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Zukunft

Das Bildungs-Dilemma

8.6.2021

In Pflicht- und allgemeinbildendenden Schulen findet Wirtschafts- und Finanzbildung kaum statt. Das hat paradigmatische Gründe. 

Seit Langem werden Kämpfe darüber ausgefochten, was als bildungswirksamer Unterricht gilt. Es wird über Bildungsideale und -systeme verhandelt und darüber, ob Bildung per se zweckfrei sein muss oder auch nutzbringend sein darf, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Was die Allgemeinbildung betrifft, überwiegt erstere Ansicht. Wirtschafts- und Finanzwissen gelten allerdings gemeinhin als berufliches Wissen, das folglich zweckdienlich und deshalb qua definitionem nicht allgemeinbildend ist. 

Darüber kann man freilich streiten, hat Bildung an sich doch den Auftrag, Menschen klüger zu machen und zur gesellschaftlichen Teilhabe zu befähigen. Und auch das mit dem Zweck hat seine Tücken. Für einen späteren Ägyptologen ist in der Pflichtschule erworbenes Wissen über ägyptische Geschichte (zeitverzögert) durchaus einkommensrelevant und hat damit einen deutlichen Zweck. Auf der anderen Seite muss man zweckorientiertes Wissen später nicht unbedingt auch zu dessen Zweck nutzen. „Was ich in der Diskussion darüber, ob Wirtschaft ein allgemeinbildendes Fach sein soll, noch immer häufig wahrnehme, ist die Vorstellung, die Wirtschaft sei das Böse. Als ob es da draußen ‚eine Wirtschaft‘ geben würde, die allein Arbeitsplätze abbaut, die Umwelt belastet und das Klima zerstört“, sagt Univ.-Prof. Dr. Bernd Gössling vom Institut für Organisation und Lernen, Bereich Wirtschaftspädagogik an der Universität Innsbruck. Diese Argumentation, so seine Sichtweise, „ist an vielen Stellen fehlgeleitet und Ausdruck von mangelndem ökonomischen Verständnis“. 


Wirtschaftswesen

Die Anfänge der industriellen Massenproduktion waren es etwa, die die breite Bevölkerung aus der Armut geholt haben. Gewissermaßen unser gesamter derzeitiger gesellschaftlicher Wohlstand fußt darauf. Unternehmer sind nicht nur diejenigen, die Arbeitsplätze abbauen, sondern auch jene, die sie schaffen. „Die Vorstellung, dass wir Menschen losgelöst und getrennt von der Wirtschaft leben, ist kategorisch verfehlt“, nennt es Gössling. „Es kann keine Wirtschaft ohne Menschen geben. Solange wir Menschen Bedürfnisse haben und Güter benötigen, solange werden wir wirtschaften müssen. Das war immer so (selbst wenn man in die Frühzeit zurückgeht) und das wird immer so sein. Es ist eine anthropologische Dimension menschlicher Existenz. Natürlich kann man sich die Frage stellen, wie diese Güter produziert werden sollen, und so manche derzeitige Vorgangsweise in Frage stellen. Wir können uns wünschen, dass dies energieeffizienter und ressourcenschonender passiert oder dass überhaupt andere Güter hergestellt und gerechter verteilt werden. Nur per se so zu tun, als wäre DIE Wirtschaft der Feind, das funktioniert nicht. Nirgends. Indem wir auf einem Markt Produkte kaufen, schaffen wir auch die Voraussetzungen für ihre Produktion.“

Dieser Ansatz – dass Wirtschaft letztlich wir alle sind und damit jeder Einzelne etwa durch sein Konsumverhalten dafür Verantwortung trägt – verstärkt das Bildungsdilemma zusätzlich. Er zeigt, dass diese wirtschaftlichen Kreisläufe und Zusammenhänge durchaus bildungswirksam sein können, weil sie in der Folge eine Art Einladung darstellen, das eigene Leben bewusst(er) zu gestalten. Und das ist sehr nahe dran am Verständnis davon, was Bildung sein soll. Nämlich das Ermöglichen einer zielgerichteten und emanzipierten Lebensgestaltung. Gössling: „Der mündige Bürger ist heute in demokratischen Gesellschaften das Bildungsideal. Wie man dort hinkommt, ist umstritten und letztlich eine Frage der Überzeugung. So gibt es die einen, die sagen, wirklich gebildet ist nur, wer sich mit den klassischen europäischen Schriften der Aufklärung auskennt, zum Beispiel dem Schrifttum von Immanuel Kant, andere erklären, genau solche Bildungsinhalte sind für viele nicht zugänglich, bildungswirksamer ist stattdessen die Auseinandersetzung mit Phänomenen wie den Handelsströmen rund um den Globus und unsere Verwobenheit darin.“ Das Ziel kann in beiden Fällen dasselbe sein: Das Erkennen-Lernen von Zusammenhängen – einmal theoretisch (wie es derzeit „zweckfrei“ gelehrt wird), einmal praktisch (wie es eventuell mehr Sinn machte).

Erreicht man den Bildungsanspruch durch Beschäftigung mit der Ilias, der Bibel, mit mathematischen Formeln oder ökonomischer Theorie? Es wird immer verschiedene Wege geben: „Man kann aus der Auseinandersetzung mit dem Weltbild von Kant Kritikfähigkeit aufbauen oder auf vielen anderen Wegen, indem man sich zum Beispiel mit klassischen Modellen über Marktgleichgewichte beschäftigt und feststellt, dass die Regel, wenn der Preis steigt, die Nachfrage sinkt, zum Beispiel bei einem Run auf Kryptowährungen nicht gilt. Die Frage ist für mich: Was brauchen die Menschen? Wenn man das, was Bildung bei Menschen bewirkt, Mündigkeit, Einsicht in Zusammenhänge, Lernkompetenz und anderes, als formale Ebene der Bildung ansieht, ist es tragisch, wenn hehre Vorstellungen von der Wichtigkeit bestimmter Inhalte, die materiale Ebene, Schüler hervorbringt, die mangels erkannter Relevanz mit dem tradierten Schulstoff auch die Bildung ablehnen, die sie eigentlich bräuchten, weil sie zu sehr nach Schule ‚riecht‘. Das sehe ich derzeit durchaus als Problem.“ Mehr denn je zählt heute, dass junge Menschen zu souveränen, unabhängigen und solidaritätsfähigen Bürgern werden. Die Bedeutung von Bildung und Bildungseinrichtungen steigt weiter an. Was die dafür passenden Bildungsgegenstände sind, darum wird wohl auch weiterhin gestritten werden.


Text: Marina Bernardi
Aus: eco.nova Nr. 05 / Juni 2021

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