
In Tirol trägt die Industrie rund 35 Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung bei und ist trotz Dauerkrisen erstaunlich resilient. Wir haben mit Karlheinz Wex, Obmann der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Tirol, über die Herausforderungen eines exportorientierten Standorts, Bürokratie und Fachkräftemangel gesprochen und über die Frage, warum Optimismus für Unternehmer*innen keine Option, sondern Voraussetzung ist.
eco.nova: Tirol gilt in der Wahrnehmung nicht als klassisches Industrieland wie etwa Oberösterreich und dennoch ist die Industrie ein zentraler Wertschöpfungsmotor. Wird die Bedeutung der Industrie für Tirol politisch und gesellschaftlich Ihrer Meinung unterschätzt? Karlheinz Wex: Die Frage ist eher: Hat die Industrie ein Image- oder ein Wahrnehmungsproblem? In Tirol ist das Thema Tourismus kommunikativ natürlich sehr stark besetzt, gleichzeitig ist die Industrie stark export-orientiert. Unsere primären Ansprechpartner sind unsere weltweiten Kund*innen und dort hat die Industrie definitiv kein Imageproblem. Natürlich geht es aber auch um heimische Stakeholder, um die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber oder darum, wie die Industrie gesellschaftlich wahrgenommen wird. Hier gibt es durchaus Fehleinschätzungen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Heil oft in der Dienstleistung gesucht. Viele Länder haben sich von der Industrie wegentwickelt, um dann festzustellen, dass diese ein zentraler Bestandteil ist. Viele Dienstleistungen wären ohne Industrie gar nicht möglich. Schauen Sie sich die IT an: Ohne Halbleiterindustrie gäbe es am Ende auch keine IT-Dienstleistungen. Industrie schafft die Grundlage für vieles andere und viele Länder haben zunehmend erkannt, dass eine starke Industrie essentiell für den Wohlstand einer Volkswirtschaft ist. Deshalb glaube ich nicht, dass die Industrie grundsätzlich ein Imageproblem hat, doch man muss kontinuierlich daran arbeiten, die Branche als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren. Gerade im aktuell stark umkämpften Arbeitsmarkt.
Fachkräfte zu finden, bleibt branchenübergreifend schwierig … Durchaus. Das hängt klar mit der demografischen Entwicklung zusammen. Darunter leiden wir wie viele andere auch. Ein zentrales Thema für uns ist die Lehre, die für die Industrie nach wie vor ein wesentlicher Grundpfeiler in der Ausbildung von Facharbeiter*innen ist. Doch auch hier haben wir ein Problem. Ich habe die Erwartung, dass ein Kind nach neun Jahren Pflichtschule zumindest die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen so weit beherrscht, um eine Lehre erfolgreich abzuschließen. Leider ist das heute nicht immer der Fall. Das ist aus meiner Sicht ein grundsätzliches Problem unseres Bildungssystems. Dabei reden wir nicht von höheren Anforderungen als früher, sondern von elementaren Kulturtechniken. Zur demografischen Entwicklung kommt also noch diese Schwäche in unserem Bildungssystem dazu. Das ist leider Realität. Wir haben bei Plansee beispielsweise nicht das Thema, zu wenige Bewerbungen für Lehrstellen zu bekommen. Jedes Jahr bewerben sich rund 130 Jugendliche für ca. 35 Lehrstellen. Wir schaffen es am Ende allerdings gerade einmal, davon jene 35 auszuwählen, bei denen wir davon ausgehen, dass sie die Lehre auch erfolgreich abschließen können. Das zeigt sehr eindrücklich, wie herausfordernd die Situation geworden ist.
In der Industrie ist der Anteil an Großbetrieben im Vergleich zu anderen Branchen verhältnismäßig hoch, dennoch ist Tirol stark von KMU-Strukturen und Familienunternehmen geprägt. Ist genau diese Struktur in Krisenzeiten eher ein Stabilitätsfaktor oder fehlt dadurch manchmal die industrielle Schlagkraft? Wenn man auf Österreich als Gesamtes blickt, sieht man, dass in der Industrie in den vergangenen sechs Jahren im Schnitt rund 10.000 Arbeitsplätze pro Jahr verloren gegangen sind. In Tirol ist die Anzahl der Beschäftigten vergleichsweise stabil geblieben. Das zeigt, wie resilient unsere Unternehmen sind. Das hängt vor allem stark mit unserem Branchemix zusammen. Wir haben starke Bereiche wie die Pharmaindustrie, die Elektroindustrie oder den Maschinenbau. Auch die Bauindustrie ist generell ein starkes Standbein, wobei diese derzeit sehr zu leiden hat. Dazu kommen viele mittelständische Familienunternehmen. Gerade Unternehmen im Privateigentum denken oft langfristiger und ich bin überzeugt, dass dieses langfristige Denken widerstandsfähiger gegenüber Krisen macht. Und von denen hatten wir in den vergangenen Jahren genug. Man hat mit Covid, dem Ukrainekrieg und dem Nahostkonflikt das Gefühl einer Dauerkrise. Trotzdem entwickelt sich unsere Industrie erstaunlich stabil.
