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Life

Gerüstbau-Virtuosin

2.2.2024

Baustellen sind eine Männerdomäne. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, bedarf es keiner gesonderten statistischen Auswertung. Ein kurzer Lokalaugenschein hinab in die nächstgelegene Baugrube genügt, um diese Branche zum Paradebeispiel für ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis zu küren. Katharina Cibulka (48) studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der New York Film Academy. Sie wagte sich in einem blauen Overall, der bestimmt nicht zufällig an einen „Blaumann“ erinnert, mit ihrem Team genau in diese Männerdomäne. 2018 hatte sie mit ihren aufsehenerregenden temporären Interventionen im öffentlichen Raum auf Gerüsten von Baustellen begonnen. Gesellschaftspolitische Botschaften in groß gestickten, magentafarbenen Lettern, die immer mit dem Wort „Solange“ beginnen und mit dem Wort „Feminist:in“ aufhören, weisen auf Ungleichheiten hin. Diese Sätze sorgen für Applaus und Zustimmung, aber auch für Ablehnung und Empörung.

Ein beständig stark frequentiertes Café in der Nähe des Goldenen Dachls. Es wuselt nur so von Leuten, der Lärmpegel ist beträchtlich hoch. Katharina Cibulka trinkt bedächtig ihren Tee, dabei wählt sie ihre Worte glasklar: „Ich bin für eine Frauenquote, weil sich sonst nichts ändert. Ich hätte kein Problem damit, eine Quotenfrau zu sein“, gibt sie eines ihrer feministischen Credos zu Protokoll. Gleichzeitig wird deutlich: Zwei Kinder und das Leben als freischaffende Künstlerin haben ihre Zeitressourcen sehr beansprucht. Cibulka weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, eine berufliche Karriere zu verfolgen, ohne dabei die Bedürfnisse geliebter Kinder zu übersehen. Sie kennt den Spagat, die Unruhe, den Stress, die Zweifel.

Vertieft man sich in den soeben im renommierten Hirmer Verlag erschienenen Katalog „Let’s go equal. The Solange Project“, offenbart sich in der strukturiert dokumentierten Zusammenschau, dass Cibulka mit ihrem zukunftsweisenden, auf Teamwork basierenden Kunstprojekt einen gesellschaftlichen Nerv getroffen hat. Die Texte wurden von ihrer Kollegin und Mitherausgeberin Tina Themel konzipiert und verfasst. Man spürt, dass hier eine sensible Kommunikationswissenschaftlerin mit Fokus auf Gender Studies am Werk war. Auf einzelnen Doppelseiten finden sich auch Rückmeldungen von Betrachterinnen, lobende und niederschmetternde Feedbacks. Cibulkas Kunstinstallationen sind temporär, das bedeutet, sie verschwinden irgendwann wieder von der Bildfläche, sobald eine Baustelle fertig gestellt wird. Umso wichtiger war die genaue fotografische Dokumentation ihrer Interventionen und die Veröffentlichung der vorliegenden Publikation, die aufschlussreiche Interviews enthält, etwa mit der Künstlerin und ihrem Team, aber auch mit anderen wichtigen Expertinnen, zum Beispiel dem Männlichkeitsforscher Paul Scheibelhofer. Der Katalog veranschaulicht außerdem, dass Cibulka ihre Netze nicht nur auf Baustellen in Österreich spannte, sondern auch in Deutschland, Frankreich, Italien, den USA und auch auf der ersten Biennale für zeitgenössische Kunst im marokkanischen Rabat.

Das Besondere: Abdelkader Damani, Kurator der Biennale, beschloss gegen anfängliche Widerstände eine Female-only-Schau zu kuratieren. Cibulka erzählt, dass Damani 65 künstlerische Positionen vorschwebten, ihm aber nach der Zusage prompt nur acht Künstlerinnen einfielen, dafür umso mehr Künstler. Für Cibulka sei dieser Umstand symptomatisch, „man findet überall gute Frauen, in jeder Sparte, man müsse jedoch mehr suchen“. Kurator Damani entdeckte sie und ermöglichte, wie Cibulka feststellt, „eine wunderschöne Biennale mit Künstlerinnen aus der ganzen Welt“.

