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Life

Perspektivenwechsel

9.3.2023

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Wer das gesagt hat, ist nicht überliefert, es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass da etwas dran ist. Wir sind nämlich darauf konditioniert, andere Menschen sofort irgendwo einzusortieren. In gut oder schlecht, in Freund oder Feind-Kategorien. Evolutionär betrachtet war das sicher in der Menschheitsgeschichte ein Vorteil, oft musste es schnell gehen, ein Zögern konnte todbringend sein. Es ist schwer, dieses evolutionäre Schema, das überwiegend unbewusst abläuft, abzustreifen. Dazu braucht es ein Bewusstsein dafür, wie es sich mit dem ersten Eindruck verhält. „Wenige haben die Kraft der Vernunft, die Wahrnehmungen des Verstandes zu überstimmen, und noch weniger haben Neugier oder Wohlwollen, um sich lange gegen den ersten Eindruck zu wehren: wer daher in seinem ersten Eindruck nicht gefällt, wird sofort abgewiesen und erhält nie Gelegenheit, seine letzten Vorzüge oder wesentlichen Eigenschaften zu zeigen“, wusste schon der englische Gelehrte Samuel Johnson (1709-1784). Mit diesem Schicksal möchte sich die 37-Jährige Chrissi Obwexer aus Matrei in Osttirol partout nicht abfinden. Der Umgang, den die Gesellschaft mit dem Thema Behinderung pflegt, ist von Ambivalenz und Verkrampftheit, von Berührungsängsten und Tabus geprägt. Das tritt in Form unbeholfener Metaphern – „an den Rollstuhl bzw. ans Bett gefesselt“ – genauso zutage wie im reflexhaften Mitleid, das Menschen mit Behinderung entgegengebracht wird. „Viele Leute wissen im ersten Moment nicht, wie sie mit mir umgehen sollen“, weiß Obwexer aus Erfahrung. Sie hat es endgültig satt, im ersten Eindruck auf ihre Behinderung reduziert zu werden und sich von dort aus hinaufarbeiten zu müssen. Die Matreierin sitzt seit ihrem 18. Lebensjahr im Rollstuhl. Dass sie sich dabei und damit mehr bewegt als viele andere Menschen, geschenkt. Ihr Rollstuhl hat Chrissi Obwexer nicht im mindesten daran gehindert, ein sportlich aktives, glückliches und erfülltes Leben zu führen. „Ich bin sportlicher und abenteuerlustiger, als ich es vor meinem Unfall war“, sagt sie über sich. Als ausgebildete Skilehrerin bringt sie Menschen mit Behinderung das Skifahren bei, wenn sie nicht gerade ihrem Brotberuf in der Bezirkshauptmannschaft Lienz nachgeht. Außerdem ist sie im Snowclan aktiv, einem Verein, der den Behindertenskilauf in Tirol fördert und seit 2018 die Schneeschmelzgaudi durchführt. Das ist ein Rennen, in dem Menschen mit und ohne Handicap in zufällig ausgelosten Teams gegeneinander antreten. Dabei werden Spenden und Sponsorengelder lukriert, die unbürokratisch an Menschen in Not weitergegeben werden.


Einen zweiten Blick wagen

Chrissi Obwexers neuestes Projekt „Auf den zweiten Blick“ ist ihr ein Herzensanliegen, geboren aus der Erfahrung, die sie selbst als Behinderte im täglichen Leben macht. Die Unbeholfenheit, mit der ihr andere oft begegnen, macht etwas mit ihr. „Sie führt dazu, dass ich das Gefühl habe, besser sein zu müssen als alle anderen, damit man mir auf Augenhöhe begegnet“, erzählt Obwexer. „Ich will kein Mitleid, sondern ich will, dass man mich einfach ganz normal behandelt.“ Das ist freilich kein singuläres Problem, mit dem Obwexer allein konfrontiert ist, sondern sehr viele Menschen mit Behinderung. „Behinderte werden gerne hervorgeholt, wenn es darum geht, ein Objekt des Mitleids zu haben oder sie werden zu Helden hochstilisiert. Das eine ist so falsch wie das andere.“ Inspirieren möchte Chrissi Obwexer vielmehr dadurch, dass sie nicht anders ist als jeder andere Mensch. „Ich arbeite, betreibe Sport, habe Freunde, habe gute und schlechte Tage, wie eben jeder andere auch.“ Sie hat sich überlegt, wie man den nachvollziehbaren Wunsch, nicht auf eine einzelne Kategorie – in diesem Fall Behinderung – reduziert zu werden, öffentlichkeitswirksam ins gesellschaftliche Bewusstsein rücken könnte.