Europa spricht viel von strategischer Autonomie, Resilienz und Reindustrialisierung. Kommt davon in der Praxis etwas bei den heimischen Industriebtrieben an? Wenn man sich die industriepolitischen Rahmenbedingungen anschaut, passiert aus meiner Sicht nach wie vor viel zu wenig. Ein großes Thema ist die Bürokratie. Noch immer. Besonders problematisch wird es, wenn europäische Richtlinien in Österreich noch zusätzlich verschärft werden, das sogenannte Goldplating. Man sieht das aktuell etwa bei der Entgelt-Transparenzrichtlinie oder der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die Grundidee dahinter ist oft sinnvoll, aber die Umsetzung wird so komplex, dass das Thema am Ende negativ wahrgenommen wird. Dazu kommt unsere föderale Struktur. Europäische Richtlinien werden in Österreich nicht nur national umgesetzt, sondern teilweise noch in jedem Bundesland unterschiedlich interpretiert. Das macht vieles unnötig kompliziert. Damit verlieren wir international an Wettbewerbsfähigkeit, etwa durch steigende Energiepreise und Arbeitskosten. Österreich lag bei den Energiepreisen früher leicht unter dem europäischen Durchschnitt, heute deutlich darüber. Auch die Inflation wurde bei uns damit stärker angeheizt als in vergleichbaren Ländern.
Stichwort Bürokratie und Regulierungswut: Fehlt in Österreich der Mut zu handeln oder anders gefragt, ist Österreich zu vorsichtig geworden? Diese überbordende Bürokratie ist schon ein strukturelles Problem. Wir reden immer von Bürokratieabbau, aber derzeit habe ich das Gefühl, dass für jede Regel, die man mühsam abbaut, fünf neue dazukommen. Dazu kommt diese österreichische Tendenz zur Übererfüllung von Vorgaben. Hier schießt man klar übers Ziel hinaus. Natürlich brauchen wir Regeln, diese Überregulierung führt langfristig jedoch zu einem Wohlstandsverlust. Dieses Bewusstsein ist in Österreich aus meiner Sicht zu wenig ausgeprägt. Andere Länder zeigen, dass es auch anders geht. Dänemark zum Beispiel hat dieselben EU-Vorgaben, setzt diese jedoch völlig anders um. Mit deutlich besseren Ergebnissen für Mensch und Wirtschaft. Ich bin generell ein Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, die uns sehr erfolgreich gemacht hat. Mittlerweile haben wir uns jedoch in Richtung Regulierungswirtschaft entwickelt. Unternehmen brauchen Verlässlichkeit und Klarheit. Auf dieser Basis wird in die Zukunft investiert. Die Regulierungswut sorgt für Verunsicherung, weil Regeln von heute morgen nicht mehr gelten. Es ist geopolitisch bereits chaotisch genug, deshalb braucht es zumindest nationale Stabilität.
Viele Unternehmer*innen sprechen inzwischen weniger von „Wachstum“ als von „Standortsicherung“. Ist das ein Mentalitätswechsel oder Ausdruck von Verunsicherung? Das ist vor allem ein realistischer Blick auf die globale Entwicklung. Die großen Wachstumsraten sind vorbei, gleichzeitig ist der internationale Wettbewerb deutlich härter geworden. Andere Regionen haben massiv aufgeholt, technologisch und strategisch. Deshalb spricht man heute stärker über Standortqualität. Die Frage lautet: Können wir bestimmte Produkte morgen überhaupt noch wettbewerbsfähig in Österreich herstellen?
War Europa in diesem Zusammenhang zu selbstsicher? Ja, wahrscheinlich schon. Europa hat sich in manchen Bereichen überschätzt und Risiken unterschätzt. Wenn man sich die USA oder China anschaut, sieht man einen viel stärkeren strategischen Fokus, wenn auch auf verschiedene Weisen. China hat sich gezielt Ressourcen und Technologien gesichert und arbeitet fokussiert auf das Ziel hin, die Nummer eins der Welt zu werden. Europa war hier teilweise zu blauäugig.
Tirol positioniert sich gerne als Innovationsstandort. Wo sehen Sie internationale Spitzenpositionen Tiroler Industriebetriebe? Innovation ist tatsächlich eine große Stärke Tirols. Wir gehören heute zu den Top-30-Industrieregionen in Europa, im Zuge der Tiroler Industriestrategie möchten wir Richtung Top 20 kommen. Wenn wir uns die Kennzahlen dieses Rankings anschauen, sind wir in Bezug auf Innovation dort extrem gut positioniert. Die Tiroler Industrie investiert jährlich rund 450 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Dazu kommt die gute Zusammenarbeit zwischen Industrie und Universitäten. Tirol ist in vielen Bereichen technologisch hervorragend aufgestellt, hier jemanden Spezifischen herauszugreifen, würde allen anderen Unrecht tun. Wenn wir von einem Innovationsstandort als Gesamtes reden, dann ist das keine Selbstüberschätzung, sondern faktisch belegbar.