Mitdenken erwünscht

Cibulka fordert vor jeder Solange-Intervention die Menschen zum Mitdenken auf. Damit bekommt sie sehr viele Botschaften zugesandt, die sie akribisch in ihre Sammlung aufnimmt. Mittlerweile sind es schon über 10.000. Cibulka resümiert: „Das zeigt uns, wie aktuell das Thema Feminismus nach wie vor ist.“ Ein Instagram-Account mit 12.700 Followern sorgt für überregionale Wahrnehmung. Wirft man einen Blick darauf, sieht man, dass auch auf Social Media eifrig über das Solange-Projekt diskutiert wird. Man findet viele Solange-Botschaften, darunter auch diese: „Solange Quotenfrauen verspottet werden, bin ich Feministin.“

Das heute international gefeierte Solange-Projekt nahm in Innsbruck seinen Anfang. Auf einem im Bau befindlichen Hochhaus in der Bienerstraße war von Februar bis Mai 2018 der Satz zu lesen: „Solange ich von Karriere rede und du Familienmanagement meinst, bin ich Feministin.“ Ungleichheiten werden öffentlich angesprochen, obwohl die persönliche Anrede eigentlich einen privaten Dialog impliziert. Eine vermeintlich leise Anmerkung, die ein grundlegendes Missverständnis aufklären möchte, prangt plötzlich in riesigen Lettern im öffentlichen Raum. Das Private wird öffentlich und damit politisch. Die gestickten Lettern verweisen auf die traditionelle, kleinteilige Handarbeit. Durch die Verschiebung des Maßstabs erreicht Cibulka eine Veränderung vom Kleinen ins Gigantische. Das ist Cibulkas künstlerisches Programm: Botschaften, großformatig gestickt auf Gerüstnetzen, tragen Privates an die Öffentlichkeit.

Cibulka agiert allerdings nicht nur im urbanen Raum, sondern wagt sich auch in ländliche Gefilde, so etwa ins Ötztal oder neuerdings ins oberösterreichische Bad Ischl. In einem Interview, das sich auch im Katalog nachlesen lässt, begründet sie, warum es ihr auch wichtig ist, Solange-Sätze im Dialekt zu verfassen: „Sprache ist emotional. Einen Satz im eigenen Dialekt so groß zu platzieren, erzielt eine andere Wirkung als ein hochdeutscher Satz.“ Katharina Cibulkas neuestes Projekt, das im Rahmen des europäischen Kulturhauptstadtjahres 2024 in Bad Ischl präsentiert wurde, ist ebenso im Dialekt formuliert. Der Satz lautet: „Solong ois bleibt, weils oiwei scho so woa, bin i Feminist:in.“ Mit dem Doppelpunkt sind alle Geschlechter mitgemeint. Eine Ansprache im Dialekt ist unverfälscht, erzeugt Vertrautheit und Intimität. Menschen fühlen sich auf einer emotionalen Ebene angesprochen. Die vielen Reaktionen aus der Bevölkerung sind ein Beleg dafür.

Katharina Cibulka fordert ihre Betrachterinnen heraus und riskiert mit ihren prominent platzierten Botschaften auch negative Reaktionen wie diese: „Und dafür zahlen wir Steuern.“ Cibulka zeigt sich über die abfälligen Reaktionen verwundert. „Man könnte über diese Texte doch auch schmunzeln, aber viele Menschen fühlen sich ertappt oder angegriffen, vor allem durch das Wort Feministin. Das ist nach wie vor das größte Reizwort“, stellt die Künstlerin nüchtern fest. Laut eigenen Angaben gehe es ihr nicht um Provokation oder um Ausgrenzung. Im Gegenteil: Sie will den Dialog, das offene Gespräch. Welchen Erkenntnisgewinn zieht Katharina Cibulka aus ihrem Solange-Projekt? „Wir Menschen müssen sehr achtsam sein, dass wichtige feministische Errungenschaften nicht wieder rückgängig gemacht werden. Der Frauenanteil in der Berufswelt verringert sich wieder, dazu trägt meines Erachtens auch der enorme Rechtsruck bei. Es gibt immer noch Männer, die sich für feministisch halten. Sie sind es aber oft gar nicht wirklich konsequent. Die Bereitschaft sich für eine faire Gesellschaft einzusetzen, ist grundsätzlich gegeben, aber es ist eine große Schwierigkeit, die gewohnten Pfade zu verlassen, die uns geprägt haben. Ich hoffe darauf, dass die nächste Generation anders geprägt ist.“

Feminismus meets Kabreett

Katharina Cibulkas künstlerischer Ansatz, private Themen öffentlich zur Diskussion zu stellen, findet sich auch im Œuvre anderer Kunstschaffender, beispielsweise im Werk des Tiroler Satirikers und Autors Otto Grünmandl (1924–2000). Auch seine Arbeiten oszillieren an der Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Kontext. „Heraus aus den vier Wänden! Hinaus in die Welt!“ lautet eine seiner Forderungen. Das Tiroler Landestheater, das sich seit kurzem unter der Führung von Irene Girkinger zu neuen Ufern aufmacht, präsentiert in dieser Saison ein Stück mit dem Titel „Als Wappenadler bin ich eine Schildkröte“, das den stets umtriebigen und unangepassten Haller Künstler würdigt. Cibulka wurde zu ihrer eigenen Überraschung mit der Aufgabe betraut, das Bühnenbild für dieses Stück zu gestalten. Eine Premiere für die bildende Künstlerin.

