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Zukunft

Altersgerecht altern

5.10.2021

Jeder will alt werden, keiner will alt sein.

Assoziationen mit dem Alter sind häufig negativ besetzt. „Alt sein“ beinhaltet für uns in gewisser Weise alles, was wir nicht sein wollen. In unserer Gesellschaft geht es darum, gesund, fit, aktiv und unabhängig zu sein. Das Alter ist quasi das Gegenbeispiel dazu. Wir haben mit Bernhard Weicht vom Institut für Soziologie der Universität Innsbruck gesprochen. 


eco.nova Ändert sich der Zugang zum Altern mit den Generationen? Denken unsere Großeltern anders darüber, als wir das tun?

Bernhard Weicht: Ja, der Prozess des Alterns verändert sich. Es gibt mittlerweile eine Phase, die wir in der Soziologie das „dritte Alter“ nennen. Man ist bereits in Pension – früher stand dieser Zeitpunkt wohl am ehesten fürs Altwerden –, aber trotzdem noch aktiv und quasi mitten im Leben. Davon abgetrennt steht letztlich das vierte Alter, jenes, in dem man fürchtet, vermehrt von anderen abhängig zu werden, eventuell Pflege zu brauchen und körperlich oder geistig zu verfallen. Diese Abgrenzung ist eine gesellschaftlich sehr wichtige, denn es erlaubt uns die Vorstellung, dass wir losgelöst von der Zahl des Alters fit, aktiv und unabhängig sind, auch wenn das ein Trugschluss ist.


Was ist der Trugschluss daran? 

Wir sind in Wahrheit nie richtig unabhängig, weil wir zeit unseres Lebens Hilfe von anderen brauchen. Diese Abhängigkeiten verändern sich natürlich, manchmal braucht man mehr, manchmal weniger oder eine andere Art von Hilfe. Doch die Vorstellung an sich, man sei unabhängig und autonom, die stimmt so nicht. Deshalb müssen wir uns auch vom Gedanken lösen, dass es eine klare Grenze zwischen „jung“ und „alt“ gibt.


Beziehungen tragen uns durch unser ganzes Leben. Ist der Mensch generell nicht fürs Alleinsein gemacht? 

Nein, ist er nicht. Das ist aus soziologischer Sicht sehr eindeutig. Es gibt uns nur durch unsere Beziehungen, ohne andere könnten wir nicht sein. Die Abhängigkeit voneinander, das Einander-Brauchen macht uns erst zu dem, was wir sind. Die Herausforderung ist, zu erkennen und zu akzeptieren, dass diese Beziehungen ganz unterschiedlich ausgeformt sein können. Es gibt Beziehungen, in denen beide gleich viel geben, und es gibt Arten, in denen einer (phasenweise) stärker abhängig ist vom anderen. Mit Letzterem – diesem Abhängig-Sein – tun wir uns sehr schwer; wenn wir Hilfe brauchen, ohne konkret etwas zurückgeben zu können.


Sie beschäftigen sich unter anderem mit dem Thema des altersgerechten Alterns und damit einhergehend den unterschiedlichen Modellen des Wohnens. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis daraus? 

Auch hier ist der wichtigste Aspekt der, dass Menschen Beziehungen brauchen, den Austausch und soziale Strukturen. Das verlangt auch beim Wohnen im Alter nach neuen Lösungen. Wir müssen erkennen, dass es mehr gibt als das Leben daheim auf der einen und das Pflegeheim auf der anderen Seite, sondern ganz viele Dinge dazwischen und damit verschiedene Varianten eines Zuhauses. Leben im Alter bedeutet nicht das eine oder das andere Extrem, sondern Vielfalt. Das zu erkennen, ist für uns als Individuum wichtig, aber auch als Gesellschaft. 


Familienmodelle ändern sich, die Großfamilie kenne viele nur mehr vom Hörensagen. Die jetzige junge Generation wird vermutlich weniger gewillt sein, ihre Eltern zu pflegen, als es aktuell noch geschieht. Das wird das Problem langfristig zusätzlich verstärken, wenn die Carearbeit im eigenen Familienverbund wegfällt. Was heißt das für die Zukunft? 

Die Pflege von Angehörigen ist ein schwieriges und sensibles Thema. In erster Linie sind es Frauen, die die Arbeit verrichten, und zwar in der Regel jene, die selbst schon über 60 und damit in Pension sind. Denn damit wird es überhaupt erst möglich, die Pflegearbeit zu übernehmen, in Anbetracht dessen, dass viele Frauen heute Vollzeit arbeiten gehen (müssen) und es auch definitiv gewünscht ist, dass wir alle länger arbeiten. Je weiter sich die Pflegearbeit – altersmäßig – also nach hinten verschiebt, desto mehr kämpfen pflegende Angehörige selbst mit eigenen körperlichen Problemen. Das ist dann oft keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. 


Wird sich die Pflege grundsätzlich ändern müssen? 

Unbedingt und ich wundere mich, dass in dieser Hinsicht nicht wirklich etwas geschieht. Corona hat viele Probleme sehr deutlich gemacht, vorhanden waren sie schon vorher. Bekannt auch. Zu Anfang der Pandemie war das Thema der Pflege sehr präsent, nun ist es aus der öffentlichen Debatte schon wieder verschwunden. Als die 24-Stunden-Kräfte aus dem Ausland nicht ins Land durften, war die Aufregung groß und es hat sehr eindrucksvoll gezeigt, wie prekär die Lage tatsächlich ist, doch das ist recht rasch wieder in den Hintergrund gerückt. Wir brauchen ein gesamtheitliches Umdenken und ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass es das nicht zu geben scheint. Was passiert, sind kleine Veränderungen. Wenn ein konkretes Problem auftaucht, wird dafür punktuell eine Lösung geschaffen, aber es fehlt das große Ganze. Doch es muss ein Umdenken geben, wie man Betreuung und Pflege künftig organisiert bekommt. Ich sehe es aber noch nicht passieren.


Interview: Marina Bernardi
Fotos: Andreas Friedle
Aus: eco.nova Nr. 10 / Oktober 2021

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