Mit der Macht des Lichtbilds

Das Format der Wahl zum Transport der Botschaft ist das Foto geworden. Mit der Macht des Lichtbilds sollen körperbehinderte Menschen „auf eine coole, positive und vielleicht etwas provokante Art ins Rampenlicht gestellt werden“, erklärt die Projektinitiatorin. Geistig behinderte Menschen stehen zwar zweifellos vor ähnlichen Problemen und Herausforderungen wie körperlich Behinderte, finden einstweilen in Obwexers Konzept noch keinen Raum. Was nicht ist, kann ja noch werden. Dass bei den dargestellten Menschen etwas anders ist als bei den meisten anderen, soll dem Betrachter in der fotografischen Darstellung nicht sofort ins Auge fallen, sondern erst, wie es der Projekttitel verrät, „auf den zweiten Blick.“ Auf Menschen, die es gewohnt sind, im Modus des Mitleids auf Rollstuhlfahrer und andere behinderte Menschen sprichwörtlich herabzuschauen, könnte die selbstbewusste Inszenierung der Fotos provokant wirken. Diesen Kollateralnutzen nimmt Chrissi Obwexer gerne in Kauf, sie kalkuliert sogar damit. Das Projekt soll schließlich niemanden kalt lassen und dazu anregen, den eigenen Umgang mit der Kategorie „Behinderung“ zu reflektieren. Diesbezüglich hätte freilich auch die Politik einige Aufgaben zu erledigen, denn es gibt – ein kurzer Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention genügt – einen rechtsverbindlichen Anspruch auf ein chancengleiches Leben, der nicht von der kollektiven Mildtätigkeit bekannter Formate wie „Licht ins Dunkel“ abhängig gemacht werden darf. Im Profifotografen Thomas „Jack“ Griesbeck, der aus Schliersee stammt und in Kitzbühel lebt, hat sie via Social Media per Zufall den idealen Projektpartner für ihr Vorhaben gefunden, der ihr nach einem ersten Kennenlernen im Handumdrehen einen Konzeptentwurf geschickt hat. „Mir war es wichtig, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der keinerlei Scheu hat und an die Grenzen des Machbaren geht“, meint die Projektleiterin. In Griesbeck hat sie dafür garantiert den richtigen Lichtmaler gefunden, der seine Fähigkeiten im Projekt als Art Director einbringt und sich zudem in der Sport- und Outdoorfotografie mehr als wohlfühlt. In den kommenden Monaten sollen zusätzlich zu den bisherigen Porträts noch aufwendigere und spektakulärere Fotos in der Natur entstehen, die im Herbst im Rahmen von Vernissagen an unterschiedlichen Orten einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. „Wir wollen immer wieder neue Geschichten von spannenden Menschen erzählen. Es wäre schön, wenn wir das irgendwann in internationalem Maßstab tun könnten", schaut Obwexer in die Zukunft.


Herausragend normal

Die Menschen, die Obwexer bislang für ihr Projekt begeistern konnte, sind allesamt herausragend und ganz normal zugleich. „Es gehört viel Mut dazu, normal zu sein“, sagt Chrissi Obwexer. Wings for Life-Botschafterin Julia Macchietto und Robert Mayer, Behindertensportler par excellence, mehrfacher Welt- und Europameister und Paralympics-Teilnehmer, stellten sich ebenso in den Dienst der guten Sache wie der blinde Bergsteiger, Kletterer und Everest-Bezwinger Andy Holzer und Christoph Bischlager, 151-facher (!) Deutscher Meister in den unterschiedlichsten sportlichen Disziplinen. „Wir zeigen zum Beispiel, dass auch eine Frau, die nur einen Arm hat, in einem Trägerkleid wunderschön aussehen kann“, sagt Chrissi Obwexer. Als Background für das Fotoshooting diente eine äußerst urige Alm im Tauerntal, die sich im Besitz der Familie Obwexer befindet. „Die Alm ist nicht barrierefrei. Davon haben wir uns allerdings nicht behindern lassen und dort mit dem ganzen Team tolle Fotos gemacht“, sagt Obwexer. Neben Fotograf Thomas Griesbeck sind auch Autorin Silvia Ebner und die Visagistinnen Viktoria Riepler und Christina Ganzer mit von der Partie. Aus manchen Rückmeldungen zum Projekt hat sie herausgehört, dass das Sportliche zu sehr im Vordergrund stehe. Damit ist Chrissi Obwexer nicht einverstanden: „Ich finde, dass es sehr wichtig ist, sportlich aktiv zu sein. Bewegung ist gerade für körperbehinderte Menschen sehr gesund.“ Bewegung ist mit dem Aufstieg der Sozialen Medien auch in das öffentliche Bild von Behinderung gekommen, findet die Matreierin. Als Vorkämpferin für Barrierefreiheit und Gleichbehandlung sieht sie sich aber nicht. Es gebe bereits genügend Individuen und Institutionen, die sich diesen wichtigen Kampf auf die Fahnen geschrieben hätten. „Mein Ziel ist es zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung ein erfülltes Leben führen und eine hohe Lebensqualität haben können.“ Bis jetzt sind behinderte Menschen oft auf einen zweiten Blick angewiesen, um den ersten Eindruck, den sie erwecken, zu verändern. Es ist ein Eindruck, der weniger mit dem zu tun hat, was ist, sondern vielmehr damit, was über lange Zeit sozial angelernt und gesellschaftlich vermittelt wurde. Sind Projekte wie jenes von Chrissi Obwexer erfolgreich, muss das nicht zwingend so bleiben und es genügt schon ein einziger Blick, um zu erkennen: Behinderte Menschen sind ganz normal.

Text: Marian Kröll

Fotos: Thomas Griesbeck

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