Wie kann man das Lebenswerk und eine gleichzeitig so facettenreiche und humorvolle Person, wie es Otto Grünmandl war, auf einer Bühne visualisieren? „Es ist natürlich eine große Herausforderung, als bildende Künstlerin ein Bühnenbild zu gestalten, und das auch gleich auf der großen Bühne am Tiroler Landestheater. Meine Bedingung war: Ich wollte Regisseur Alexander Kratzer zuerst persönlich kennenlernen.“ Nach dieser Begegnung wusste Cibulka, dass sie es gemeinsam mit dem engagierten Theaterteam schaffen kann. „Das Bühnenbild ist parallel zur Bühnenfassung entstanden und damit war es ein schöner gemeinsamer Prozess.“Es ist ein kalter Winterabend am 13. Jänner 2024, die Tiroler Kulturszene präsentiert sich in leuchtendem Gewand. Aufführungszeit am Tiroler Landestheater mit Cibulka-Prägung. Das Ergebnis: ein lustiges, aber auch tiefgreifendes Theaterstück, begleitet von der genialen Musikbanda Franui. Das Stück beschäftigt sich mit dem Gesamtwerk von Grünmandl, collagenhaft, ohne einen linearen Erzählstrang. Da und dort tauchen Zitate auf. „Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus“, einer der legendären Grünmandl-Sprüche, permanent wiederholt. Ebenso werden Sequenzen der berühmten „Alpenländischen Interviews“ nachgespielt.

Cibulka hat sich intensiv mit Otto Grünmandl beschäftigt. „Ich habe viele Texte von Grünmandl gelesen, mich aber bewusst dazu entschieden, keine anderen Bühnenbilder anzusehen. Ich wollte mich auf meine eigenen Ideen konzentrieren. Baugerüste sind mein Material. Ich habe aus den genormten Gerüststangen das Bühnenbild gebaut. In diesem großen Gerüstraum gibt es viele kleine Zimmer und ganz viele Möglichkeiten, Theater zu spielen. Man könnte diese Zimmer mit den Synapsen des Gehirns von Otto Grünmandl vergleichen. Es entstand ein großer Möglichkeitsraum für diese Collage, die viele Facetten von Grünmandls künstlerischem Schaffen beleuchtet“, beschreibt Cibulka ebenso sachlich wie eindringlich ihren künstlerischen Input.

Diese Theateraufführung eröffnet vielfältige Räume. In einem raschen Wechsel erlebt man Heiteres und Lustvolles, aber auch skurril-absurde Szenen, menschliches Mit- und Gegeneinander. Es gibt sogar vertauschte Geschlechterrollen: Eine Frau parodiert einen Skifahrer-Macho von gestern und wirkt dabei genauso lächerlich und unsympathisch. Lachflash-Garantie. Regisseur Kratzer wagte auch Interventionen im Zuschauerinnenraum, um die Übergänge vom privaten zum öffentlichen Raum herauszustreichen. Die Franui-Musikerin wird plötzlich zur Akteurin auf der Bühne und Schauspielerinnen spazieren durch das Publikum.

Cibulka wäre keine bildende Künstlerin, würde sie sich allein auf das Bühnenbild beschränken. An der Fassade des Landestheaters hängt eine Bierkisten-Installation, ein Verweis auf Grünmandl, der Bierkisten in seinen Bühnenbildern oft zu Möbeln umfunktionierte. In den Schaukästen im Landestheater ist zu lesen: „Jo, da kannst nix machen, es isch wie es isch?“ „Ich habe dieses Grünmandl-Zitat mit einem Fragezeichen versehen“, sagt Cibulka. „Ich wollte diese Resignation und diesen Weltschmerz, den wir alle spüren, thematisieren.“ Die Botschaft: Probleme sollten nicht im privaten Raum bei einem Bier hinuntergeschluckt, sondern in der Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden. Ein Aufruf zu mehr Solidarität, Verbundenheit und Aktivismus. Das ist Cibulkas und Grünmandls Botschaft. Mehr Miteinander, weniger Gegeneinander, denn daraus könnte die Hoffnung geschöpft werden, dass wir Menschen ineinandergelehnt, statt voneinander abgegrenzt, eine Linderung unserer gesellschaftlichen Inflammationen erwirken. Oder um es mit einem Solange-Satz zu sagen: „Solange die Hoffnung, die wir verbreiten, stärker ist als die Angst, der wir begegnen, bin ich Feminist:in.“


Text: Gerlinde Tamerl
Fotos: In the Headroom, Cibulka

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