Wo besteht in diesem Zusammenhang Aufholbedarf? Ganz klar bei Infrastruktur und Basisbildung. Die Verkehrsinfrastruktur ist ein großes Thema. Der Flughafen Innsbruck beispielsweise ist ein echtes Problem, die internationalen Anbindungen sind sehr schwach. Auch die Start-up-Kultur ist hierzulande leider noch wenig ausgeprägt. Wirklich neue Ideen tun sich in Österreich oft schwer in der Umsetzung.
Wie gut ist Tirol in Sachen Digitalisierung und Automatisierung aufgestellt? Automatisierung und Digitalisierung waren für die Industrie immer zentrale Themen. Nun kommt noch die Künstliche Intelligenz dazu, die unsere Gesellschaft massiv verändern wird. Am Ende des Tages geht es darum, im internationalen Wettbewerb zu bestehen, und wer bei neuen Technologien nicht dranbleibt, verliert sehr schnell an Boden.
Auch Nachhaltigkeit ist längst mehr als nur eine Imagefrage, sondern Kosten- und Wettbewerbsfaktor. Wie sehen Sie das Thema? Das Thema Nachhaltigkeit scheint in der letzten Zeit etwas nach unten auf der Prioritätenliste gerutscht zu sein, doch für mich steht es nach wie vor ganz oben. Für mich ist Nachhaltigkeit eng mit langfristigem Denken verbunden. Ein Unternehmen, das sich nicht damit auseinandersetzt, wird langfristig weder als Arbeitgeber attraktiv sein noch wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Dabei geht es nicht nur um Themen wie CO2-Reduktion oder Umweltfragen, es geht genauso um soziale Verantwortung und den Umgang mit Mitarbeiter*innen, Kund*innen und Lieferant*innen. Nachhaltigkeit zeigt sich oft besonders in Krisenzeiten: Dann erkennt man, ob Beziehungen langfristig und vertrauensvoll aufgebaut wurden.
Wie kann Tirol ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleiben? Wir sind sehr innovativ und haben viele starke Unternehmen. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen: Bürokratie, Arbeitskosten, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitssystem. All das beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit. Und für mich ganz wesentlich: Technologieoffenheit. Ich glaube an die Technologie und bin überzeugt, dass wir die Probleme, die wir heute haben, nicht mit zusätzlichen Regeln lösen werden, sondern mit Technologie. Die Politik muss einen Rahmen vorgeben und klare Ziele setzen. Die richtigen Ideen zu finden, um diese zu erreichen, obliegt den Unternehmen.
Die meisten Probleme, die wir derzeit im Land haben, liegen seit Langem auf dem Tisch. Wird man nicht irgendwann müde, immer wieder darauf hinweisen zu müssen? Natürlich ist manches frustrierend. Viele Entscheidungen oder eben Nicht-Entscheidungen sind stark interessengeprägt. Ich habe oft das Gefühl, bei Diskussionen ums Gesundheitssystem geht es nicht um die Patient*innen, in der Bildung nicht um die Schüler*innen. Es geht nicht um den Wohlstand, den es am Ende des Tages zu mehren gilt, und nicht darum, Optimismus für die nächste Generation zu schüren. Das Ergebnis sind ideologische, faktenbefreite Entscheidungen. Dennoch darf man den Mut nicht verlieren. Die Industrie und Unternehmertum im Allgemeinen braucht einen gewissen Grundoptimismus. Ohne diesen Optimismus kann man nicht unternehmerisch denken und investieren.
Wie verorten Sie die aktuelle Stimmung in der heimischen Industrie? Sehr differenziert. Manche Branchen laufen sehr gut, andere kämpfen massiv, etwa die Automobilzulieferindustrie oder Teile der Bauindustrie. Insgesamt ist die Stimmung jedoch besser als vor einem Jahr. Die Nahostkrise hat einiges an Optimismus gedämpft, dennoch ist die Branche heute insgesamt etwas positiver gestimmt als zuletzt.
Wie macht man jenen Unternehmen Mut, die aktuell stark unter Druck stehen? Der Schlüssel liegt in der Innovation. Unternehmen müssen neue Produkte, neue Anwendungen und neue Märkte erschließen. Genau das hat unsere Industrie in der Vergangenheit stark gemacht. Wenn ein Unternehmen irgendwann keine Chance mehr sieht, bestimmte Produkte in Österreich wettbewerbsfähig herzustellen, beginnt die Verlagerung. Und ist ein Unternehmen einmal weg, kommt es nicht zurück. Deshalb müssen wir uns auf jene Bereiche konzentrieren, in denen wir innovativ und wettbewerbsfähig bleiben können.
Interview: Marina Bernardi
Foto: Franz Oss

