interdisziplinäre Skills treiben wird. Reine Fachexpertise genügt nicht mehr. Zweitens: Digitalisierung hängt mit Nachhaltigkeit zusammen. Wer keine Daten managen kann, kann auch keine Nachhaltigkeit managen. Dabei geht es nicht darum, gewisse Prozesse nicht mehr zu machen, sondern sie digital anders zu machen. Ein weiteres Thema ist der versierte Umgang mit digitalen Plattformen, um Innovation zu beflügeln, und das vierte Thema – ein Herzensanliegen von mir – beinhaltet Sicherheit, Datenschutz und Compliance. Das ist enorm wichtig, kann aber gerade für Österreich bei falscher Anwendung zum Innovationskiller werden. So kann etwa ein falsch interpretierter Datenschutz jede Innovation vernichten.


Interview: Marian Kröll
Aus: eco.nova Nr. 12 / Dezember 2021

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